Spartaks Jurmala vs. Ventspils: russischsprachiger Ü40-Support und ein selbstgebastelter Gästeblock

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 11 Mai 2017    
 
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Fans des FK Spartaks Jurmala
Foto: Marco Bertram

Zuerst die Checkliste. Eintritt: Null Euro. Zuschauer: Geschätzte 300. Mitmachquote in den jeweiligen Stehblöcken: Nahezu 100 Prozent. Tore: Null. Spielniveau: Hm ja. Kommerzieller Krimskram: Fehlanzeige! Bier und Bratwurst: Fehlanzeige! Spaßfaktor: Auf der Skala von 1 bis 100 eine klare 100. Von was für einem Spiel die Rede ist? Irgendein kultiges unterklassiges Spiel? Nein, wir sprechen vom Spitzenspiel der lettischen Virsliga! Der Tabellenerste empfing am vergangenen Wochenende den Tabellenzweiten. Rein sportlich geht derzeit nicht mehr im lettischen Fußballoberhaus. Kann ja nur Skonto Riga sein, dürfte dem einen oder anderen sofort gedanklich aufkommen. Doch halt, der lettische Serien- und Rekordmeister (1991 bis 2004 sowie 2010) nimmt ja derzeit aufgrund der Lizenzverweigerung nicht am Spielbetrieb teil. Viel mehr ist die Rede vom Duell FK Spartaks Jurmala vs. FK Ventspils. Ventspils? Diese Stadt bzw. dieser Verein dürfte den meisten Fußballfreunden etwas sagen. 2009/10 hatten es die Jungs aus dem Westen Lettlands in die Gruppenphase der Europa League geschafft. Neben Sporting Lissabon und dem SC Heerenveen war Hertha BSC der Gegner. Und die Berliner hatten mit den Letten ordentlich zu knabbern. Daheim nur ein mageres 1:0, auswärts kamen die Berliner nicht über ein 1:1 hinaus. Da kiekste wa?! Blöd in die Wäsche geguckt hatten in den letzten Jahren auch ein paar andere. So mussten sich in den jeweiligen Qualifikationsrunden des UEFA-Pokals vor ein paar Jahren Wisla Plock und Bröndby IF gegen Ventspils geschlagen geben. Und auch der FC Zürich konnte in der EL-Qualifikation 2009 ein lettisches Liedchen trällern. Kurzum: Der FK Ventspils tauchte immer wieder in den Schlagzeilen auf. Aber wer ist bitte schön der FK Spartaks Jurmala?!

Der eine oder andere fanatische Hopper wird sicherlich schon sein Kreuzchen in Jurmala gemacht haben, der breiten Masse dürfte dieser Vereinsname jedoch eher ein Fremdwort sein. Das liegt an den wenigen sportlichen Erfolgen, erst in den vergangenen zwei Spielzeiten tauchte der FK Spartaks auf der europäischen Landkarte auf. 2015/16 schlug Spartaks Jurmala in der ersten EL-Qualifikationsrunde den FK Buducnost Podgorica, musste sich dann aber in der nächsten Runde dem FK Vojvodina Novi Sad geschlagen geben. Im Sommer 2016 war in der ersten EL-Qualifikationsrunde Dinamo Minsk eine Nummer zu groß. Der bislang größte Erfolg ganz klar: 2016 wurde erstmals der lettische Meistertitel eingefahren! Am Ende der Saison, die von März 2016 bis November 2016 ging, verwies Spartaks Jurmala den FK Jelgava und den FK Ventspils auf die Plätze zwei und drei. In der Saison zuvor war Jurmala nur auf Rang fünf zu finden, Meister wurde damals der FK Liepaja vor Skonto Riga.

