Liebe, Schmerz und Leidenschaft: 1. FC Nürnberg Fußballfibel dackelt mit 180 herbei

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 14 August 2016    
 
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Der Glubb zu Gast beim 1. FC Union Berlin
Foto: Marco Bertram

FCNWie an einer Perlenschnur aufgereiht brutzelten am Abend des 1. Mai 1992 die Bengalischen Fackeln im Nürnberger Frankenstadion. Der TSV Bayer 04 Leverkusen war an jenem Tag zu Gast - und im vollen „Schmuckkästchen“ war die Erwartungshaltung äußerst hoch. Die Teilnahme am UEFA-Pokal winkte, beide Vereine kämpften um den Einzug ins europäische Geschäft. Die alte Garde der „Red Devils“ hatte damals kontrolliert am Zaun die roten Fackeln gezündet. Ein verwaschenes, mit einer Pocketkamera angefertigtes Foto erinnert an jenen Abend. Sogar der Gästeblock war proppenvoll, die rund 150 Bayer-Fans mussten in jenem mit Nürnberger Gesellschaft vorlieb nehmen. Stress gab es keinen, was auch daran lag, dass der Glubb mit 1:0 gewinnen konnte. Ein Vierteljahrhundert später bei einem Heimspiel des BFC Dynamo. Abendspiel im Jahn-Sportpark. Ich war an jenem Abend etwas durch den Wind und mächtig in Eile. Auf der Haupttribüne noch hier und dort ein Small Talk - dann rief die nächste S-Bahn. Ich war gerade auf dem Sprung, als ich angesprochen wurde. „Hi, ich bin Benny aus Nürnberg!“ Ich blieb doch noch ein paar Minuten. Der Macher des Heftes „Der Daggl“ bekam urplötzlich ein Gesicht. Wir hatten uns eine Menge zu erzählen. Unter anderen konnten ein paar Puzzlestücke zum besagten 1992er Spiel hinzugefügt werden. Damals war Benny Wolf zwar erst zehn Jahre alt, aber logisch, dass er trotzdem über die Details Bescheid wusste. Jenes Abendspiel am 1. Mai-Abend war ganz gewiss keine 0815-Partie und in gewissem Maße richtungsweisend.

FCNAm Ende der Saison 1991/92 packten sowohl Bayer 04 Leverkusen als auch der 1. FC Nürnberg nicht den Einzug in den UEFA-Pokal. Während es beim Werksklub „einfach nur so“ ärgerlich war, nicht auf europäischem Parkett zu spielen, bedeutete die Nicht-Teilnahme am Europapokal beim 1. FCN fast den Tod. Erst nach zähen Verhandlungen mit den Gläubigern konnte eine Insolvenz abgewendet werden. Der Meister mit der Sense hatte bereits an den Toren des Frankenstadions angeklopft. Verdammt hoch war der damalige Schuldenstand. Mir war das gar nicht mehr bewusst. Ein Aha gab es beim Lesen des Kapitels „2. Akt Saison 1991/92“ auf der Seite 70 der „1. FC Nürnberg Fußballfibel“. Verfasst hat dieses Buch Benjamin (Benny) Wolf, der seit Jahren für den „Der Daggl“ und auch für „YaBasta!“ fleißig in die Tasten haut. 

BücherFrank Willmann aus Berlin, vor allem in der Region Nordost ganz sicher in Fußballkreisen wohlbekannt, setzte die Idee in die Realität um, eine Buchreihe herauszubringen, bei der Fans über ihre jeweiligen Vereine eine Fußballfibel schreiben. Mit dem Verlag Culturcon Medien wurde der passende Partner gefunden, um dieses Projekt umzusetzen. Der Begriff „Fibel“ wirkte anfangs ein wenig abschreckend. Ein Nachschlagewerk? Als Frank Willmann auch noch eine Liste zusammenstellte mit den wichtigen Punkten, kam man ins Grübeln. Jedoch wurde schnell klar, dass man sehr wohl viele Freiheiten hat beim Schreiben. Um genauer zu sein:

ChemieJeder Autor hatte quasi freie Hand. Allein die Qualität musste stimmen. Nachdem im Herbst 2015 auf einen Schlag die ersten vier Fußballfibeln über den 1. FC Union Berlin (Jörn Luther), den SV Babelsberg 03 (Rico Noack), den BFC Dynamo (von mir verfasst) und den FC Energie Cottbus (Jens Batzdorf) herauskamen, wurde mit den Büchern über den 1. FC Lokomotive Leipzig, verfasst vom Freundeskreis Probstheida und die BSG Chemie Leipzig, verfasst von keinem geringeren als Alexander „Menne“ Mennicke (Capo der Diablos), ordentlich nachgelegt. Schnell zeigte sich, dass wirklich jedes Buch seinen eigenen Stil hatte. Der Plan von Frank Willmann ging auf.

