Sportpark Paulshöhe erhalten! Dynamo Schwerins Kampf auf und neben dem Rasen

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 15 Mai 2017    
 
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Zu Gast bei der SG Dynamo Schwerin
Foto: Marco Bertram

Niemals aufgeben! Kämpfen bis zum Umfallen, kämpfen bis zur letzten Minute! So geschehen im Herbst 1990, als die SG Dynamo Schwerin - kurz zuvor in Polizei SV Schwerin umbenannt - im Europapokal der Pokalsieger gegen Austria Wien antrat. Als krasser Außenseiter musste man sich im heimischen Mecklenburg-Vorpommern (gespielt werden musste im Rostocker Ostseestadion) recht knapp mit 0:2 geschlagen geben, doch auswärts konnte sogar ein torloses Remis erkämpft werden. Am Abend des Tags der Deutschen Einheit machten sich die Spieler aus Schwerin vor 1.200 Zuschauern im Franz-Horr-Stadion zu Legenden. Zuvor hatte Schwerin am 02. Juni 1990 im FDGB-Pokal-Finale gestanden. Vor 5.750 Zuschauern im Jahn-Sportpark verloren die Schweriner gegen die SG Dynamo Dresden denkbar knapp mit 1:2. In der damaligen Schweriner Mannschaft standen bekannte Spieler wie Andreas Reinke, Matthias Stammann und Steffen Baumgart. 27 Jahre später galt es am gestrigen Sonntag wieder alles auf dem Rasen zu geben. Unter altem Namen, mit altem Logo, im heimischen Sportpark Paulshöhe, im Ligensystem ein paar Etagen tiefer. Vor rund 300 Zuschauern konnte die gut kämpfende Mannschaft gegen die SG 03 Ludwigslust / Grabow einen 0:2-Rückstand aufholen und am Ende sogar fast noch das Landesliga-Duell komplett drehen. Letztendlich blieb es gegen den Tabellenvierten aus „Lulu“ beim verdienten 2:2, das von den Fans wie ein gefühlter Sieg gefeiert wurde.

Und nicht nur auf dem Rasen wird gekämpft. Auch abseits des Sportlichen müssen Verein und Fans alles geben. Der Sportpark Paulshöhe soll abgerissen werden. Stattdessen möchte die Stadt Schwerin dort acht luxuriöse Einfamilienhäuser bauen lassen. Bereits seit Jahren schwebt das Damoklesschwert über der SG Dynamo Schwerin, bereits seit Jahren wird mit allen Bandagen gekämpft. Manche Joker mussten gezogen werden. Fledermäuse im alten anliegenden Gebäude als kleine Option. Der Denkmalschutz indes als großes As. Ohne Wenn und Aber - der Sportplatz Paulshöhe muss erhalten bleiben. Und somit war auch gestern am Rande des Spiels dieses Thematik das Hauptgesprächsthema.

demo

Bereits seit geraumer Zeit befand sich die SG Dynamo Schwerin auf der persönlichen Arbeitsliste. Immer wieder kam jedoch etwas dazwischen, immer wieder lockten die Partien in den oberen Ligen. Da die Sache mit dem Abriss nun jedoch akut zu werden scheint, wurde sich am gestrigen Morgen in den Regionalexpress gesetzt - die Landeshauptstadt Schwerin als Ziel. Pfaffenteich, Altstadt, Schnitzelessen, drei Bier zum Entspannen. Vorbei am Schloss führt der Weg in Richtung Stadion. Wie beim großen Namensvetter in Dresden spaziert man an der Lennéstraße (hier mit Akzent) entlang, um sein Ziel zu erreichen. Vorbei am Wasser und sündhaft teuren Wohnhäusern ist man schon bald am Sportpark Paulshöhe, der bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet wurde und anfangs dem Schweriner FC 03 als Heimstätte diente. Die offizielle Eröffnung nach der festen Bebauung erfolgte am 20. August 1922. Somit gehört dieser Sportplatz zu den ältesten Sportanlagen Deutschlands. Kein Wunder also, dass von den für den Erhalt kämpfenden Fußballfreunden der Denkmalschutz-Joker aus dem Ärmel geholt wurde. Zurecht!

schwerin

Sogleich am Eingang erfolgte ein erstes freundliches Gespräch mit einem Ordner, wenig später wurden wir von einem der „Alten“ in den Vereinstreff geführt. Vor und nach den Heimspielen und auch mal zwischendurch treffen sich hier die Fans der SG Dynamo Schwerin. Die Wände sind voll gehängt mit diversen Schals, Wimpeln, alten Programmheften und zahlreichen Fotos. So zum Beispiel auch ein Wimpel von der Aufstiegsrunde 1975. Damals hatte es Schwerin mit dem 1. FC Union Berlin, der BSG Chemie Leipzig, der BSG Energie Cottbus und der BSG Wismut Gera zu tun. Der Sprung von der DDR-Liga in die DDR-Oberliga wurde jedoch verpasst. Immerhin 30 Jahre lang war Dynamo Schwerin zu DDR-Zeiten zweitklassig. Nicht zu übersehen hängt an der Wand ein Spielankündigungsplakat aus dem Jahr 1986. Am 22. November jenes Jahres empfingen die Weinroten aus Schwerin den F.C. Hansa Rostock. Weitere Sternstunden gab es in der eingangs erwähnten FDGB-Pokal-Saison 1989/90. Im Viertel- und Halbfinale gaben der 1. FC Magdeburg und der 1. FC Lokomotive Leipzig ihre Visitenkarte auf der Paulshöhe ab - und mussten als Verlierer die Stadt verlassen. Hektisch wurde es damals auf den Rängen. Die Gäste standen damals auf der Seite, wo heute die Heimfans beheimatet sind. Die Dynamo-Anhänger nahmen damals auf der Nordseite Platz. Auf dem dortigen Stehplatzrang fanden einst 3.000 Fans ihren Platz. In der Realität dürften es bei diesen Topspielen mehr Fußballfreunde gewesen, die von dort aus ihre Mannschaft anpeitschten.

