Stadionpartisanen nachgeladen: Hools, Fans und Funktionäre kommen zu Wort

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 28 Februar 2013    
 
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StadionpartisanenSchon wieder ein Fußballbuch über die DDR? Richtig! Und was für eins! Ein Buch, das im wahrsten Sinne des Wortes Gewicht hat und im heimischen Regal gewiss ein hübsches Plätzchen finden wird. Doch bevor es abgestellt wird, dürfte es einige Zeit studiert werden. Kein Buch, das man mal eben mit in die S-Bahn nimmt. Vielmehr liegt es aufgeschlagen auf dem Küchentisch, neben dem Bett oder auf der Couch. Ein Buch, in das man immer wieder blättern, schauen und lesen kann. Über 460 Seiten locker flockig geschriebene Berichte von verschiedenen Fußballfans, zudem niedergeschrieben Erinnerungen von MfS-Mitarbeitern, Journalisten und Funktionären – und nicht zuletzt unfassbar viele beeindruckende Fotos aus den 70ern, 80ern und der Nachwendezeit.

„Stadionpartisanen nachgeladen: Fußballfans und Hooligans in der DDR“. In Zusammenarbeit von Frank Willmann und Stephan Trosien vom Verlag nofb-shop.de kam kürzlich dieses Werk frisch aus der Druckerei auf den Markt. Ganz klar seinen hervorragenden Stempel in Sachen Gestaltung und Bildbearbeitung konnte der Grafikdesigner Veit Pätzug aufdrücken, der bereits Teil 1 und Teil 2 des echten Klassikers „Schwarzer Hals Gelbe Zähne – Fußballfans von Dynamo Dresden“ herausgegeben hatte. Keine Frage, für das Buch „Stadionpartisanen nachgeladen“ hatten sich die richtigen Leute zusammengefunden. Gemeinsam entstand ein mächtiges Werk, das zwar seinen stolzen Preis (27,90 Euro) hat, jedoch jeden Cent wert sein dürfte.

Stadion WeltjugendHierbei handelt es sich um kein Büchlein, das fix zerfleddert irgendwann in irgendeiner Wohnungsnische verstaubt, vielmehr bekommt dieses Druckerzeugnis allein seines Preises und seiner Größe wegen einen festen Platz auf dem Schreibtisch oder im Regal. Je nach Tageslaune lässt es sich entweder prima die Fotos betrachten oder die einzelnen Kapitel lesen. Keine Frage, nicht jedes Kapitel wird jedermanns Geschmack treffen, dafür waren doch zu viele unterschiedliche Leute am Werk. Keine schriftstellerischen Haudegen, sondern Fußballfans und ehemalige Hooligans, die in den 70er und 80er Jahren mit ihren Vereinen durch Dick und Dünn gingen. Angefangen bei Andi, Spatze, Dall und Motte vom 1. FC Union über Wolle und Jens von der SG Dynamo Dresden, Torsten, Stefan, Renate und Odins Enkel vom FC Hansa Rostock, Ralf Schreiber vom 1. FC Magdeburg, dem Kroaten vom 1. FC Lokomotive Leipzig und Mond vom Halleschen FC bis hin zu Micha, Jens, Willy, Uschi und Rainer vom BFC Dynamo.

Allesamt friedlich vereint auf 460 prall gefüllten Seiten. Damals wurde manch eine Schlacht geschlagen, heute kommen diese Leute altersmilde in „Stadionpartisanen nachgelegt“ mit einem Lächeln (oder auch einem wehmütigen Tränchen) zu Wort. Wer denkt, er wüsste bereits alles über die Fan- und Hooligankultur in der Deutschen Demokratischen Republik, der wird beim Lesen eines besseren belehrt. Man lernt bekanntlich niemals aus, zumal in diesem Buch auch die „andere Seite“ ihre Erinnerungen aufs Papier gebracht hatte. Unter anderen der Oberliga-Schiedsrichter Siegfried Kirschen, der Fotograf Harald Hauswald, der Journalist Michael Jahn, der einstige BFC-Trainer Jürgen Bogs, der ehemalige Spieler Lothar Kurbjuweit (FC Carl Zeiss Jena), der einstige Fanbetreuer Bernd Kempke (BFC Dynamo), dem ehemaligen Auswerter und Analytiker beim Ministerium für Staatssicherheit Wolfgang Schmidt und der forschende Kriminalist Bernd Wagner.

Was die Fotos betrifft, wurde aus dem Vollen geschöpft. Aus zahlreichen privaten Archiven und nicht zuletzt aus dem Archiv der BStU. Für die einen Leser Erinnerungen an eine miterlebte Zeit, für die anderen ein Einblick in eine skurril wirkende Welt. Das war die DDR? Auseinandersetzungen mit der Trapo (Transportpolizei), VfB-Stuttgart-Shirts und HSV-Halstücher? Teleskopschlagstöcke bei der Bereitschaftspolizei? Mit Hertha-BSC-Aufnähern durch die Fußgängerzone? „BFC-Fans sind zärtlich & romantisch“? Wasserwerfer, ein abgebrannter Volkspolizei-Lada und klaffende Wunden? Bürgerkriegsähnliche Zustände im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat? 

Ostberliner BärWie es sich im Balkanexpress mit dem 1. FC Lok Leipzig nach Timisoara, mit dem FC Carl Zeiss Jena nach Sokolov, mit dem Halleschen FC nach Moskau, mit dem BFC Dynamo ins polnische Chorzow und mit dem FC Hansa Rostock ins tschechische Ostrava reiste, ist unter anderen in den einzelnen Episoden zu lesen. Mal geht es in den Kapiteln um große Europapokaltouren, bei denen manchmal die örtliche Polizei erst gar nicht den Stadionbesuch zugelassen hatte, mal geht es um den Fußballalltag in der DDR-Oberliga, der immer wieder von den Konflikten mit der Staatsmacht geprägt war. 

Kurzum: Ein beeindruckendes Buch, das sein Geld wert ist und einen guten Einblick in fast vergessene Fußball-Zeiten hinter dem „antiimperialistischen Schutzwall“ gibt! Einer der wenigen möglichen Kritikpunkte: Das Werk ist sehr Berlin-lastig. Ein großer Anteil der zu Wort kommenden Fußballfans stammt vom 1. FC Union und seinen Erzrivalen BFC Dynamo. Aber okay, in Ostberlin spielte halt die Musik. ;-) 

Foto oben: Die Macher des Buches "Stadionpartisanen nachgelegt"

> zu den turus-Fotostrecken: Fußballfans, Ultras, Stadien, Fankultur

 

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