JenteNachdem der in Magdeburger Kreisen allseits bekannte Jente Knibbiche die Fußballfibel über den 1. FC Magdeburg (Band 7) prächtig in Form gebracht hatte und ich die Ehre hatte, Band 8 über den F.C. Hansa Rostock zu tippen, galt es nun: Die „Bibliothek des Deutschen Fußballs“ widmet sich keineswegs nur den Ost-Vereinen. In Planung sind zahlreiche Bände über diverse Vereine in Nord, West und Süd. Den Auftakt machte nun Benny mit der Glubb-Fibel, die kürzlich als Band 9 auf dem Markt erschien. Her mit dem guten Stück. Ist doch klar, dass ich bislang auch alle anderen Bände gelesen hatte. Und Fakt ist, dass bislang jedes Buch wahrlich seinen eigenen Stil hat. Während die Bände über den 1. FC Union Berlin und den 1. FC Lokomotive Leipzig vor interessanten Daten und Fakten nur so strotzen, gibt es bei den Bänden über Magdeburg und Chemie Leipzig zahlreiche persönliche Einblicke zu lesen.

Am meisten überraschte mich Band 4 über Energie Cottbus. Menne und Jente - da war mir klar, dass die Latte richtig hochgelegt werden würde. Dazu die spannende Vereinsgeschichte und die überaus interessante Fanstruktur. Wer nun dachte, das Buch über Energie Cottbus sei etwas grau und öde, wird wahrlich eines besseren belehrt. Besonders die Passagen über die 1980er und 1990er Jahre ließen mich frohlocken. Ein klasse Buch! Und klar doch, wer Einblicke in die Babelsberger Fankultur haben möchte, dem sei Band 2 von Rico Noack wärmstens empfohlen. Vom Stil grenzt sich dieses Buch nochmals komplett von den anderen ab. Also auch ein echtes Unikat!

GlubbNun aber die Fußballfibel über den Glubb. Meine persönlichen Berührungspunkte zum 1. FC Nürnberg sind an zwei Händen abzuzählen. Da mein privates und berufliches Betätigungsfeld nun mal hauptsächlich in der Region Nordost liegt, kam mir der 1. FC Nürnberg nicht sooo häufig vor die Flinte, äh, den Schreibblock / die Fotokamera. Die Auftritte, die ich allerdings in den vergangenen Jahren gesehen hatte, waren fantechnisch stets erste Sahne. Witzigerweise ging es häufig um Liebe. Tausende aufgeblasene Herzen im Gästeblock des Berliner Olympiastadions vor einigen Jahren, das riesige Spruchband „Wir lieben dich sowieso“ beim letzten Auftritt im Stadion An der Alten Försterei. Der Glubb und seine Fans. Mehr Leidenschaft geht wohl nicht. Und genau mit jener Leidenschaft hat Benny Wolf seine Fußballfibel geschrieben. Leidenschaft mal wirklich im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit absoluter Begeisterung und Hingabe hatte jeder Autor bislang seine Bücher verfasst.

GlubbIch las die mir zugesandte „1. FC Nürnberg Fußballfibel“ auf dem Balkon, beim Cafezinho, auf der Fahrt zum nächsten Fußballspiel. Zwischendurch wurde ich gefragt: „Und was sagst du?“ An einem Abend schrieb ich Benny nach zwei, drei Bier, dass ich etwas neidisch sei. Diese tief verwurzelte Liebe, die mich bereits bei den Büchern von Jente, Menne und Lutz wirklich mitgenommen hatte, ließ mich ein stückweit traurig werden. Richtig, ich hatte keinen Verein in frühen Kindertagen. Mein Vater hatte mich nicht in den 1980er Jahren in Ost-Berlin zum Fußball geschleppt. Für mich begann das Fußball-Leben erst mit 16 nach dem Fall der Berliner Mauer. Dann zwar in vollen Zügen, so dass wiederum andere Kumpels fast neidisch wurden, doch den Kindheitsverein gab es halt nicht. Die Erinnerungen an erste Stadionbesuche als kleiner Stippi fehlen mir. Nun denn, ich habe halt das Beste aus der Situation gemacht. Denn trotz großer Begeisterung zu zwei, drei Vereinen kann ich halt immer etwas neutraler und aus der Distanz beobachten, analysieren und schreiben. Pipi in den Augen hatte ich trotzdem allzu oft.