Paulshöhe

Ich hatte mir im Vorfeld etliche Fotos angeschaut, in der Realität wirkt jedoch alles noch einmal ganz anders. 2014 tippte ich einen ersten Bericht über die „Initiative zum Erhalt der Paulshöhe“. Ein altes Fußballstadion erhalten? Völlig klar, dass man sich dafür gern einsetzt. Ganz egal, wo es sich befindet. Ob in Köln, in Leipzig, in Berlin, in Solingen oder eben in Schwerin. Dass zudem die verfügbaren Mittel eines relativ kleinen Vereins arg begrenzt sind, dürfte ebenso klar sein. Jeder Euro zählt, und so ging auch am gestrigen Sonntag der Spendenbecher durch die Reihen. Über 160 Euro kamen zusammen, das Geld soll für die Organisation der geplanten Demonstration durch Schwerin am 18. Juni 2017 genutzt werden.

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Was den Erhalt des Sportparks Paulshöhe angeht, so sprechen die Fußballfreunde in Schwerin mit einer Stimme. Auch die meisten Anhänger des F.C. Hansa Rostock dürften sich ganz klar für den Erhalt dieser Spielstätte aussprechen, und so dürften einige FCH-Fans der Schweriner Fraktion samt Umland an der geplanten Demo teilnehmen. Auch im Ligaalltag sind Hansa-Fans auf den Rängen zu finden. Während die aktive weinrote Anhängerschaft ihren Stammplatz hinter dem Tor hat, finden sich jene eher auf der Gegengerade zum entspannten Pläuschchen ein. Hansa-Farben können ganz klar im Stadion der SG Dynamo Schwerin offen getragen werden. Probleme gibt es keine, man akzeptiert sich - und das ist äußerst erfreulich. Was den aktiven Heimblock betrifft, so hat man das Gefühl, dass dort die Anhängerschaft des BFC Dynamo im Kleinformat steht. Ähnlicher Kleidungsstil, ähnliche Statur, ähnlicher Humor, ähnlicher Gesang. Und ja, auch wenn manch einer der Alten für einen Fremden ein wenig angsteinflößend wirken mag, so sind diese in der Regel stets offen für ein Gespräch bei einem frisch gezapften Bier.

schwerin

Und bei den gestrigen Gesprächen kam Erstaunliches zutage. So möchte die SG Dynamo Schwerin - unabhängig von der Stadionproblematik - angreifen und dem FC Mecklenburg Schwerin ganz klar den Rang ablaufen. Noch spielt der FCM, in dem einst über Fusionen auch Dynamo Schwerin / FSV Schwerin aufging (die jetzige wiedergegründete SG Dynamo Schwerin startete 2003 neu in der Kreisliga), zwei Etagen höher in der Nordstaffel der NOFV-Oberliga, doch soll es gar nicht mal so lange dauern, bis die SG Dynamo Schwerin ebenfalls in der Fünftklassigkeit angesiedelt ist. Der große Unterschied zwischen beiden Vereinen: Die SG Dynamo weiß selbst in der siebten Liga eine aktive Fanszene hinter sich - sowohl daheim, als auch auswärts. Ein paar relevante Personen sollen bereits vom FC Mecklenburg zur SG Dynamo gewechselt sein. Auf dem Rasen nicht allzu gut sah es indes am gestrigen Nachmittag in der ersten Halbzeit aus. Nach einer halben Stunde lag Schwerin mit 0:2 zurück. Ein gewaltiges Schippchen draufgelegt werden konnte im zweiten Spielabschnitt. Völlig verdient konnte Dynamo die Partie ausgleichen, Daniel Scheel machte beide Buden. Nach dem Ausgleich war sogar der Führungstreffer drin, doch vielleicht wäre dies auch des Guten zu viel gewesen.

Paulshöhe

Nach dem Spiel blieb viel Zeit im und am Vereinsheim. Noch ein, zwei Bier. Weitere Gespräche über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Vereins. Und wie soll nun der Kampf um den Erhalt der Paulshöhe angegangen werden? Etwas bierseelig gingen einige Argumente unter, eine heitere Diskussion begann. Was zu tun ist? Ganz klar muss für die Demonstration am 18. Juni 2017, die um 10 Uhr am Schweriner Hauptbahnhof starten und dann zum Stadion führen wird, kräftig mobilisiert werden. Ob auch andere Farben erwünscht sind? Ganz klar, wurde uns erklärt. Jeder kann an diesem Protestmarsch teilnehmen. Je mehr mitlaufen, desto besser sind die Argumente bei kommenden Gesprächen mit den Stadtvertretern. Zwar scheint der Kampf aufgrund der Kündigung bereits verloren, doch aufgeben sollte man niemals. Man weiß nie, in welchem Moment dann doch der rettende Notanker auftaucht, um den drohenden Abriss zu verhindern oder zumindest erheblich zu verzögern!

Paulshöhe

Und so werden auch wir am 18. Juni 2017 vor Ort in Schwerin sein. An dieser Stelle ein großes Dankeschön für die Gastfreundschaft in Schwerin - sowohl von den Jungs in Weinrot, als auch von denen in Blau-Weiß-Rot! 

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: SG Dynamo Schwerin

 

Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
2:2
Zuschauerzahl:
300
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Der Abriss wäre ein Drama! Sollen die ihre Häuser woanders ans Ufer bauen. Gibt genug Wasser in Schwerin und Umgebung!

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Viel Glück bei der geplanten Demo!!

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