Meinungsfreiheit adé oder gerechte Strafe? Aufruf zum Döschenwi**en und Aufhängen

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 15 Februar 2017    
 
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Dortmunder Südtribüne beim Heimspiel gegen Leipzig
Foto: Marco Bertram

Ist der Aufruf, sein Sperma in ein „Döschen“ zu tun, eigentlich strafbar? Oder wie sieht dies das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes? Die Frage darf erlaubt sein, weil in der Mitteilung des DFB bezüglich der Sperre der Dortmunder Südtribüne und Geldstrafe für den BVB nicht konkret erklärt wird, welche Spruchbänder denn verunglimpfend und diffamierend sind - und welche nicht. Gesprochen wird von massiven Zuschauer-Vorkommnissen im Heimspiel gegen RasenBallsport Leipzig sowie zuvor beim 1. FSV Mainz 05, bei der TSG 1899 Hoffenheim und beim Hinspiel in der Messestadt. Kurzum: In Mainz wurde Pyrotechnik abgebrannt, in Hoffenheim waren Schmähgesänge zu vernehmen, in Leipzig gab es ein Spruchband, und daheim gegen die Leipziger gab es einen ganzen Teppich an Spruchband-Botschaften zu lesen. Zudem flogen gefüllte Bierbecher in den Innenraum und es kamen Laserpointer zum Einsatz. Klar artikuliert wurde, dass auf die Vorfälle außerhalb des Stadions die Sportgerichtsbarkeit des DFB keinen Zugriff habe. Zuständig seien hier die Polizei, die Staatsanwälte und die ordentlichen Gerichte. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass aufgrund der Übergriffe vor dem Stadion schon mal ein wenig fester angepackt wurde, was das Strafmaß betrifft. Eine komplett gesperrte Südtribüne beim Heimspiel gegen Wolfsburg und eine Geldstrafe in Höhe von 100.000 Euro.

Wobei sich schon mal die erste Frage stellt. Was gibt eigentlich der Strafenkatalog her? Wie kommt man auf solch eine glatte Summe? Hunderttausend. Punkt. Nicht 125.000 Euro. Und auch nicht 97.000 Euro. Hunderttausend klingen ziemlich pauschal daher geholt. Medienwirksam. Wäre eine Formel nicht gescheiter? Nimm für die Straftat X einen Anteil XY vom jährlichen Gesamtbudget. So aber ergibt die Summe - wie so oft - einfach keinen Sinn. Davon ganz abgesehen, wird diese Summe den Verein in Anbetracht des jährlichen Gesamtumsatzes nicht gerade in den Ruin treiben. Schwerer trifft es wohl all die 25.000 BVB-Fans, die nun beim Heimspiel gegen die Wölfe aus der VW-Metropole nicht ins Stadion auf die Südtribüne dürfen. Wieder einmal heißt es: Kollektivstrafe für Fußballfans! Es gibt nun reichlich Personen, die der Meinung sind, diese Strafe sei aufgrund der gezeigten hässlichen Botschaften (und der Vorkommnisse vor den Stadiontoren) sogar zu milde. Die Fußballfans sollen die Strafe richtig spüren, so dass es in Zukunft mehr Selbstkontrolle und Courage in den Kurven gebe. 

BVB

Um als Fußballfan in Zukunft exakt zu wissen, was denn nun aus Sicht des Verbandes strafbar oder eben noch gerade so im Rahmen des Möglichen ist, wäre es nützlich, die gezeigten Spruchbänder mal konkret durchzugehen. Über Laserpointer und Wurfgeschosse muss nicht diskutiert werden. Pyrotechnik lassen wir an dieser Stelle mal außen vor. Also zu den beim Heimspiel gegen RB Leipzig gezeigten Spruchbändern. Was ist Geschmacksache, was ist witzig, was ist geschmacklos, was ist strafbar? Nur zu klar, dass jeder die persönliche Maßlatte anlegt. Apropos Latte. Da rückt doch gleich wieder das gezeigte Spruchband „Den Bullen ins Döschen wixxen!“ ins Gedächtnis. Nicht so professionell aufs Papier gebracht wie das wenige Meter darüber gezeigte „Verpisst“. Keine fetten Buchstaben, sondern schmale, ja geradezu ängstlich aneinander gepresste Buchstaben, die gerade so auf das Stück Tapetenrolle passten. Was für eine Botschaft! Zumal „Döschen“ auch noch doppeldeutig ist. Also zumindest ist mir das so aus DDR-Zeiten in Erinnerung. Ist ja auch egal, die Frage lautet, ob dieses Spruchband einen geschätzten Anteil von 950 Euro an der Gesamtstrafe von 100.000 Euro hat - oder ob dieses Spruchband dem Sportgericht schnurzpiepegal war. Der Verfasser dieser Botschaft möchte schließlich in Hinsicht auf kommende Aktionen Gewissheit haben. Oder war die Größe zu belanglos? Was wäre passiert, wenn dieses Spruchband die zentrale Botschaft in den Blöcken 12 und 13 gewesen wäre? „Döschen“ und „Wixxen“ in meterhohen Lettern. 

