Ein Prestigeduell unter Freunden – Deutschland siegt in Frankreich 2:1

Autor: Matthias Dehmel     veröffentlicht am 07 Februar 2013    
 
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Vor dem Spiel hatte Jogi Löw einige unerfreuliche Nachrichten erfahren müssen. Mit Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und dem Borussia-Dortmund-Trio Schmelzer/Götze/Reus sagten gleich fünf Startelfkandidaten die Länderspielreise ab. Zahlreiche Umstellungen waren die Folge. Für den am Außenband verletzten Klose bzw. für Mario Götze, der zuletzt gegen die Niederlande die Stürmerposition bekleidet hatte, rückte mit Mario Gomez ein Mann in die Mannschaft, der bei seinem Verein zur Zeit nur zweite Wahl ist. An der Stelle von Schweinsteiger und Reus fingen Ilkay Gündogan und Lukas Podolski an – und auf der linken Abwehrseite verteidigte der Schalker Benedikt Höwedes. Wohl dem, der über solche Alternativen verfügt.

Über Sinn und Unsinn eines Freundschaftsländerspiels 3 Tage vor bzw. nach einem Bundesligaspieltag soll an dieser Stelle aber nicht diskutiert werden.
Auch die Franzosen hatten eine kurzfristige Absage zu beklagen. Mit dem zuletzt bärenstarken Raphael Varane von Real Madrid, der vor allem in der Copa-del-Rey-Partie gegen den FC Barcelona mit einer tadellosen Abwehrleistung und einem Treffer glänzte, fehlte den Gastgebern einer der Shootingstars dieser Saison. Ansonsten konnte Didier Deschamps alle am vergangenen Donnerstag nominierten Spieler an Bord begrüßen.  

Die französischen Auswahlspieler mussten in der Kabine also enger zusammenrücken als die Akteure im Umkleideraum der Gäste. Dennoch wäre es wohl unangebracht gewesen, sich um das Wohl von Franck Ribery und Co. zu sorgen. Schließlich zählt das Stade de France zu den modernsten Sportarenen des Planeten; und zu jenen europäischen Stadien, die man gesehen haben sollte. Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1998 eröffnet, bietet die Arena mehr als 81.000 Zuschauern Platz. Damit ist sie das größte Stadion Frankreichs. Das Besondere am Stade de France: Mittels moderner Technik, lassen sich die Tribünen so verschieben, dass sich problemlos eine Laufbahn für Leichtathletikveranstaltungen installieren lässt. Am Mittwochabend war dies bekanntermaßen nicht nötig. Somit konnten rund 75.000 Zuschauer dem Gastspiel der deutschen Nationalmannschaft in Paris beiwohnen.

Die Atmosphäre, die vor und in dem weiten Rund herrschte, konnte als freundschaftlich, ja fast ausgelassen bezeichnet werden. Deutsche und Franzosen standen zusammen vor den Imbissständen,  tranken Bier und aßen belegte Baguettes. In etwa so müssen sich Konrad Adenauer und Charles de Gaulle die gelebte deutsch-französische Freundschaft vorgestellt haben, als sie vor ziemlich genau 50 Jahren den Elysée-Vertrag unterzeichneten. Unter anderem um ebenjenen Vertrag zu feiern, war das Spiel organisiert worden.

Dass ein Fußballspiel zwischen Deutschland und Frankreich trotz aller Freundschaft nach wie vor ein Prestigeduell ist, war bereits wenige Minuten nach dem gemeinsamen Erinnerungsfoto der Startformationen zu spüren. Die Anfangsphase des Spiels war geprägt von temporeichen Angriffen und guten Torchancen. Auf deutscher Seite konnten Khedira (3.), Özil (6., 16.) und Mertesacker (21.) den Ball jedoch nicht im von Hugo Lloris gehüteten Tor unterbringen. Auch die Franzosen, stets angetrieben durch den spielfreudigen Franck Ribery und den quirligen Mathieu Valbuena, ließen einige gute Gelegenheiten aus (Benzema 26., 27.). Kurz vor der Pause gelang den Hausherren dann doch der Führungstreffer. Nachdem Karim Benzema bei seinem Freistoß zu genau zielte, sprang sein Ball von der Latte zurück auf Moussa Sissoko, der per Kopf zu Valbuena weiterleitete. Der 1,67-Meter-Mann hatte schließlich kaum Schwierigkeiten den Ball mit dem Kopf über die Linie zu drücken (45.). Danach bat Schiedsrichter Paolo Mazzoleni aus Italien zum Pausentee.

