SV Babelsberg 03: Zeit für eine neue Fankultur im Karl-Liebknecht-Stadion?

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 09 August 2013    
 
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Babelsberg 03
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Osttribüne des Karli beim SV Babelsberg 03
Foto: Bildagentur frontalvision.com

SVB03Was für ein Getöse im Vorfeld der Regionalligapartie SV Babelsberg 03 gegen 1. FC Lokomotive Leipzig! Mobil gemacht und provoziert wurde in beiden Fanlagern, doch ein Schippchen mehr draufgelegt wurde in einigen Babelsberger Kreisen. Die Nazis kommen! Lokomotive schottern! Kein Wunder also, dass auf Leipziger Seite etliche Leute, die man sonst eher selten bei den Lok-Spielen sieht, voller Freude auf das Trittbrett stiegen und im Karl-Liebknecht-Stadion für reichlich Ärger sorgten. Nun soll jedoch keineswegs der Babelsberger Szene die alleinige Schuld in die Schuhe geschoben werden, vielmehr sollte einmal generell überlegt werden, wie es sich derzeit bei Heimspielen von Nulldrei verhält.

03 gegen LOKDer SV Babelsberg 03 tritt seit Jahren für Toleranz und ein friedliches Miteinander ein. Und das ist gut so! Leider überträgt sich dies allzu wenig auf etliche Mitglieder im Babelsberger Fan-Forum. Im Nachfeld der von Hässlichkeiten begleiteten Partie Babelsberg 03 gegen Lok Leipzig wurde sowohl im Lok-Forum als auch im Nulldrei-Forum emotional gezofft und diskutiert. Allerdings war an einigen Stellen im Babelsberger Forum herzlich wenig von Toleranz zu spüren. Persönliche Angriffe bis hin zu „Du bescheuertes Arschloch!“ feuerten die Diskussion mächtig an. Die Moderatoren hatten alle Hände voll zu tun, um die ärgsten Beiträge zu löschen oder zu kommentieren.

Nun scheint natürlich klar, dass aus der Sichtweise politisch links denkender Babelsberger Fans die Sache eindeutig war. Leipziger Faschisten haben provoziert, hatten den ersten Angriff gestartet und waren demzufolge die alleinigen Schultragenden des Desasters. Doch ist die Sache so einfach gestrickt? Was halten eigentlich die Babelsberger Zuschauer, die einfach nur Fußball schauen wollen, vom politisch geprägten „Kampf der Gegengerade“? Seit mehreren Jahren tauchen immer wieder wie aus dem Nichts während des Spiels politische Spruchbänder auf. Mal ganz klar in Richtung Gästebereich gerichtet, mal jedoch inhaltlich nichts mit dem Fußball verbindend. Einen Höhepunkt fand das Ganze, als auch auf der Osttribüne im Block O von den dortigen Ultras etliche – zum Teil politisch radikale – Spruchbänder präsentiert wurden.

Babelsberg - UnionDrehen wir die Uhr 13 Jahre zurück. Sportlicher Aufschwung beim SV Babelsberg 03. Die Filmstädter auf dem Weg in die 2. Bundesliga. Der als Dorfklub belächelte SVB03 auf dem Weg zu einer neuen Kraft in der Region Berlin-Brandenburg. Ein Gegenpol zu den Berliner Klubs und zum FC Energie Cottbus. Am Ende der Saison 2000/01 gelang es Nulldrei gemeinsam mit dem 1. FC Union Berlin in die zweite Liga aufzusteigen. Ein echter Hammer! Waren die Duelle gegen die Eisernen in der Regionalliga bereits eine Wucht, so wurde dies in der Zweitligasaison 2001/02 nochmals getoppt. So strömten am 18. August 2001 rund 14.500 Zuschauer ins Karl-Liebknecht-Stadion, um das Derby gegen Union Berlin zu sehen. In einer packenden Partie konnte Babelsberg mit 3:2 gewinnen. Bereits beim Spiel zuvor gegen den MSV Duisburg fanden immerhin über 7.100 Fußballfreunde den Weg ins Karl-Liebknecht-Stadion. Gegen Unterhaching waren es immerhin 4.500. Allein aufgrund der sportlich nicht gut verlaufenden Zweitligasaison (am Ende stieg Nulldrei als Tabellenletzter wieder ab) brachen die Zuschauerzahlen wieder ein und lagen in der damaligen Rückrunde zwischen 2.500 und 3.500. Gegen Hannover 96 waren es am 09. März 2002 knapp 6.000.