Wixxen

Da es generell um die Frage der Meinungsfreiheit geht, darf sehr wohl hinterfragt werden, ob ein schlichtes „Fuck RB“ geduldet ist, aber ein allein stehendes „Reudige Bastarde“ (ist „räudige“ gemeint?) einen Straftatbestand darstellt. Was geschieht, wenn man in den Raum stellt: „Eure Eltern sind Geschwister!“ Wenn nicht ganz klar ist, wer konkret gemeint ist. Die gegnerischen Fans?! Die Spieler?! Alle gemeinsam?! Darf so was pauschal rausgehauen werden? Man denke an das Urteil bezüglich des „ACAB“. So ist das „All Cops are Bastards“ nur strafbar, wenn es sich konkret auf eine begrenzte Gruppe bezieht. Tut es dies nicht, fällt es unter Meinungsfreiheit. Somit wurde es auf der Südtribüne von den Desperados auch einmal ganz fett Schwarz auf Gelb präsentiert. Mit Gruppenlogo. Diesbezüglich ist ja nichts zu befürchten. Einen Einmarsch der Polizeitruppen wie einst in Hannover dürfte es wegen solch eines Spruchbandes schließlich nicht mehr geben. Wenn solch ein derber Spruch unter Meinungsfreiheit fällt, dürften es dies einige andere Parolen auch tun. „Alle Bullen sind Schweine“, „Kommerzschweine“, „Bullenschweine“, „Keine Akzeptanz für Bullenschweine!“, „RB verachten“. Im unteren Bereich der Südtribüne war im weiteren Verlauf zudem zu lesen: „Red Bull - Feind des Fußballs“. „Bullen und Bullen Hand in Hand - Euch hasst das ganze Land!“ Auch diese beiden Spruchbänder dürften unter freie Meinungsäußerung laufen. 

BVB

Was wohl in den Medien am meisten hängen blieb und dementsprechend auf den Fotos am häufigsten gezeigt wurde: „Bullen schlachten!“, „Pflastersteine auf die Bullenschweine!“, „Fi** dich Mateschitz!“, „Mintzlaff du H**ensohn!“ und „Burnout Ralle: Häng dich auf!“ In den letzten drei Fällen handelt es sich ganz klar um schwere Beleidigungen gegen konkrete Personen. Dumm, einfach dumm. Hätten es die Fans, die diese Spruchbänder anfertigten, es doch bei allgemeingültigen kritischen Sprüchen gelassen! So aber kann der Hebel gezielt angesetzt werden, und die gesamte Südtribüne - ja die gesamte Anhängerschaft des BVB - steht nun am Pranger. 

Was die Wortwahl jedoch zeigt: Manch ein Spruchband wurde voller Wut geschrieben. Es bot sich die Möglichkeit all den Frust in solche Botschaften zu packen. Die Begriffe „Pflastersteine“ und „Bullenschweine“ lassen an politische Demos erinnern. Begriffe, die - egal aus welcher politischen Ecke - gern auf Protestzügen genutzt werden. Und ja, all die Spruchbänder auf der Südtribüne zeigten: Es war / ist ein klarer Protest. Gegen Red Bull, gegen RasenBallsport Leipzig, gegen die Auswüchse der Kommerzialisierung. Auch gegen die Polizei - an diesem Tag in doppeldeutigen Botschaften verpackt. Gegen das gesamte System, in dem die Schere immer weiter auseinandergeht, in dem immer mehr mit harter Hand gegen kritische Fußballfans vorgegangen wird. Lässt man das Ganze noch einmal Revue passieren, so kommt man zum Schluss: Ja, all das draußen und drinnen mutete politisch an. Mit der gleichen Wut pöbeln derzeit Gegendemonstranten gegen die Aufmärsche der anderen. Ganz gleich wer gegen wen. Die Artikulation erfolgt immer ähnlich. Die Fronten sind arg verhärtet. Bei vielen gesellschaftlichen / politischen Fragen. Kein Wunder, dass auch beim Fußball das Ventil ab und an geöffnet wird. In Dresden beim Pokalspiel gegen RB Leipzig, in Köln, und nun in Dortmund. 