Riga

Auf nach Jurmala, hieß es am vergangenen Wochenende. Tasche gepackt und in Berlin-Schönefeld in den Flieger nach Riga gestiegen. Am Heckflügel die Harfe, im Handgepäck das Nötigste. Her den handgerührten Cappuccino, und ebenso warm wie das Getränk im Pappbecher war es bei Ankunft auf dem Rollfeld. Es schien, als sei man in den Süden geflogen. Während in Mitteleuropa noch immer die subpolare Luft wütete und Wolken herbeibrachte, wurde Lettland von der Sonne verwöhnt. Gleich nach Ankunft wurde deutlich, weshalb Lettland in der EU einen Spitzenplatz in Sachen Netzausbau einnimmt. W-Lan im Kleinbus, W-Lan in fast jedem Restaurant, im Zug und auf den Bahnhöfen. Ohne Anmeldung, stets mit gutem Empfang. So muss das sein.  Mit Händen und Füßen eingecheckt im Hostel - die Hausdame konnte kein Wort Englisch - und dann hinein in die riesigen Markthallen hinter dem Hauptbahnhof, in denen man so ziemlich alles bekommt, was das Herz begehrt. Kein Touristenmagnet, sondern ein echter Dreh- und Angelpunkt für die Einheimischen. Vom Großmütterchen mit Kopftuch bis hin zum Großeinkäufer. Für kleines Geld ist es dort möglich, in einem der kleinen Imbiss-Restaurants oder an einem Stand was leckeres zu futtern. Alles preiswert, außer Bier! Alkoholische Getränke sind zwar aus Sicht eines Deutschen durchaus bezahlbar, doch für Einheimische sind es im Vergleich bereits skandinavische Verhältnisse.

Riga

Ich will gar nicht zu weit ausholen, denn zum Thema Lettland / Riga / Jurmala wird es in unserer Reiserubrik noch einen langen Bericht geben, doch eine Anekdote soll auch hier rasch erzählt werden. Ja, wir ließen es am ersten Nachmittag in der Altstadt ein wenig laufen. Dunkles Bier im Krug - gemeinsam mit dazugesetzten Deutschen, einem lettischen Eishockeyspieler und einem Aserbaidschaner. Die Zeit verging wie im Fluge, und zu später Stunde wollte ich noch zwei, drei Flaschen Bier in einem Supermarkt holen. Den Absacker für das Zimmer. Zugegriffen und ab zur Kasse, wo sich bereits das Wachpersonal positionierte. Grimmige Blicke, ich schaute einfach mal grimmig zurück. Als ich an der Reihe war, griff die genervte Kassiererin die Flaschen und stellte sie hinter sich auf den Boden. Wie jetzt?! „Come back tomorrow morning!“, wurde mir vom Wachschutz mitgeteilt. Kein Alkoholverkauf nach 22 Uhr! Bier in einer Kneipe - okay. Verkauf in Läden, Imbissen und Supermärkten - ein mehr als striktes Nein! Ohne Wenn und Aber. Laut Statistik ist Lettland neben Weißrussland führend beim Alkoholkonsum, und somit soll das Ganze ein wenig eingedämmt werden.

Riga

Sonntag. Spieltag in Jurmala. Daheim am Schreibtisch wurde bereits alles vorbereitet. Wo würde denn nun Spartaks Jurmala spielen? Bei einem Spitzenspiel würde es naheliegen, dass die Partie im Slokas Stadion Jurmala angepfiffen wird, denn dieses hat eine ordentliche Haupttribüne mit rund 2.500 Sitzen. Einige bekannte Seiten gaben auch dieses Stadion als Austragungsort an. Beim zweiten Blick wurde jedoch klar, dass ziemlich sicher im Kauguru vidusskolas stadions gespielt werden würde. Dieses Stadion ist eher ein Sportplatz, direkt neben einer Sportschule, gelegen ebenfalls im Stadtteil Sloka. Und ganz wichtig bei der Reiseplanung: Mal eben mit dem alten, rustikalen Zug der Latvijas Dzelzcls nach Jurmala fahren ist nicht, denn die Station „Jurmala“ gibt es nicht. Die 55.000-Einwohner-Stadt, die sich nordwestlich von Riga befindet, erstreckt sich viele Kilometer entlang der Ostseeküste. Praktisch: Auf dem gekauften Ticket, das in diesem Fall gerade mal 1,90 Euro kostet, ist der Streckenplan der lettischen Eisenbahn abgedruckt. Sternförmig verlaufen fünf Linien mit der russischen Spurbreite von 1520 Millimeter Spurbreite nach Aizkraukle, Skulte, Sigulda, Jelgava und Tukums. Auf der blauen Strecke nach Tukums befinden sich die Bahnhöfe der Stadt Jurmala. Möchte man dem FK Spartaks Jurmala einen Besuch abstatten, fährt man bis zur Station Sloka.

