Vom FDGB-Pokal bis zur NOFV-Oberliga?! BSG / SV Einheit Kamenz im Portrait

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 13 April 2017    
 
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Zu Gast beim SV Einheit Kamenz
Foto: turus.net

Lang, lang ist´s her. Man schrieb den 21. Februar 1960, als die BSG Einheit Kamenz in der Qualifikationsrunde des FDGB-Pokals antrat. Pokal und Meisterschaft wurden in der DDR zu jenem Zeitpunkt im Kalenderjahr ausgespielt, im Jahr darauf wurde wieder auf das System mit Winter- und Sommerpause umgestellt. Als Bezirkspokalsieger im Bezirk Dresden - im Finale wurde Stahl Freital mit 4:2 bezwungen - nahm die BSG Einheit Kamenz gemeinsam mit 29 anderen Bezirkspokal-Finalisten sowie 54 Mannschaft der II. DDR-Liga und 14 Mannschaften der DDR-Liga an der Qualifikationsrunde teil. Und schau an, mit 3:2 wurde der Zweitligist Vorwärts Cottbus aus dem Wettbewerb gekegelt. In der ersten Hauptrunde musste am 13. März 1960 bei der BSG Motor Bautzen, die damals ebenfalls in der zweiten Liga anzutreffen war, die Visitenkarte abgegeben werden. Zu holen war in Bautzen nichts, das Spiel ging mit 0:2 verloren. Es blieb bis dato das einzige Mal, dass sich Einheit Kamenz auf großer Bühne präsentieren konnte.

56 Jahre später war Einheit Kamenz wieder kurz davor, in den nationalen Pokalwettbewerb einzuziehen. Am 26. März 2016 hatte der SV Einheit Kamenz die Möglichkeit den Sprung ins Finale des Sachsenpokals zu packen. 3.421 Zuschauer wollten im Stadion der Jugend die Partie gegen den FSV Zwickau sehen. Kamenz schlug sich wacker, konnte zwischenzeitlich zum 1:1 ausgleichen, musste sich aber am Ende gegen die Westsachsen mit 1:2 geschlagen geben. Aus der Traum vom Finale gegen den FC Erzgebirge Aue. Und nicht nur im Landespokal spielte der SV Einheit Kamenz in der Saison 2015/16 eine prima Rolle. In der Sachsenliga führte Kamenz am vorletzten Spieltag die Tabelle an und war drauf und dran Staffelsieger zu werden. Zwar wollte der Verein zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die NOFV-Oberliga aufsteigen, doch der Titel sollte mitgenommen werden. Am letzten Spieltag reichte es jedoch bei den Kickers 94 Markkleeberg nur zu einem 3:3. Nach 0:3-Rückstand wurde in der zweiten Halbzeit noch einmal ordentlich zum abschließenden Marsch geblasen. Vor 90 Zuschauern konnten auf dem Sportplatz Camillo Ugi die FSV-Spieler Felix Rehor, Ondrej Novotny und Karel Vrabec zum 3:3 ausgleichen, doch der Siegtreffer wollte in der Schlussphase nicht mehr gelingen. Staffelsieger wurde die BSG Chemie Leipzig, die nach dem 3:0-Sieg vor 3.622 Zuschauern im AKS den lang ersehnten Aufstieg in die Oberliga feierte.

Kamenz

Genau in diese möchte nun auch der SV Einheit Kamenz aufsteigen. Nachdem es zuvor noch am Geld und an der Infrastruktur gescheitert war, wurden nun ein paar Weichen gelegt. Für die Oberliga muss es schließlich einen abgetrennten Gästeblock und eine Anzeigetafel geben. Sportlich läuft es in der laufenden Saison nicht schlecht, doch der FC Eilenburg führt ungeschlagen das Feld an. Bei einer Eilenburger Ausbeute von 17 Siegen und vier Unentschieden ist es schwer, am Tabellenführer dran zu bleiben. Mit einer Bilanz von 15 Siegen, drei Unentschieden und drei Niederlagen befindet sich der SV Einheit Kamenz auf Rang zwei. Zuletzt musste daheim vor 106 Zuschauern ein Remis gegen den FV Eintracht Niesky hingenommen werden. Das Zepter übernahm sofort Kamenz. Das Spiel wurde zunächst bestimmt, es wurden gute Möglichkeiten herausgespielt, doch wie so oft wurden diese nicht verwertet. Nach der Kamenzer Sturm- und Drangphase kam Niesky besser in die Partie, und das Geschehen spielte sich bis zum Pausentee größtenteils zwischen den Strafräumen ab. 