BVB

Red Bull / RasenBallsport Leipzig eignet sich hierfür optimal. Ein Konstrukt, das aus Sicht der Fans plötzlich eine der letzten Bastionen unser Gesellschaft einnehmen will. Es knirscht bereits seit etlichen Jahren. Und es ist eh ein Wunder, dass noch immer die rapide steigenden Spielergehälter einfach so hingenommen werden. Einfach nur Wahnsinn, dass manch ein Profifußballer locker das hundertfache eines einfachen Facharbeiters verdient! Zu groß ist allerdings die Liebe zum Fußball - und vor allem zum eigenen Verein, als das es zum großen Aufbegehren kommt. Allerdings, es wurde bereits mehrfach angeführt, das skandierte „Scheiß Millionäre!“ in Dortmund steckt noch tief in den Knochen. Es wäre der worst case, wenn sich das Fußballvolk erheben würde und die „heile Fußballwelt“ brachial in sich zusammenbrechen würde. Gar nicht auszumalen, wenn hunderttausende Fußballfans dem hochbezahlten Profifußball den Rücken zukehren würden. Sich ganz zurückziehen. Oder halt die Alternative im Amateurfußball suchen. 

Und was passiert, wenn politischer Protest aufkeimt? Egal wann, egal wo. Man stellt bestimmte Gruppen in eine Ecke, an den Pranger. Man verhängt drakonische Strafen, die die Masse richtig schmerzt. Strafen, die dazu führen, dass sich die Masse spaltet. In die „Bösen“ und die „Guten“. Sechs, sieben Spruchbänder haben dem DFB allerdings allzu gut in die Karten gespielt. Es war mehr als dumm, in solch hässlicher Form einzelne Personen anzugreifen. Wahrlich ein geleisteter Bärendienst. Protest, wenn er nötig ist, ja. Allerdings in kluger Form. Klar und deutlich und auch mit legitimer Härte. Manch ein Spruchband war indes einfach nur unter der Gürtellinie.

Nein

Einige Fragen bleiben jedoch: Wo genau verläuft denn nun die Grenze? Wer genau wird in Zukunft entscheiden, was erlaubt ist und was nicht? Wer legt fest, was in deutschen Fankurven noch unter Meinungsfreiheit läuft? Und auch muss gefragt werden: Was genau soll die verhängte Strafe denn nun bewirken? Das Vertrauen in den Verband / in den Kontollausschuss / in das Sportgericht ist von Seiten der Fans in weiten Teilen eh nicht mehr vorhanden. Nun mögen die einen jammern, dass die Strafe noch zu milde sei. Die Keule ist derzeit allzu gern fix ausgepackt, allerdings geht eine Frage im verbalen Tumult komplett unter: Wie soll es überhaupt weitergehen? Was für einen Fußball wünschen wir uns? Segnen wir als Fans die sich weiter drehende Gehaltsspirale für immer und ewig ab? Wenn ja, bis zu welchem Punkt? Oder „wollen wir alle einfach nur noch guten Fußball sehen?“ Kopf abschalten, vom Alltag abschalten, sich einfach berieseln lassen? Würden wir in zehn Jahren fünf weitere Erstligisten à la RB Leipzig abnicken? Ein generelles Spruchbandverbot? Ein generelles Zaunfahnenverbot? Ein Verbot hämischer Fangesänge? Vor fangen „Schmähgesänge“ an? An welchem Punkt stimmt auch die Mehrheit zu und sagt: Okay, das geht zu weit! Ab diesem Punkt ist Kritik / Protest erlaubt. Und zwar auch mit den hässlichen Begleiterscheinungen, die Proteste in allen Lebens- / Gesellschaftsbereichen mit sich bringen. Fragen über Fragen. Was in diesen Tagen bleibt? Hunderte Fragezeichen. Sonst nix.

Fotos: Marco Bertram

> Ausführlicher Bericht vom Duell BVB vs. RB Leipzig

> zur turus-Fotostrecke: Borussia Dortmund

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Strafe und Lizenzentzug für RBL!

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Großartig übrigens auch das die Regionalliga Partie der BVB U23 in Oberhausen abgesagt wurde. OB hätte sich sicherlich über Mehreinnahmen gefreut.

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Gut geschrieben, Marko!

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Mein liebster Spruch war trotz aller Rivalität zwischen unseren Klubs "Lieber Herne West, als eure Bullenpest"

Königsblaue Grüße

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Das viel Mist zu lesen war auf der Süd, ist unbestritten. Richtig ist, bis wohin darf man gehen in Augen des DFB? Was ist eigentlich noch genehm? Oder ist jegliche Kritik derweil unerwünscht?

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