Keine Frage, der SV Babelsberg hatte Potential und hätte auf Dauer ein beachtliches Publikum an sich binden können. Weshalb auch nicht? Als Alternative zu Hertha BSC mit seinem Olympiastadion ist Nulldrei mit seiner Spielstätte hervorragend geeignet. Ein perfekter Weg vom S-Bahnhof Babelsberg zum Stadion. Tribünen, die extrem dicht am Spielfeldrand stehen. Ein Verein, der nicht allzu sehr vom Kommerz geprägt ist. Schnöde Werbespiele am Rande des Spiels? Fehlanzeige! Dafür Musik, die sich hören lassen kann und ein Ambiente, das Fußballfreunden, die ein Spiel in Reinform erleben möchten, stets behagen müsste.

KarliFragt man indes in der Gegenwart den einen oder anderen Rundum-Fußballinteressierten, ob er nicht mal mit zum SV Babelsberg 03 kommen möchte, erhält man meist die gleichen Antworten: „Nee, lass mal!“, „Zu diesem Zeckenverein? Ist mir zu blöd dort!“, „Eigentlich cool dort, aber diese Politikscheiße tue ich mir nicht an!“ Und so wurde es nicht geschafft, nach dem Aufstieg in die 3. Liga ein größeres Publikum zu mobilisieren. Dass Potential in Potsdam und Umgebung da wäre, zeigten zuletzt etliche Heimspiele der Frauenmannschaft von Turbine Potsdam. Nicht selten strömten zu den Spielen gegen SC 07 Bad Neuenahr und FCR 2001 Duisburg mehr Zuschauer auf die Ränge als zu den Drittligaheimspielen gegen Rot-Weiß Oberhausen und Darmstadt 98. Allein die Duelle gegen den FC Hansa Rostock und die SG Dynamo Dresden zogen – nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Gästefans – um die 6.000 bis 7.000 Zuschauer an. Und selbst da konnte Turbine Potsdam bei einem Spiel gegen die SG Essen-Schönebeck mit 7.000 Leuten auf den Tribünen mithalten.

Zurecht fragten sich viele Fußballinteressierte in Potsdam, wie das sein könne. Die ständigen Querelen im Vorstand und im Umfeld des Vereins? Der Hickhack zwischen Gegengerade, wo das Filmstadtinferno 99 steht, und dem sogenannten Ostblock? Auf Auswärtsfahrten hatten nicht zuletzt wegen dieser Konflikte zahlreiche Babelsberger Fußballfreunde während der vergangenen Jahre lieber verzichtet. Und wenn es mal auswärts voll wurde – wie beim Landespokalspiel beim FFC Viktoria Frankfurt/Oder – dann ähnelte das Ganze einem politischen Klassenkampf in Reinform.

Arsch versohlenBeobachtete man die Babelsberger Fankultur während der vergangenen 13 Jahre, so kann eine eindeutige Zunahme politischer Transparente auf der Gegengerade (und teilweise auch auf der Osttribüne) nicht abgestritten werden. Neutral betrachtet darf gefragt werden: Was suchen diese in einem Fußballstadion? Vor allem, wenn diese überhaupt keinen Bezug zum Spiel haben?! Wenn den Chemnitzer Fans mal in Form einer Choreographie der „Arsch versohlt“ wird, ist das Ganze sicherlich im üblichen Rahmen der Fankultur. Wenn jedoch vor geraumer Zeit bei einem Heimspiel gegen Rot-Weiß Erfurt im Ostblock in Form eines Spruchbandes angekündigt wurde „Auch bei neuen Zivis gilt: Wer mit Bullen quatscht, wird gekillt!!“ hat das nichts mehr mit Fankultur, dem Ultràs-Dasein oder irgendeiner Form von Toleranz zu tun. Allerdings muss hierbei betont werden, dass sich das Filmstadtinferno und auch der Verein von diversen Entgleisungen des „Ostblocks“ distanziert hatte.