Kamenz

Zu Beginn des zweiten Spielabschnitts hatten die Gäste die bislang fetteste Möglichkeit der Partie, der Ball klatschte an den Querbalken und konnte dann jedoch aus der Gefahrenzone befördert werden. Kamenz musste Geduld beweisen. In der 77. Minute erfolgte schließlich der Pfiff des Schiedsrichters. Elfmeter für Einheit Kamenz, Ondrej Novtny wurde mit einem Foul von den Beinen geholt. Den fälligen Strafstoß verwandelte Mannschaftskapitän Erich Prentki. 1:0 für Kamenz, nun hieß es die knappe Führung über die Zeit zu bringen. Dies sollte aber nicht gelingen, in der 85. Minute konnte Jablonski für Eintracht Niesky ausgleichen. Es blieb letztendlich beim 1:1, der dazu führte, dass der Rückstand zu Eilenburg, das vor 284 Zuschauern daheim mit 6:2 gegen den BSC Freiberg gewinnen konnte, auf sieben Punkte anwuchs. Wenn Eilenburg nicht urplötzlich komplett einbricht, sieht es ganz danach aus, dass der SV Einheit Kamenz noch eine Runde in der Sachsenliga drehen muss. Vielleicht tröstet es ja, dass die BSG Chemie Leipzig auch erst im zweiten ernsthaften Anlauf den Sprung in die Fünftklassigkeit packte.

Kamenz

Um auf den Landespokal zurückzukommen. Auch in dieser Saison hatte der SV Einheit Kamenz einen großen Gegner zu Gast, doch leider kam dieser ein, zwei Runden zu früh. Bereits am 04. September 2016 traf Kamenz im heimischen Stadion auf den Regionalligisten 1. FC Lokomotive Leipzig. Vor 553 Zuschauern - im Viertel- oder Halbfinale wären es sicherlich wieder weitaus mehr gewesen - konnten die Kamenzer nicht mithalten. Es reichte nur zum zwischenzeitlichen Anschlusstreffer zum 1:3 in der 87. Minute, die Partie endete schließlich mit 1:4. Bemerkenswert: In der Runde zuvor wurde am 19. August 2016 der FV Eintracht Niesky locker mit 7:1 vom Platz gefegt. Allein Karel Vrabec erzielte drei Treffer. Ebenso den Hut ziehen durfte man in der ersten Runde, als Kamenz mal eben so am 06. August 2016 bei der BSG Stahl Riesa mit 4:0 gewinnen konnte. Vor 321 Zuschauern gab es in der Stahl-Arena für beide Mannschaften eine rote Karte. Dass die intensiv geführte Partie von Kamenz so souverän gewonnen werden konnte, erstaunte den Beobachter.

Kamenz

Zum Saisonauftakt gab es sogleich das Duell gegen den FC Eilenburg. Vor 142 Zuschauern ging Kamenz Dank der Treffer von Stefan Höer und Sebastian Heine mit 2:0 in Führung. Die Partie kippte jedoch zugunsten der Eilenburger. Zunächst gab es Elfmeter für die Gäste, dann musste Kamenz einen Platzverweis verschmerzen. In der 85. Minute erfolgte schließlich der Ausgleich zum 2:2. Wie so oft in der Saison: Gut gespielt, gut gekämpft, doch wichtige Punkte wurden verschenkt. 

Die Abschlussplatzierungen der vergangenen Jahre in der Sachsen-Liga: 2016 - Rang zwei, 2015 - Rang 10 (drei Punkte Abzug wegen Nichterfüllung SR-Pflichtsoll), 2014 - Rang fünf, 2013 - Rang zwei, 2012 - Rang drei, 2011 - Rang drei, 2010 - Rang zwei, 2009 - Rang 13. Abgesehen von den zwei Aussetzern spielte der SV Einheit Kamenz also in den letzten Jahren in der Sachsen-Liga immer oben eine gute Rolle. Und dass man eine Etage höher möchte, wurde am 06. April dieses Jahres bewiesen, als beim Verband fristgerecht die Unterlagen für die Oberliga eingereicht wurden. Neben Kamenz taten dies auch der Tabellenführer aus Eilenburg und der FC Grimma, der zuletzt auch stets mit oben von der Partie war und am Ende der vergangenen Saison der BSG Chemie Leipzig nur aufgrund des besseren Torverhältnisses den Vortritt lassen musste.

Kamenz

Um am Ende noch die geschichtliche Lücke zu schließen: Nachdem von 1964 bis 1990 in der Bezirksklasse Dresden (vierte Liga) gespielt wurde, qualifizierte sich Einheit Kamenz nach dem Fall der Mauer für die Bezirksliga Dresden (damals ebenfalls vierthöchste Spielklasse). Am Ende der Saison 1994/95 stieg Kamenz als Tabellenletzter in die Bezirksklasse ab. Nach der Einführung der Regionalliga und der Ligenreform bedeutete die Bezirksklasse plötzlich siebte Liga. 2003 kehrte Einheit Kamenz in die Bezirksliga Dresden zurück, 2008 gelang schließlich der Sprung in die Landesliga Sachsen (jetzt Sachsen-Liga). Den Rest der Geschichte kennen wir bereits. Gut möglich, dass in naher Zukunft ein neues Kapitel aufgeschlagen wird und der SV Einheit Kamenz in der NOFV-Oberliga Süd endlich gegen namenhafte Mannschaften wie die BSG Wismut Gera und den VFC Plauen spielen wird…

Und ach ja, einen Knaller haben wir noch: Kamenz-Spieler Franz Häfner erzielte am 15. November 2015 im Viertelfinale des Sachsen-Pokals gegen den Bischofswerdaer FV 08 das "Tor des Monats" November! Noch hinter der Mittellinie hatte Häfner zum satten Schuss angesetzt... :-)

Foto: turus.net

> zur turus-Fotostrecke: SV Einheit Kamenz / Unterklassenfußball Region Nordost

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