Vom Drachenberg zum Ostkreuz: Zu Fuß quer durch Berlin mit 8 Kneipenstops

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 06 Februar 2018    
 
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Gibt es schöneres, als zu Fuß Städte, Ortschaften und Landschaften zu erkunden? Eine Richtung grob vorgeben, aber im Detail alles dem Zufall überlassen. Hier und dort mal einkehren und nach Möglichkeit ins Gespräch kommen. Und wenn es doch mal an einem Ort X ein Bier wird, nun denn, dann ist das halt so. Auf Schusters Rappen war ich in meinem Leben bereits reichlich unterwegs. Camino de Santiago, West Highland Way, Banff Nationalpark in den Rocky Mountains, Itatiaia Nationalpark in Brasilien die ehemalige deutsch-deutsche Grenze entlang vom einstigen Dreiländereck bei Prex bis hoch nach Priwall an der Ostseeküste. Da kam der eine oder andere Kilometer in meinem bisherigen Leben zusammen. Nach den Jahren der Fernreisen widmete ich in letzter Zeit mich wieder mehr der heimatlichen Region. Ausgedehnte Wanderungen im Umland von Berlin - die Märkische Schweiz sowie die Oderregion bei Küstrin gehören zu den Favoriten - und auch die eine oder andere Tour durch die Stadt werden immer wieder zu zweit in Angriff genommen. So auch am vergangenen Samstag. Wie wäre es wieder mit einmal „quer durch“? Von West nach Ost. 25 bis 30 Kilometer sollten es wieder sein. Am S-Bahnhof Grunewald sollte gestartet werden, in Lichtenberg wollten wir spät abends ankommen. Die Idee: In einigen Lokalitäten einkehren und schauen, was sich ergibt. Ganz klar: Langweilig wird es nie.

Gleis 17

Der Tag begann jedoch denkbar schlecht. Nicht dass Laune und Wetter mies waren, vielmehr wurde dieses Mal die Sache mit der Technik auf die leichte Schulter genommen. Beim Wanderpartner war der Akku der Kompaktkamera leer und sein Smartphone hatte er vorsorglich - schließlich waren einige Bier-Pausen eingeplant - daheim gelassen. Na macht ja nichts, bei meiner kleinen Kompakten war der Akku frisch aufgeladen. Nachdem jedoch am Mahnmal „Gleis 17“ am S-Bahnhof Grunewald - hier wurden einst tausende Gefangene in die Konzentrationslager deportiert - zehn Aufnahmen angefertigt wurden, teilte mir meine kleine Kamera mit, dass der interne Speicher nun voll sei. Ein Blick ins kleine Steckfach - ich Idiot! Eine SD-Karte befand sich nicht drin. Berechtigte ungläubige Blicke bei meinem Wanderfreund. Wie jetzt? Ja, großartig. Da fährt man Woche zu Woche zu Fußballspielen, verdient sein täglich Brot mit der Fotografie - und dann vergisst man prompt auf einer Wanderung vor der Haustür die Speicherkarte.

Gleis 17

Kein Problem. Gleich in Bahnhofsnähe befinden sich zwei Supermärkte. An den Kassen gibt es häufig technischen Krimskram. So auch in diesen beiden Märkten, jedoch scheinen Speicherkarten im Grunewald nicht der Renner zu sein. Klare Fehlanzeige! Rasch zurückfahren nach Charlottenburg? Och nö! Es bleibt ja schließlich noch mein Handy. Es macht zwar keine berauschenden Fotos, aber fürs Web genügen sie. Und falls jemand fragt, kann ich immer noch behaupten, das sei Kunst. Punkt! 11 Uhr Vormittag. Durst. Hinein in die urgemütliche Stube, deren Namen an dieser Stelle ruhig genannt werden soll: Floh! Zwar machte die Restaurant-Kneipe erst um 12 Uhr auf, doch für ein frisch Gezapftes könne man bereits eintreten. Wir stören ja nicht. Zwei 0,4er standen rasch auf dem Holztisch. Die Dame des Hauses griff anschließend zum Staubsauger und ging ihrer Arbeit nach. Forsch saugte sie einmal durch. Keck wurden wir aufgefordert, mal rasch die Füße zu heben. Und dann wurde gewischt. So wie in Russland - das Ambiente mutet in der Tat ein wenig osteuropäisch an - wurde nun feucht aufgenommen. