Das Vergessen des Wesentlichen. Ein Kurzfilm, der stille Tränen vergießen lässt Hot

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 10 Mai 2017    
 
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Foto: Marco Bertram

Die ersten zehn Sekunden entscheiden. So sagt man. Die ersten Sekunden eines online gestellten Videos entscheiden, ob der User inmitten all der Datenflut und in unserer schnelllebigen Zeit sich das Filmchen weiter anschaut oder einfach wegklickt. Ist der Titel zudem nicht reißerisch genug, geht manch ein bravurös angefertigtes Werk in den Weiten des Netzes gnadenlos unter. Traurig aber wahr. Aber das Schöne: Über den einen oder anderen Kanal gerät solch ein Video dann doch in den Fokus einer größeren Zuschauerschaft. So auch beim vierminütigen Film von Simon Schwarz, bei dem Tim Zerban die Kamera geführt hatte. Mit dem Titel „Das Vergessen des Wesentlichen“ kommt der Kurzfilm sehr unscheinbar daher. In der hektischen, turbulenten Zeit dürften auch die ersten Sekunden des Filmes eher wenige aufhorchen lassen. „Ich sitze gerade in Omas Wohnzimmer und Oma ist nicht da, deswegen möchte ich die Chance ergreifen, etwas festzuhalten, was mir schon ziemlich lange auf der Zunge liegt …“ Hm ja, was soll das schon sein, mögen nicht wenige zufällig Reingeklickte denken. Ein Blogger, der über die allgemeine politische Situation spricht? Über den Weltfrieden? Über seinen eigenen inneren Frieden?

Nach zehn weiteren Sekunden dürfte der eine oder andere das erste Mal aufhorchen. Simon spricht von etwas für das Leben unfassbar Wichtigem - vom Tod. Und es folgen sehr gut gewählte Worte. „Wenn du beginnst, vom Tod aus über das Leben nachzudenken, machst du dir früher Gedanken darüber, was du für die nächsten Generationen deiner Familie hinterlässt.“ Es folgen weitere nachdenkliche Sätze, parallel dazu ist im Video zu sehen, wie sich Simon mit seiner Oma gemeinsam alte Familienalben und Dias im Wohnzimmer anschaut. Ein Gruppenfoto bei einem größeren Anlass, eine Person in einer weiten einsamen Landschaft, ein Garten, eine Garage, ein Portrait von einem sitzenden Mann, der sicherlich der Großvater ist. Nachdenken. In sich gehen. Wer bin ich eigentlich? Wer sind wir eigentlich?

Vergessen des Wesentlichen

Simon Schwarz ist ein hervorragender Übergang gelungen. Nach exakt einer Minute folgen der eingeblendete Titel und die ersten historischen Filmaufnahmen von einem Steinkohlebergwerk des Ruhrgebietes. „Opa Herrmann arbeitete unter Tage. Bis ihm bei einer Schlagwetterexplosion das Trommelfell platzte … und er umlernen musste“, erklärt Simon im Video. Das alte Eisentor mit den gekreuzten Hämmern schließt sich. Seine Kumpels malochten weiter, einige sahen nie wieder das Tageslicht und starben qualvoll bei Bergbauunglücken oder an den Folgen des Kohlenstaubs. Ein Blick in geschwärzte Gesichter. Und all diese Kumpel hatten kein Mitspracherecht, waren nur Mittel zum Zweck für die Profitmaximierung der Industrie, betont Simon. 

Das größte Bedürfnis der Bergarbeiter war jedoch nicht das Geld, sondern die Zeit, um wenigstens einmal einen Spaziergang an der frischen Luft machen zu können. Bereits jetzt schnürt sich beim Betrachter des Videos ein wenig der Hals zusammen. Was für eine Zeit! Was für Arbeitsverhältnisse! Bei Minute 1:50 kommt Simon schließlich auf den Fußball zu sprechen. Während im Hintergrund historische schwarz-weiß-Aufnahmen eines Spiels zu sehen sind, erklärt er: „Beim Fußball wurden die Karten neu verteilt. Junge Kumpel und Fabrikarbeiter gründeten den FC Schalke, und immer mehr Menschen erkannten sich selbst in den Jungs. Werte von Untertage wie Zusammenhalt oder Aufopferung für einander konnten im Stadion voller Emotion weitergelebt werden.“ Geschaffen wurde bei all den Rückschritten der Generation ein erster Schritt Richtung Menschlichkeit, so Simon. So war jedes Tor ein Ventil für angestaute Emotionen. Unabhängig von der aktuellen Lebenssituation löste jedes Tor unbändige Freude aus.

