Khouzestan ist wie Brasilien: Ein Buch in dem mehr steckt als man denkt

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 23 Dezember 2014    
 
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Auf dem Postweg erwartet wurde ein Rezensionsexemplar des Buches „Abstiegsspiel“ von Jens „Jente“ Knibbiche. Groß war das Erstaunen, als der Umschlag ziemlich fett daher kam und den gesamten Briefkasten verstopfte. Was für ein Brocken soll denn dieses „Abstiegsspiel“ sein? Aber hey, die Jungs des Verlags Burkhardt & Partner hatten gleich noch eine zweite Neuerscheinung mit reingelegt. „Khouzestan ist wie Brasilien“, verfasst von Michael Höller. Exakt 160 Seiten, von der ersten bis zur letzten Seite bedruckt. Während das Cover von „Abstiegsspiel“ bereits auf den ersten Blick ein Volltreffer – ja ein echter Brüller – ist, war ich bei der Aufmachung des anderen Werkes anfangs eher skeptisch. Der Autor lächelt auf dem unteren Foto verschmitzt in die Kamera. Links und rechts zwei iranische Fußballfreunde. Aber halt, die beiden tragen jedoch keine Fanutensilien und scheinen eher so etwas wie vor Ort gemietete Reiseführer zu sein. Hm, und beim Michael hängt der Schal eher lieblos um den Hals.

„Unterwegs zu neuen Grounds im Nahen Osten“ ist weiß auf schwarz am unteren Rand des Buchcovers zu lesen. Ja, ich war wirklich skeptisch. Ein Blick auf die Rückseite. „Grounds“, „herum gejettet“, „vier Länderpunkte abzuhaken“ – nun wurde ich noch skeptischer. Mit den Groundhoppern ist das so eine Sache. Ich habe wahrlich prima Typen kennengelernt, auf der anderen Seite soll es ja echte Nervensägen geben. Und da sich bei mir bereits beim „Abhaken“ die Nackenhaare aber so was von sträuben, war ich bereits kurz davor, es wegzulegen. Andererseits: Ich schaute noch mal ganz in Ruhe in das vorn abgebildete Gesicht. Er war allein unterwegs? Iran, Aserbaidschan? Auf eigene Faust? Das verdient Respekt. Und da der gute Mann auf dem Cover einen durchaus sympathischen Eindruck macht und so verschmitzt lächelt, griff ich mir das gute Stück und las die ersten Seiten, als ich mit dem Zug in aller Herrgottsfrühe zum Nordost-Duell Hansa Rostock vs. Dynamo Dresden düste. Draußen zogen im Morgengrauen die Landschaften vorüber – genau die richtige Atmosphäre, um gedanklich in die Ferne abzutauchen.

Die erste Tour hatte ich mal gleich übersprungen. Marokko erschien mir durchaus interessant, doch das FIFA Klub-Weltmeisterschafts-Finale im Stade de Marrakech zwischen dem FC Bayern München und Raja Casablanca schreckte mich ab. Ich wollte nix über die Bayern lesen. Ich wollte – wenn schon, denn schon – etwas über ferne Regionen und exotisch klingende Vereine erfahren. Also blätterte ich mal gleich einen ganzen Batzen Seiten weiter und blieb auf Seite 77 im Iran-Kapitel hängen. Ich schnupperte rein, ein erstes Lächeln huschte über mein Gesicht und wenig später fand ich richtig Gefallen an diesem Buch. Mir ging nach und nach ein Licht auf. Michael Höller ist kein Groundhopper, der engstirnig und verbissen die „Grounds abhakt“, vielmehr ist er ein Fußballreisender, der den Blick für das Ganze hat. Und besser noch: Michael hat Humor und Witz und kann diesen auch gut rüberbringen. 