Sloka

Ein Hauch von Russland, ein Hauch von Skandinavien - beim Fahren mit dem Zug von Riga nach Sloka wird die Zeit gefühlt entschleunigt. Zurücklehnen im Großraumwagen, aus dem Fenster schauen, die Leute beobachten, den lettischen Ansagen beim Einfahren an den einzelnen Bahnhöfen lauschen. In Sloka selbst geht es vorbei an zahlreichen unsanierten Plattenbauten und alten Holzhäusern rund 2,5 Kilometer in Richtung Meer. Während das größere Slokas Stadion recht nahe am Bahnhof liegt, befindet sich das kleinere Kauguru vidusskolas stadions an einer Hauptstraße unweit des Ostseestrandes. Und ja, man kann das Stadion, oder besser gesagt den Sportplatz, schon mal übersehen. Wir standen quasi fast direkt davor und fragten noch einmal nach dem Weg. Einmal quer rüber. 

Ventspils

En punto Anstoßzeit war man sich wohl im Vorfeld nicht ganz einig. Im Netz wurde ständig die Uhrzeit zwischen 13 und 14 Uhr umgestellt. Um halb eins war auf dem Sportplatz noch Totentanz. Wird hier überhaupt gespielt? Aber da, schau an, in just jenem Moment rollte der Mannschaftsbus des FK Ventspils heran, und auch das in dunklen Anzügen gekleidete Schiedsrichterteam inspizierte den Kunstrasenplatz und die Tornetze. Nachdem für einen schmalen Taler in einem nahen Imbiss super lecker gespeist wurde, hieß es auch für uns im Stadion vorbeizuschauen. Zwei Ordner standen am Einlass und nickten nur. Abgetastet wurde niemand, es galt allein zu prüfen, ob jemand einen Beutel Bierflaschen mit hinein schleppen würde. Eintritt musste nicht gezahlt werden, Programmhefte waren nicht erhältlich, und leider gab es auch keinen einzigen Stand, der Getränke oder Gegrilltes anbietet. 

Was für ein Gegensatz zum westeuropäischen Fußball! Krasser könnten die Unterschiede zwischen einem deutschen Bundesligaspiel und einem lettischen Virsligaspiel nicht sein. Allerdings muss an dieser Stelle betont werden, dass Fußball in Lettland nur auf Rang drei steht. Basketball und Eishockey stehen in der Gunst der lettischen Sportsfreunde ganz klar vorn. Beim Fußball liegen die Zuschauerzahlen meist im dreistelligen Bereich, selten kommen mehr als 1.000 Zuschauer zu einem Liga- oder Pokalspiel. Aber wie heißt es so schön? Klein, aber fein! Und ab mit dem Fünfer ins Phrasenschwein! Aus Ventspils waren zirka zehn Fans angereist, vier von ihnen bauten sich vor Anpfiff an der äußeren Seite einen kleinen abgeschirmten Gästebereich. Improvisation ist alles. In Absprache mit den Ordnern durften ein paar Hürden mitgenommen werden. An diesen wurde dann das „Ventspils Ultras“-Banner befestigt. Nachdem das gelb-blaue Stück Stoff hing, konnte der Support von den vier Männern aufgenommen werden. 