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Zu sehen sind nun im Kurzfilm jubelnde Menschenmassen auf unüberdachten Rängen. Mit dem Kopf wurde der Ball in das rustikale, massiv errichtete Torgehäuse untergebracht. Als Zuschauer sollte man sich Zeit nehmen, die Aufnahmen wirken lassen. Noch ein-, zweimal zurückspulen. Darüber nachdenken, welchen Stellenwert der Fußball für die arbeitende Bevölkerung hatte. Wie das Verhältnis zwischen Spielern und Zuschauern war. Beim Anblick der jubelnden Leute, der auf den Bäumen und Brüstungen sitzenden Männer und Frauen kann durchaus die eine oder andere Träne zum Fließen gebracht werden. Was für ein knochenharte Zeit auf der einen Seite, die unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern mitunter erleben mussten. Was für eine befreiende Atmosphäre im Stadion auf der anderen Seite. Diese gelösten, strahlenden Gesichter, die damals von der Kamera eingefangen wurden. Inmitten des Platzes wurde die Mannschaft gefeiert, ein Titel wurde errungen.

Ein hübscher Sprung in die neuere Zeit ist Simon Schwarz gelungen, indem er Aufnahmen vom UEFA-Pokalsieg des FC Schalke 04 im Frühjahr 1997 zeigt. „Jaaaa! Das ist ja unfassbar!“, brüllt der TV-Kommentator. „93. Spielminute!!!!“ Spieler jubeln, auf den Rängen brennen Bengalen. „Schalke 04 holt den UEFA-Pokal!!!“ Oha, dieser Zusammenschnitt nimmt einen mit, auch wenn man kein S04-Fan ist. Der Europapokalsieg der Schalker hatte sich wahrlich eingebrannt. Auch wenn damals in den 90ern bereits die Kommerzialisierung massiv voranschritt, so wirkte dieser Schalker Außenseitersieg gegen Inter Mailand wie ein Sieg in ganz, ganz alten Zeiten. Das Umfeld! Die Fans! Das alte Parkstadion! Es roch noch nach einer Fußballzeit, in der das Geld nicht DIE Rolle gespielt hatte. 

schalke

„Mit der Freude entstand eine gemeinsame Stimme, mit der sie bis heute ihre Lieder singt. Und mit dem Gesang fanden sie einen Weg, den Ursprung der Geschichte in Erinnerung zu behalten. Damit wir den Blick von unten bewahren und nicht vergessen, dass Messwerte wie Geld letztlich nur Mittel zum Zweck für die unermesslichen Werte einer Familie sind“, erklärt Simon. „Wenn heute das Steigerlied angestimmt wird, hört manch einer noch die Stimmen seiner Vorfahren mitsingen…“ Während Simon mit seiner Oma zum Grab ihres verstorbenen Mannes geht, erklingt im Hintergrund der Gesang des Steigerliedes. Seine abschließende Frage: „Spiegelt die Richtung, die Ihr eingeschlagen habt, wirklich das wider, das Ihr zutiefst wertschätzt? - Bist du der, der du bist?“

Parkstadion

… Selten wurden die Augen so feucht wie beim wiederholten Betrachten des Videos … wie beim Schreiben dieses Berichtes. Denn bei Betrachtung der aktuellen Entwicklungen des Fußballs muss leider gesagt werden: Vieles wurde über Bord geworfen, was einst den Fußball ausmachte …

Fotos: Marco Bertram, Karsten Höft, Screenshot youtube-Video 

> zur Video von Simon Schwarz „Das Vergessen des Wesentlichen“

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Sehr gut gemacht, Simon. Glück auf!

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Gänsehaut!

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