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Stahl Brandenburg feiert bei Babelsberg 03 II den Klassenerhalt

Autor: Jörg Pochert     veröffentlicht am 18 Juni 2013    
 
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FC Stahl Brandenburg feiert den Klassenerhalt
Foto: Jörg Pochert

BSG StahlDer FC Stahl Brandenburg hat es doch noch geschafft. In einem dramatischen Saisonfinale gewannen die Havelstädter am Samstag mit 4:0 beim SV Babelsberg 03 II und sprangen dem Sensenmann der Brandenburgliga gerade noch einmal von der Schippe. Wie schon in der Vorsaison gelang die Rettung buchstäblich erst mit den letzten Wimpernschlägen der Saison. Schon lange war klar, dass es mindestens drei Absteiger geben würde, zu weit abgeschlagen rangierte Blau-Gelb Laubsdorf am Tabellenende der NOFV-Oberliga Süd. 

Und da sich der BSC Süd 05, der Erzrivale des FC Stahl, in der Nordstaffel auch lange in Abstiegsgefahr befand, sah es teilweise sogar nach einer vierten Mannschaft aus, die den Weg in die Landesliga würde antreten müssen, was sich aber vor zwei Wochen zerschlug. Es blieb also bei drei Abstiegsplätzen. Das Problem: Stahl rangierte seit über drei Monaten ununterbrochen auf einem der letzten drei Ränge, eine Rettung schien zwischenzeitlich vollkommen unrealistisch. Zwar war der Abstand aufs rettende Ufer nicht so hoch wie im Vorjahr, als ein Acht-Punkte-Rückstand aufgeholt wurde, allerdings wirkte die Mannschaft lange zu schwach und konzeptlos, als dass ihr selbst die treuesten Fans noch den Klassenerhalt zutrauten.

Stadion am QuenzErst Anfang Mai gab es etwas Bewegung: Der am Ende glücklose Trainer Lars Posorski wurde durch Udo Richter ersetzt. Der 56-jährige ist in der Havelstadt kein Unbekannter, trainierte er doch in der Vorsaison den oben erwähnten Ortsrivalen, bis er dort im April 2012 entlassen wurde. Von einer „fehlenden Basis“ war seinerzeit die Rede, sowie von öffentlichen Äußerungen Richters, die dem Verein geschadet hätten. Zumindest gespannt durfte man sein, wie er sich am Quenz präsentiert. Um es vorweg zu nehmen: In den bisherigen anderthalb Monaten seiner Amtszeit gab es keinerlei Dissonanzen, die nach außen gedrungen sind. Sportlich allerdings tat sich plötzlich etwas: Nach zuvor vier Niederlagen in Folge stand endlich wieder eine Mannschaft auf dem Platz, die kämpfte und auch schönen Fußball zeigte.

FreudeGegen Viktoria Werder wurde ein 2:0-Vorsprung in den letzten Minuten zwar noch her gegeben, die beiden folgenden Auswärtsspiele in Guben und Schöneiche konnten aber gewonnen werden. Nach zwei Heimniederlagen gegen Miersdorf/Zeuthen und Neuruppin schienen die letzten Hoffnungen auf den Nichtabstieg dennoch dahin. Stahl aber schaffte es, das Ruder noch einmal umzudrehen und gewann durch zwei kämpferisch hervorragende Leistungen in Seelow und gegen Frankfurt. Man hatte sich also das Abstiegsendspiel verdient, wenngleich Stahl den Klassenerhalt nach wie vor nicht in der eigenen Hand hatte, sondern auf günstige Ergebnisse der Konkurrenten angewiesen war.

StahlDie Ausgangslage war wie folgt: Auf dem 13. Tabellenplatz lag Eisenhüttenstadt mit 35 Punkten und 44:60 Toren, auf Platz 14 war der BSV Guben-Nord mit 33 Punkten und 39:56 Toren platziert. Auf Rang 15, dem ersten Abstiegsplatz, stand der FC Stahl mit ebenfalls 33 Punkten und 36:53 Toren. Guben und Brandenburg hatten somit neben dem identischen Punktekonto auch die gleiche Tordifferenz, die Südostbrandenburger lagen aber aufgrund dreier mehr erzielter Treffer überm Strich. Es sollte ein wahres Herzschlagfinale werden, in dessen Verlauf alle drei Konkurrenten mehrfach auf dem imaginären Abstiegsplatz standen.

PolizeiAls das Spiel auf der Babelsberger Sandscholle begann, waren etwa 300 Zuschauer vor Ort. Mehr als die Hälfte unter ihnen kamen aus Brandenburg, darunter auch ein Großteil erlebnisorientierter Leute, die man ansonsten selten bei Stahl-Spielen sieht. Bis auf einige Böllerwürfe vor und nach dem Spiel gab es aber zumindest rund um den Sportplatz keinerlei Vorkommnisse, wenngleich das Spiel durch eine halbe Hundertschaft Polizei abgesichert werden musste.

03 vs. StahlFußballerisch sorgte Stahl schnell für klare Fronten. Nach dem 1:0 in der vierten Minute durch Tarnow hatte man Guben erstmals überholt, bis der BSV bei seinem Heimspiel gegen Eberswalde nach acht Minuten ebenfalls in Führung ging und Stahl wieder auf Rang 15 stand. Nachdem Eisenhüttenstadt in Werder in der neunten Minute mit 0:1 ins Hintertreffen geriet, stand Hütte plötzlich auf dem Abstiegsplatz. Binnen fünf Minuten hatte sich alles also dreimal gedreht, und es sollte so weiter gehen. Brandenburg erzielte schnell das 2:0 (13. Minute, abermals durch Tarnow), und Eisenhüttenstadt konnte in Werder sogar in Führung gehen. Mit diesen Ergebnissen ging es auch in die Pause, womit Guben abgestiegen wäre.