FCNUm es auf den Punkt zu bringen: Frank Wilmanns Idee ist goldwert, solche Leute wie Menne, Jente, Lutz, Rico, den Freundeskreis Probstheida und Benny die Feder schwingen bzw. in die Tasten hauen zu lassen. Was in zahlreichen anderen Fußball-Büchern häufig fehlt, gibt es hier en masse. Leidenschaft in Urform. Was mich besonders bei Bennys Werk überrascht hatte: Detailliert wird in einem Abschnitt des Buches die Historie des 1. FC Nürnberg erklärt. Dermaßen gut verfasst, so dass man denken könnte, der Autor würde sonst nichts anderes tun! Nach einem persönlichen Prolog startet das Buch mit den Anfängen des Vereins zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Chronologisch wird sich bis in die Gegenwart vorgearbeitet. Langweilig wird es zu keinem Zeitpunkt. Auch Geschichtsmuffel werden diese Kapitel zu schätzen wissen, denn aufgelockert wird das Ganze stets durch erfrischende Anekdoten. So wird auf Seite 37 ausführlich erklärt, wie der Glubb zum ersten Mal zum Debb wurde. Als amtierender Deutscher Meister abzusteigen - das gelang bislang nur dem 1. FC Nürnberg. Und der Glubb hatte in der Folgezeit noch weitere solcher Knaller auf Lager.

BandaWie Benny einst zu den Ultras Nürnberg kam, ist ab Seite 91 zu lesen. Im zweiten Buchabschnitt überwiegen schließlich die persönlichen Anekdoten und viel Wissenswertes zum Fangeschehen, doch auch im Abschnitt 1969 bis 1999 gibt es in Sachen Fans überaus interessante Kapitel. Endlich kam bei mir Licht ins Dunkel, was „Die Seerose“ und die „Red Devils“ betrifft. Von allem schon mal gehört, doch genaue Kenntnisse waren klare Fehlanzeige. Gleiches gilt für das Interview mit der „Banda Di Amici“ auf Seite 137. Endlich wurde mir klar, was es mit dieser Truppe wirklich auf sich hat. Und nun ja, hat das Buch ein happy End? Der erhoffte Aufstieg in die 1. Bundesliga blieb bekanntlich aus. Noch mit in die Fußballfibel hineingenommen wurden die beiden Relegationsspiele gegen Eintracht Frankfurt. Doch nicht diese Spiele sind auf den allerletzten Seiten zu finden. Viel mehr ist Benny ein viel genialerer Abschluss gelungen. Tragisch, melancholisch und trotzdem hoffnungsfroh …

Kurzum: Dieses Buch ist bestens geeignet sowohl für Glubb-Fans als auch Leser, die bislang mit dem 1. FC Nürnberg nix am Hut hatten und nur mal schnuppern wollen …

In der Reihe Bibliothek des Deutschen Fußballs sind bereits erschienen:

 Band 1 - 1. FC Union Berlin (Jörn Luther)

Band 2 - SV Babelsberg 03 (Rico Noack)

Band 3 - BFC Dynamo (Marco Bertram)

Band 4 - FC Energie Cottbus (Jens Batzdorf)

Band 5 - 1. FC Lokomotive Leipzig (Freundeskreis Probstheida)

Band 6 - BSG Chemie Leipzig (Alexander Mennicke)

Band 7 - 1. FC Magdeburg (Jente Knibbiche)

Band 8 - F.C. Hansa Rostock (Marco Bertram)

Band 9 - 1. FC Nürnberg (Benjamin Wolf)

Fotos: Marco Bertram

> direkt zum Culturcon Verlag

> zur turus-Fotostrecke: FB-Seite der 1. FC Nürnberg Fußballfibel

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Einwandfreies Buch! Kaufen! :-)

VG Clemens

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Ein großartiges Buch! Ich grüße den Benny! :-*

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