Uli Borowka: „Trocken zu sein ist mir wichtiger als all meine sportlichen Erfolge“

Autor: Matthias Dehmel     veröffentlicht am 28 März 2013    
 
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13 Jahre ist es her, dass Christian Hochstätter und Wilfried Jacobs sich gezwungen sahen zu handeln. Sie besorgten ihrem mittlerweile stark vom Alkohol gezeichneten Freund  und Weggefährten Uli Borowka einen Platz in der Entzugsklinik Bad Fredeburg. „Ich hatte keine Zähne mehr im Mund und eine große Platzwunde am Kopf, von der ich nicht mehr wusste, woher sie kam – da kamen Christian und Herr Jacobs und retteten mir das Leben.“ Nach vier Monaten Hardcore-Entzug war der ehemalige Bundesligaprofi endlich trocken.

Heute kann Uli Borowka offen über seine Sucht sprechen. Er will mahnen, ohne den Zeigefinger zu erheben; er will warnen, ohne den Humor zu verlieren. Es fällt ihm nicht schwer. Selbstbewusst und immer mit einem flotten Spruch auf den Lippen rät „die Axt“ zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol und offenbart dabei Anekdoten aus seinem Leben.

Es entspricht einer gewissen Ironie, dass Uli Borowka am Mittwochabend in einer Vereinskneipe aus seiner 2012 erschienenen Biografie „Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“ (in Zusammenarbeit mit Alex Raack) vorliest. In der Gaststätte des SV Chemie Adlershof im Berliner Südosten riecht es nach Bier und Wein, vor der Kneipe wird geraucht und über die eigenen Eskapaden geplaudert. Borowka sitzt an seinem Tisch und trinkt Cola. Und er liest vor. Von vollgekotzten Matratzen und Tablettencocktails, von Trinkgelagen, von Doppelherz und der vernachlässigten Familie. In seiner vom Alkohol- und Zigarettenkonsum geprägte Stimme liegt ein Mix aus Trauer, Ekel und Wut – Wut über den Uli von damals. Aber Borowka ist routiniert genug, die Fassung zu bewahren. Schließlich tingelt er seit Ende vergangenen Jahres durch die Republik, stellt sein Buch vor, gibt Autogramme und diskutiert mit Lesern und Zuhörern.

Nur wenn er über Fußball spricht, geht er aus sich heraus. Wenn er mit schelmischem Lächeln erzählt, wie er dem 17-jährigen Olaf Thon damit drohte, ihm beide Beine zu brechen; wenn er voller Respekt seine Begegnungen mit UIf Kirsten beschreibt, der dem stahlharten Verteidiger nicht „wie zum Beispiel Jürgen Klinsmann“ aus dem Weg ging oder wenn er unter dem Gelächter des ca. 30-köpfigen Publikums vom legendären Schiedsrichter Ahlenfelder berichtet, der einst einen von Borowkas Blutgrätsche getroffenen und vor Schmerzen schreienden Spieler aufgefordert hatte, das Simulieren einzustellen.

Richtig in Rage gerät der „Eisenfuß“ beim Thema Willi Lemke. „Der kleine 1,60-Meter Glatzkopf ist ja nicht mal heute ansatzweise dazu in der Lage, mit mir offen über früher zu sprechen“, raunzt Borowka, wenn es um seinen ehemaligen Vorgesetzten geht.

Da spricht einer, der den Fußball liebte und noch immer liebt. Er ist stolz auf das, was er als Sportler erreichen konnte: zweifacher Deutscher Meister, zweifacher DFB-Pokalsieger, Europapokalsieger, Nationalspieler, polnischer Meister. Aber es ist ein anderer Erfolg, den er noch höher einstuft als alle Pokale und Medaillen. „Ich möchte all meine sportlichen Erfahrungen nicht missen. Dass ich die Titel gewonnen habe, ist schön. Aber dass ich heute seit 13 Jahren trocken bin, ist für mich hundert Mal höher einzustufen.“ Man nimmt es ihm ab – Uli Borowka ist mit sich im Reinen.

 

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