Ein echter Willmann: Von den Bohemians 1905 bis zum Mobilat Fantalk

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 27 März 2015    
 
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turus Fotostrecke
Frank Willmann unterwegs in Polen
Foto: Marco Bertram

KassiberTexte. Bücher. Internet. Foren. Lesen, lesen, stöbern, recherchieren. Selber schreiben. Notizen kritzeln. Auf Papier. Berichte tippen. Hundert Zeichen, tausende Zeichen. Infos en masse. Fußball rund um die Uhr. Input bis die Birne hämmert, Output bis die Finger glühen. Ein Blick auf Facebook. Täglich. Stündlich. Verlinkungen. Meldungen tickern rein. Von altravita bis zu YaBasta! Und wieder lesen. Schmunzeln, staunen, Infos aufsaugen. Da bleibt kaum Zeit zum Bücherlesen. Aber da der Stapel immer höher wird, heißt es: Ran an die gute Ware. Mit in die S-Bahn nehmen. Auf der nächsten Fahrt zu einem Fußballspiel lesen. Schauen, was die Kollegen so alles auf Papier gebracht haben. Und so war es: Auf zum Mommsenstadion in Berlin-Charlottenburg. Den Willmann gegriffen und ab in die Ringbahn. 

 

Das neue Buch „Kassiber aus der Gummizelle - Geschichten vom Fußball“ von Frank Willmann in der Hand. Einige Geschichten sind mir bereits bekannt. Aus dem Tagesspiegel, aus 11 Freunde. Nach Möglichkeit lese ich seine Texte zeitnah, schließlich schickt Frank stets eine hübsche Rundmail mit Verlinkung herum. Ein Prachttext ging jedoch an mir vorüber. Vielleicht hatte ich die Mail ungelesen gelöscht. Weil ich muffig war, überarbeitet und gestresst. Vielleicht auch einfach ausversehen. Eventuell dachte ich auch beim Titel, das interessiert mich nicht wirklich.

Sei es, wie es sei. Die Geschichte mit dem kuriosesten Titel entpuppt sich beim Lesen als echter Brüller. „Der Ursprung des Nichts - Mobilat Fantalk als Strafe für meine Sünden“. Oh je, werden manche denken, jetzt kramt der turus-Marco extra diesen Text hervor. Ja, tut er. Denn ich hatte bei der Fahrt zum Landespokalspiel im altehrwürdigen Mommsenstadion dermaßen gelacht, dass ich die Umwelt vergessen konnte. Die 23 Minuten Ringbahn-Fahrt vergingen wie im Fluge, fast hätte ich Westkreuz verpasst und wäre irgendwo am Westhafen gelandet. Oder gleich am S-Bahnhof Wedding. 

Frank Willmann war zu Gast beim „Mobilat Fantalk“, der beim Sender Sport1 ausgestrahlt wird. Im Herzen des Ruhrgebiets - also in Essen, wo auch sonst? - befindet sich die „11 Freunde Bar“, die allerdings mit der Zeitschrift „11 Freunde“ nicht wirklich was zu tun hat. Willmann hatte seine „natürliche Wut, seinen Hass und Ekel“ abgelegt und ließ sich von einem Redakteur in die „Höhle der Doofen treiben“. Logisch, es ist in Deutschland durchaus erlaubt, mal richtig abzuledern. Dinge anzusprechen und harsch zu kritisieren. Willmanns Text über seinen Besuch in der Talkrunde überrascht dann allerdings doch. Der Grund: So was liest man selten! Platt irgendetwas niederzublöken, das ist keine große Kunst. Doch mit Witz eine Sendung eines etablierten TV-Senders dermaßen auseinanderzunehmen - das lässt dann doch die Augenbrauen hochziehen. Krass, wurde das wirklich gedruckt bzw. online gestellt? So, meine ersten Gedanken. Beim Weiterlesen: Ui, ui, ui, noch ein Schippchen drauf! Beim Lesen des Satzes „An einem Tischchen sitzen der Moderator und einige ausgewählte Gäste aus der Mistgrube der Unterhaltung“ musste ich fast Brüllen vor Lachen! Jetzt ein Bier her, aber schnell!