Ventspils

Auf Heimseite tat sich auch etwas kurz nach Anpfiff. Während die Mannschaften vorgestellt wurden, klatschten sich zehn Spartaks-Fans auf einem kleinen Stehpodest ein. Nach einem eher russisch klingenden Lied zum Einstand folgte ein klassisches „Spartak Jurmala!“ klatsch, klatsch, klatsch, klatsch. Man würde vermuten, dass der Nachwuchs aus den nahen Plattenbauten sich wohl versuchen würde, doch in diesem Fall wurde es eher eine Ü40-Party. Rustikale Männer mit Kapuzen, Schals, dunklen Jacken und ernstem Gesichtsausdruck. Fast nonstop wurde die eigene Mannschaft akustisch unterstützt, mitunter gab es richtig gute melodische Lieder zu hören. Und ja, plötzlich waren definitiv russische Brocken zu verstehen. Was wohl auch nicht verwundert, immerhin stellen die Russen mit knapp 30 Prozent die größte Minderheit in Lettland. Aus welchem Grund das „Spartaks“ in den Namen des erst 2007 gegründeten Vereins genommen wurde, ist nicht ganz klar. Interessanterweise heißt der aktuelle Präsident des Vereins Spartaks Melkumjans.

Jurmala

Das Spiel auf dem Kunstrasen war nicht das Gelbe vom Ei. Der Einsatz stimmte, doch wirklich hochkarätige Tormöglichkeiten waren Mangelware. Das Niveau dieses Spitzenspiels mit einer Liga in Deutschland zu vergleichen, ist schwer. Es wäre unfair, einfach das Ganze abzustempeln und zu sagen, dies entspräche ganz klar der Oberliga. Man denke an dieser Stelle an die Überraschungserfolge des FK Ventspils in all den vergangenen Jahren. Und bekanntlich gilt die lettische Nationalmannschaft als die stärkste der baltischen Staaten. 2004 nahm Lettland sogar an der Europameisterschaft in Portugal teil. 

Jurmala

Angenehm war das Ambiente beim FK Spartaks Jurmala auf jeden Fall. Zwei kleine Fanblöcke, fairer Applaus bei guten Aktionen beider Seiten, zahlreiche Kinder wuselten am Rande des Geschehens herum und spielten Fange. Im Heimblock zog dann doch einer mal rasch eine große Plastikbierflasche aus der Tüte und nahm einen kräftigen Zug. Danach schüttelte er sich und stimmte wieder mit ein. Vor dem Block standen zwei Herren, die wohl szenekundige Beamte sein müssten. Eingreifen mussten sie nicht. Die Disziplin im Block wurde gewahrt. Als sich zwei Männer mit einem sichtlichen Alkoholproblem dazustellen wollten, wurden sie gebeten, sich doch besser auf eine der Sitzschalen zu pflanzen.

Jurmala

Gegen Ende des Spiels nahmen dann noch drei, vier Kids allen Mut zusammen und gesellten sich zu den Alten, die den Support sehr ernst nahmen und nach Abpfiff ein kräftiges Dankeschön von den eigenen Spielern bekamen. Die Partie endete 0:0, Spartaks Jurmala behauptete somit die Tabellenführung, und für uns hieß es erst einmal an den alten Holzhäusern vorbei zum Strand zu schlendern. Weitere Anekdoten aus Lettland gibt es in Kürze in der Reiserubrik zu lesen… Tiekamies velak!

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Lettland

> zur turus-Fotostrecke: Reiseimpressionen aus Lettland

 

Spielergebnis:
0:0
Zuschauerzahl:
300
Gästefans
10
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Vor Jahren mal Skonto als Gast beim Lokal-Derby in der ersten Liga gesehen. 300 Zuschauer, kein Eintritt, kein Schal, kein Essen. Immerhin damals bei Skonto schon ein paar Fans.
Spielten damals im Stadion der Uni. Übelst marode gewesen. Wie das Ding damals in Vilnius.

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Ha ha. Geil :-D

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Die Zuschauerkulissen sind krass mini. Wie viel kamen denn früher bei Skonto Riga? Die haben ja ein richtig großes modernes Stadion. War das wie in Skopje. Immer eine Mini Kurve, aber bei Top Spielen dann voll?

Gruß Heiko

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