Union Berlin II vs. RB Leipzig: Kunstrasen-Blues in der Regionalliga

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RBWarum müssen wir eigentlich einen großen Teil der Fußballspiele im Freien bei klirrender Kälte, widrigem Wind und in griesgrämigem Grau verbringen? Damit alle zwei Jahre Fußballfans in Teilzeit den Großen Stern in T-Shirt oder mit freiem Oberkörper fluten können? Des lieben Familien- und Urlaubsfriedens wegen? Oder weil nichts so sehr den Charakter formt, wie seine Herzensmannschaft bei Schneeregen mit 0:1 verlieren zu sehen? Eine Fußball-Saison von Anfang März bis Ende Oktober (wie zum Beispiel in den USA) hätte da durchaus ihren Charme. In diesem Jahr hätte aber auch das die deutschen Amateurligen nicht vor zahlreichen Spielverlegungen verschont.

Vielleicht müssten in Berlin aber nicht gleich über 13.000 Spiele nachgeholt werden. Englische Wochen werden schon seit längerer Zeit aneinander gereiht und Neuansetzungen in schöner Regelmäßigkeit durch Generalabsagen wieder verschoben. Für die Fans ein Graus, für die Hobbykicker ein Drahtseilakt aus Beruf, Familie und Sport. Der Berliner Fußballverband hat mittlerweile reagiert und die Saison um zwei Wochen verlängert.

Union IIDiese Möglichkeit gibt es für die ebenfalls schneeverwehte und vereiste Regionalliga jedoch nicht. Der DFB bzw. die entsprechenden Regionalverbände bestehen darauf, dass pünktlich Schluss ist, damit die Relegations-Spiele um den Drittliga-Aufstieg planmäßig vonstatten gehen können. Nicht, dass dafür in der Staffel Nordost alle Spiele ausgetragen werden müssten: Dort thront RasenBall Leipzig, die abgeschlagenen Verfolger haben nicht einmal die Lizenz für Liga 3 beantragt. Es sieht in dieser Saison fast so aus, als ob der souveräne Tabellenführer den österreichischen Mutterkonzern im dritten Anlauf endlich ein Stück näher an so etwas wie Dividende bringen wird, sofern denn auch die Playoff-Spiele erfolgreich verlaufen.

Aber der Weg ins Champions-League-Finale führt die Leipziger erst einmal in das #Abenteuer #Berlin, wie sie es auf Twitter verkündeten – denn es wird auf KUNSTRASEN gespielt. In der argen Terminnot wirft der Nordostdeutsche Fußballverband plötzlich alle strengen Auflagen an Stadion-Infrastruktur und Sicherheit über Bord. Hauptsache es kann irgendwo überhaupt gegen einen Ball getreten werden, auch wenn dieser dabei nur künstliches Grün streichelt, beim Zweikampf eher Knie aufgeschürft statt Erdbrocken aufgeworfen werden.

Stephan GillDie Reserve von Union Berlin ist darin mittlerweile geübt, denn sie hat alle drei Pflichtspiele in diesem Jahr auf Plastik-Geläuf absolviert: Ein knappes 1:2 im kleinen Derby gegen den Berliner AK, ein deutliches 1:4 gegen eine professionell verstärkte Cottbusser Reserve und ein achtbares torloses Remis im Neustrelitzer Schneetreiben. Nachdem der Berliner AK zuletzt sogar das Heimrecht tauschte und auf dem Naturgrün der Leipziger WM-Arena antrat, müssen die Roten Bullen also heute ihre Hufe über den Sportplatz am Bruno-Bürgel-Weg im Südosten Berlins galoppieren lassen. Denn dort ist das Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Union Berlin beheimatet.