Am S-Bahnhof Westkreuz ein Fläschchen gekauft und weitergelesen. Viel Zeit blieb nicht mehr, nächste Station musste ich raus. Normalerweise fresse ich in einer halben Stunde einen ganzen Batzen Kapitel auf - Schnelligkeit ist gefragt bei der angesprochenen Fülle -, doch dieses Mal genoss ich jedes einzelne Wort. Ja, ich las jeden Satz dreifach. Welch eine Freiheit unser Autor Frank Willmann sich da herausnahm. Herrlich. Die Sendung wird völlig zerrissen, allerdings findet Willmann gute Worte für das dortige Team: „ … Ich bin begeistert, so habe ich mir das Ruhrgebiet vorgestellt. Ich werde nett begrüßt und entschuldige mich bei allen für meine schlimmen Worte. Ihr seid echt in Ordnung, aber warum habt ihr an diesem Dreckmagnet angedockt?“ Mit echten Willmann-Worten werden auch die Männer in der Talkrunde beschrieben. „Süße, erloschene Knopfaugen und die Fusseln an Kinn und Wangen, eine Eichhörnchenart kurz vorm Aussterben.“ Wer damit gemeint ist, wird nicht verraten. Einfach mal ins Buch schauen!

Ich muss jetzt irgendwie die Kurve kriegen, schließlich besteht das Buch „Kassiber aus der Gummizelle“ nicht nur aus diesem einen Text. 41 Texte wurden in diesem Buch abgedruckt. Das „wild und unberechenbar“ und „hineingrätschen“, das auf der Rückseite des Buchcovers zu lesen ist, trifft es ziemlich gut. Frank Willmann nimmt sich manches beim Fußball zur Brust, allerdings wird nicht nur immer gegrätscht und gemosert. Manches wird auch geradezu liebevoll beschrieben. Nie zu kurz kommt der Witz. Seine absolute Stärke: Die Texte über den deutschen Fußball von der Bundesliga bis hinunter in die Niederungen. Und damit man nicht den Eindruck bekommt, hier wird sich nur gegenseitig gelobhudelt (Ja, wir waren bereits in Polen und Tschechien und auch in Thüringen gemeinsam auf Achse), folgt auch ein Portiönchen Kritik. Nicht recht zufrieden bin ich mit einigen Berichten über den ausländischen Fußball. Es soll auch nicht drauf rumgeritten werden, den Belgrad-Bericht hatten genug Leute kritisiert. 

Größtenteils beschäftigen sich seine Kolumnen sowieso mit dem runden Ball in heimischen Gefilden. Inzwischen dazu gezählt werden können - im literarischen Sinne - auch seine Berichte über den tschechischen Fußball. Keine Frage, Frank Willmann fühlt sich wohl beim FK Zizkov und bei Bohemians 1905. Und auch das etwas rauere Publikum bei Sparta Praha mundete durchaus. Und sonst? Einiges dabei im Buch, das vom Verlag Die Werkstatt auf den Markt gebracht wurde. Vom Westberlin in den späten 80ern, über seine schönsten Sportverletzungen und Stahl Brandenburg bis hin zu Fortuna Köln, Tennis Borussia und dem BFC Dynamo. 160 Seiten, die es wert sind zu lesen. Beim fairen Preis von 9,90 Euro kann man nicht viel falsch machen. Außer, ja außer man ist glühender Fan des Mobilat Fantalks …

Inhalt über
1. Bundesliga
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Ich mag dem Frank seine Texte. Allbester Güte. Inhaltlich geh ich nicht immer konform, aber sprachlich ist das immer auf oberstem Niveau. Mach weiter so, Frank!

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Ich mag ihn AUCH!!!! :-D :-D

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