Bomber HarrisIn Frage gestellt werden dürfen jedoch auch Spruchbänder des FI99 wie „Nehmt ihr uns die Häuser ab, machen wir die City platt!!!“. (Anlässlich der Räumung des besetzten Hauses der Liebigstraße 14 in Berlin-Friedrichshain.) Unabhängig von der Thematik dürfte es nicht jedem rein Fußballinteressierten behagen, ständig auf der Gegenseite politische Kampfansagen zu sehen. Zumal, wenn diese mitunter derb formuliert sind. Einen Höhepunkt lieferte das Spiel gegen den Chemnitzer FC vor zwei Jahren. „Nazis sind scheiße – Antifa nicht!“, war auf der Osttribüne zu lesen. Dazu hässliche Zeichnungen mit Gewaltandrohung. Den Großteil der Babelsberger sprachlos machte dann das Spruchband „05.03. Bomber Harris do it again“. Auch hierbei distanzierten sich der Verein und ein großer Teil der Babelsberger Anhängerschaft. Nach außen hin bekam der Klub indes immer mehr einen Stempel aufgedrückt.

RauchVor rund 15 Monaten dann der große Knall. Beim sportlich höchst emotionalen Heimspiel gegen Arminia Bielefeld, als einem beim Last-Minute-Tor (Klassenerhalt) die Freudentränen in die Augen schossen, sorgte der Ostblock während des Spiels für eine nicht ungefährliche Aktion. Mit dem Spruchband „Nie werden wir so sein, wie ihr uns haben wollt!!!“ wurde unter dem Dach der Osttribüne eine gewaltige Rauchbombe gezündet, die durchaus auch als Angriff auf das eigene Publikum anzusehen war. Nicht wenige Zuschauer auf dieser Tribüne hatten anschließend auf gut Deutsch gesagt „die Schnauze voll“ von den Ostblock-Jungs. Auch dem Verein ging diese Aktion zu weit. Seitdem ist auf dieser Tribüne Ruhe eingekehrt (Ausnahme das letzte Spiel gegen den FC Hansa Rostock). Entstanden ist allerdings ein Vakuum, das in Zukunft durchaus gefüllt werden könnte. Mit jungen und älteren Fans, die Lust haben, unabhängig vom „politischen Kampf“ den Kiezklub aus Potsdam-Babelsberg zu unterstützen.

03 und PauliMan sollte jedoch keinesfalls die Frauen und Männer vom Filmstadtinferno 99 von Hause aus verteufeln. Es steht außer Frage, dass derzeit dort auf der Gegengerade der einzige Stimmungspol im Stadion zu finden ist. Ohne das FI99 wäre schlichtweg tote Hose auf den Rängen. Freundschaftsspiele wie gegen den FC St. Pauli und nicht zuletzt gegen Partizan Minsk zeigen, wie Fußball und Fankultur funktionieren kann. Beim Kampf „für den Erhalt der Fankultur“ haben sich die Ultras des Filmstadtinfernos zudem stets aktiv beteiligt. Vielmehr muss hinterfragt werden, wie man aus dieser politischen geprägten Sackgasse wieder ein Stück weit herauskommt und sich mehr öffnet. Wäre es nicht wünschenswert, wenn der SV Babelsberg 03 ein Klub für Fußballfans verschiedener Ansichten wäre? Ein friedliches, tolerantes Beisammensein – die politischen Ansichten (radikale, menschenverachtende Ansichten mal außen vor) übergreifend?!

NulldreiSei wie es sei, als Gästefans darf man sich mitunter auch in jüngerer Zeit einiges Anhören und Anschauen. So zum Beispiel als Chemnitzer Anhänger beim vergangenen Auftritt im Babelsberger Karli: „Manche Leute haben nichts im Leben als eine Staatsbürgerschaft und eine/n Cousin/e 1. Grades.“ Dazu zwei Comic-Figuren mit einem „CFC“ und einem Wismut-Hammer (Erzgebirge Aue). Solche Provokationen erstaunen immer wieder, zumal sich die Szene als weltoffen und tolerant bezeichnet. Ganz klar, gehören Provokationen zum Fußball dazu, doch darf sich nicht gewundert werden, wenn dann beim nächsten brisanten Spiel hart „zurückgeschossen“ wird.

Die Regionalliga-Saison hat gerade begonnen. Auf dem Programm stehen etliche Partien, die es in sich haben werden. Die Zuschauerzahlen werden aufgrund der Viertklassigkeit weiter zurückgehen (es sei, denn Babelsberg spielt ganz oben mit) und der Fokus wird noch weiter auf die Essenz des Ganzen gerichtet sein: Auf die jeweiligen Fanblöcke bei den Partien gegen FSV Zwickau, Germania Halberstadt, den 1. FC Magdeburg und auch die TSG Neustrelitz...

Fotos: turus.net-Archivbilder

> zur turus-Fotostrecke: SV Babelsberg 03

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