Die selten mit Profis verstärkten Berliner befinden sich zwar im Abstiegskampf und bekleiden aktuell den vorletzten Tabellenrang, konnten sich jedoch im ersten Spiel der Saison in Leipzig immerhin ein achtbares 1:1 erkämpfen. Damals kamen zur Saisonpremiere 7.194 Menschen bei strahlendem Augustwetter, heute waren es bei eben jenem griesgrämigen Grau, Wind und Kälte 334 zahlende sowie 86 nicht zahlende Zuschauer, letztere hatten auch am Zaun gute Sicht auf das Geschehen. Die etwa 50 Anhänger aus Leipzig brachten einige Zaunfahnen an, schwenkten eine große Fahne und schwangen in gewisser Regelmäßigkeit und mit gewissem Rhythmus den Trommelstock. Dazu gab es vereinzelt Sprechchöre.

Union IIVon Union-Seite bot sich das für die „Zweete“ typische Stimmungsbild: Kibitzer kommentierten aufgeregt das Spiel und diskutierten angeregt über die Entwicklung und Perspektiven einzelner Spieler. Im Mittelpunkt dieser Gespräche fand sich nicht selten Steven Skrzybski, der als einziger des heutigen Aufgebots auch immer mal in der ersten Mannschaft zu finden ist. Der schnelle und bewegliche Stürmer erarbeitete sich gegen die hoch gewachsenen Leipziger Spieler auf dem engen Kunstrasenplatz mehrere gute Möglichkeiten ohne diese jedoch konsequent genug zu verwerten.

RB LeipzigNach drückender Anfangsphase gingen die Gäste durch Daniel Frahn bereits in Minute 6 in Führung, doch wer zu diesem Zeitpunkt mit einer Klatsche gerechnet hatte, wurde eines besseren belehrt. Die „Bullen“ zogen sich zurück und trabten nur noch mit minimalem Aufwand über das Geläuf. Und so kämpften sich die jungen Berliner trotz deutlicher körperlicher Unterlegenheit aufopferungsvoll zurück in das Spiel und waren über lange Strecken ebenbürtig. Es häuften sich gute Angriffe, die schließlich mit einem Elfmeter belohnt wurden. Als Daniel Ujazdowski diesen in Minute 82 verwandelte, schien eine erneute gerechte Punkteteilung (mit denselben Schützen wie im Hinspiel) im Bereich des Möglichen. Ein umstrittener Elfmeterpfiff in der letzten Spielminute machte jedoch Daniel Frahn zum Doppeltorschützen, entzündete bei den Union-Fans das Gefühl großer Ungerechtigkeit und bei den Gästeanhängern einen kleinen Böller.

Union Berlin IITrotz spielinduzierter Emotionen, einer dünnen Kette aus zwei Ordnern zwischen den Fanlagern und keinem Meter Platz zwischen Fans und der Seitenauslinie fand jedoch ein friedliches und zivilisiertes Spiel am Bruno-Bürgel-Weg statt. Ein Beweis, dass die hohen Anforderungen an Spielstätten in der Regionalliga nicht in jeder Partie notwendig sind. 

Die jungen Unioner wurden von ihren Fans mit Szenenapplaus verabschiedet und sollten jetzt nicht die Enttäuschung über das Ergebnis, sondern einen gewissen Stolz über ihren Kampfgeist mit in die nächste Partie nehmen: Dort steht am Sonntag die Fortsetzung der Leipziger Woche an, und für das Kellerduell gegen die Lok öffnet sogar das Stadion an der Alten Försterei seine Pforten. Dann locken Naturrasen und mildere Temperaturen. Auch die rot-blauen Leipziger empfangen ihren nächsten Gegner, den VFC Plauen, auf frischem Grün ihrer heimischen Arena. Vielleicht ist der Kunstrasen-Blues der letzten Wochen dann doch bei seiner letzten Note angelangt.

Fotos: Felix Natschinski

> zur turus-Fotostrecke: 1. FC Union Berlin

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Auf www.GroundhoppingEtc.com und www.facebook.com/GroundhoppingEtc berichtet Felix über seine Stadionerlebnisse, u.a. in Berlin, London oder Prag.

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