Nach 62 Minuten wären es plötzlich wieder die Brandenburger gewesen, die den Gang in die Landesliga hätten antreten müssen. Zwar lag man in Babelsberg weiter mit 2:0 in Front, jedoch hatte Guben ebenfalls das 2:0 erzielt, wodurch beide Mannschaften wieder nach Punkten und Tordifferenz gleichauf waren, Guben aber die drei mehr erzielten Tore zu Gute kamen. Doch Brandenburg schlug zurück. Nachdem mehrere Großchancen ausgelassen worden waren, erlöste Schimpf die zahlreichen Fans in der 73. Minute mit dem 3:0. Guben wiederum fing sich wenige Minuten später das 2:1, kämpfte sich aber Sekunden später wieder zurück. Unterdessen kassierte Eisenhüttenstadt in Werder das 2:2, so dass Hütte plötzlich wieder unterm Strich stand.

Fc StahlEs war der mit Abstand spannendste Abstiegskampf in der Geschichte der Brandenburgliga: Fünf Minuten vor dem Spielende hatten alle drei Kontrahenten 36 Punkte auf dem Konto und waren nur durch zwei Tore voneinander getrennt. Brandenburg lag mit -14 Toren auf Platz 13, Guben mit -15 Toren auf Rang 14 und Eisenhüttenstadt mit -16 Toren auf Rang 15. Ja, sogar eine vierte Mannschaft war rechnerisch noch in Gefahr, denn der FC 98 Hennigsdorf, der gegen den designierten Meister Strausberg mit 0:3 hinten lag, stand ebenfalls bei 36 Punkten und einem Torverhältnis von -12. Eine vollkommen irre Konstellation!

Die finalen Entscheidungen des Spieltags fielen in Babelsberg und Werder. Daniel Schimpf erhöhte mit seinem zweiten Treffer, die anderen beiden hatte er vorbereitet, auf 4:0 und zerstreute somit die letzten Zweifel auf den Klassenerhalt des FC Stahl Brandenburg. In Werder fing sich der Eisenhüttenstädter FC Stahl, der noch sieben Minuten zuvor auf dem zwölften Tabellenrang lang, das 2:3 und stieg damit endgültig ab.

Fc StahlWährend die Spieler und Fans aus Eisenhüttenstadt in Werder bittere Tränen vergossen, wurde anderenorts gejubelt. Lange feierten Brandenburger Spieler, Vereinsoffiziellen und Fans auf dem Rasen der Babelsberger Sandscholle den Sieg und den Klassenerhalt, die Szenen waren noch euphorischer als vor einem Jahr, als Stahl am letzten Spieltag in Neuruppin ebenfalls den Nichtabstieg in letzter Minute feiern durfte. Die wenigen Babelsberger Anhänger verhielten sich derweil vollkommen neutral. Glücklicherweise, denn aufgrund des großen Gewaltpotentials im Gästeblock lag eine permanente Spannung über der Veranstaltung, doch dem Stahl-Anhang war ausschließlich nach Feiern zumute. Leider entluden sich die Reibungen zwischen den mitgereisten Brandenburgern und den nervösen Polizisten am Potsdamer Hauptbahnhof doch noch, so dass es zum Einsatz von Pfefferspray und Festnahmen kam.

In der Heimatstadt wurden die Fans dann von einem Großaufgebot Polizei empfangen, Personalien wurden aufgenommen und Platzverweise für das Havelfest ausgesprochen. Selbst wenn die erste Eskalation in Potsdam laut Augenzeugen eindeutig von überreagierenden Polizisten ausging, so hinterlässt dies einen faden Beigeschmack auf einen für die blau-weiße Gemeinde so schönen Tag. Es ist dem FC Stahl zu wünschen, dass er dieses Problem, welches dem Verein seit Jahren immer wieder negative Schlagzeilen beschert, endlich angegangen wird, selbst wenn der FC Stahl nur bedingt für die Aktivitäten dieses Teils seiner Anhänger verantwortlich gemacht werden kann und die Vereinsoffiziellen hinsichtlich dieser Thematik sehr wenig Unterstützung seitens der Stadt Brandenburg oder des Fußballverbands erhalten.

Stahl BrandenburgEbenso ist es Stahl zu wünschen, dass die Verantwortlichen zur neuen Saison einen Kader zusammen stellen, der zu mehr fähig ist als am letzten Spieltag den Klassenerhalt in der Brandenburgliga zu sichern. Nach dem Karriereende von Kapitän Lars Bauer, der gestern sein 415. und letztes Punktspiel für den Verein bestritt, wird es eine neue mannschaftsinterne Hackordnung geben. Über langjährige Leistungsträger, die nun mehr Verantwortung übernehmen müssen, verfügt das Team zur Genüge. Jetzt liegt es am Vorstand und an den Trainern, diese Mannschaft mit frischem Blut zu verstärken. Und den treuen Fans in der kommenden Saison mehr zu bieten, als Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag…

Text: Jörg Pochert

Fotos: Glenn Dawson, Jörg Pochert

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