georgienNach den anfänglichen Schwierigkeiten machte es wirklich Spaß, all die Kapitel über Istanbul, Kartal, Doha, Teheran, Shar-e Qods, Baku und Tbilis zu lesen. Als jemand, der ebenfalls bereits die halbe Welt bereist hatte, kann ich bestätigen: Die Stimmung bei den Ankünften auf den Flughäfen, in den Hotels, bei der Fahrt auf den Straßen der Städte wird in diesem Buch prima rübergebracht. Die Gespräche mit den Taxi-Fahrern, mit den Privat-Chauffeuren, mit den Leuten am Straßenrand – herrlich wiedergegeben. Die Kleinigkeiten machen ja zumeist solche Touren aus – und diese hat Michael mit Witz gekonnt aufs Papier gebracht. Ein paar Beispiele gefällig? Nur zu: „Mein vernichtendes Urteil: worst railway station ever! Es fehlte ein Schild wie  ‚Welcome to Georgia! Bonjour Tristesse.‘ In der Halle des Bahnhofs verabschiedete ich mich von Edgars, noch bevor drei Mütter Teresas angestürmt kamen.“ Ebenfalls im Georgien-Kapitel: „Zumeist alte Frauen boten Gemüse oder gerupftes Geflügel in Plastiktüten (zu 5 GEL), einfache Nachdrucke von Ikonen und Kerzen an. Ein Opa saß vermutlich schon seit Stunden auf seiner Kiste und hielt als einzigen Artikel in seinem Angebot einen Badezimmerspiegel fest. Für nur 0,20 GEL hätte ich mich alle paar Meter auf die Waage einer Babuschka stellen können.“ 

Kurz und knackig wurde manch eine lustige oder auch prekäre Situation auf den Punkt gebracht. So zum Beispiel im Iran auf der Fahrt vom historischen Susa nach Ahvaz. „Nach dieser kleinen Exkursion in die Antike jagten wir zurück auf dem, und es ist keine Übertreibung, Highway to Hell. Unterwegs passierten wir einen Tanklastzug, der gerade in den Graben gerast war und kurz vor Ahvaz drehten sich direkt hinter uns drei PKW ineinander. Oh Mann! Für den Fall, dass wir um wenige Sekunden langsamer gewesen wären, hätte sich eine verdammt bedenkliche Situation ergeben!“ Diese wenigen Sätze genügen, um sich im Geiste diesen Trip auszumalen. Michael hat es gut drauf, das Ganze nicht theatralisch auszuschmücken, vielmehr macht er das Ganze mit einer Portion trockenem Humor rund.

Und eine meiner Lieblingsstellen: „Der Soldat zeigte mir die Stelle, wo die Taxis abfuhren. ‚Tell the driver, you want to go to Rah Ahaaan!!!’ sagte er. Ich bedankte mich und stieg in das erstbeste Taxi. Drinnen saß ein alter Opa, der mir nicht mehr ganz frisch zu sein schien. ‚Railway Station! Rah Ahan! Rah Ahaaan!‘, wies ich ihn an. Der Opa kapierte es nicht. ‚Iran, das einzige Land in dem man nicht einmal Bahnhof versteht‘ könnte ein guter Titel für ein Buch über diese Reise sein.“ 

Am Ende bekam dieses Buch jedoch den Titel „Khouzestan ist wie Brasilien“. Was es damit auf sich hat, soll noch nicht verraten werden. Fakt ist, dass die 10,90 Euro es wirklich wert sind, sich dieses Werk zuzulegen. Es gibt gewiss eine Menge Hopper-Bücher, die einem nicht hinter dem Ofen vorlocken können. Doch dieses wusste – nach anfänglicher Skepsis – durchaus zu überzeugen. Und das Highlight ist – wie bereits in Jörg Pocherts Buch „Ayia Napa!“ – auf jeden Fall das Iran-Kapitel. Also wer zu Weihnachten einen Bücher-Gutschein geschenkt bekommt, dem sei dieses Werk aus dem Hause Blickfang Ultrà empfohlen. Am Besten gleich im Doppelpack mit dem eingangs erwähnten Buch „Abstiegsspiel“!

Foto: Kalleman (Georgien)

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