Auf den Rängen spielte sich bis dahin genau das ab, was erwartet – oder besser: befürchtet – worden war. Der größte Teil der Zuschauer betrachtete sitzend und ohne große Gefühlsregungen das Spielgeschehen. Gelegentlich waren die berühmten, aber weniger berüchtigten „Allez, les Bleus!“-Gesänge zu vernehmen. In der 25. Spielminute schwappte das erste Mal die Welle durch das Stadion. Nach einigen Anläufen überstand diese sogar die Gefahrenzone VIP-Bereich und schaffte vier, fünf komplette Runden. Das war's dann aber auch! Aus dem Deutschland-Block waren die üblichen Anfeuerungsrufe und -gesänge zu vernehmen, die jedoch sehr schnell vom sonst eher müde wirkenden Pariser Publikum niedergepfiffen wurden.

Zur Halbzeit wechselte Frankreich doppelt. Didier Deschamps blieb nichts anderes übrig, als mit  Blaise Matuidi seinen zweikampfstärksten Spieler vom Ligue-1-Spitzenreiter Paris Saint-Germain durch Etienne Capoue zu ersetzen. Offenbar war selbst der Französische Fußballverband FFF von der unglücklichen Terminierung überrascht worden. Anders lässt sich nicht erklären, warum ausgerechnet das PSG-Spiel gegen den SC Bastia auf den Freitagabend gelegt wurde (Jeremy Menez musste aufgrund dessen bis zur 86. Minute auf seinen Einsatz warten; PSG-Innenverteidiger Mamadou Sakho spielte erstaunlicherweise durch). Außerdem kam Adil Rami für Laurent Koscielny .

Ohne Änderung, aber dafür mit viel Elan, kam dagegen die DFB-Elf aus der Kabine. Angetrieben vom „Mexiko“-Gesang des deutschen Anhangs gelang Thomas Müller bereits sechs Minuten nach Wiederanpfiff der 1:1-Ausgleichtreffer. Aufgrund der Überlegenheit in Halbzeit eins ging dies auch völlig in Ordnung. Fortan stürmten allerdings nur noch die Franzosen; abermals ließen „Les Bleus“ jedoch beste Chancen liegen (64., 68., 73.). Und weil eine solche Schludrigkeit im Fußball oft bestraft wird, fiel fast folgerichtig das Tor auf der anderen Seite. Nachdem Mesut Özil Sami Khedira mit feinem Pass bedient hatte, beförderte dieser den Ball am herannahenden Lloris vorbei ins französische Tor. Da die Schlussoffensive der Équipe Tricolore erfolglos blieb und der Ball auf beiden Seiten nur noch nach Abseitspfiffen im Netz zappelte, blieb es am Ende eines ansehnlichen Freundschaftsspiels beim Stand von 1:2.

Es war also endlich vollbracht. Am Ende eines schönen Fußballabends mit schönen Toren in einem schönen Stadion blieb der deutschen Nationalmannschaft die Gewissheit, Frankreich schlagen zu können, und die Hoffnung, nicht wieder eine komplette Generation auf einen Sieg gegen die Équipe warten zu müssen. Aber vor allem blieb dem Torschützen Thomas Müller (Jahrgang 1989) der Eindruck eines noch nie dagewesenen Ereignisses. Und das ist – trotz des pathetischen Untertones – nicht einmal eine Übertreibung.

zu den Fotos in der Fotostrecke Frankreich

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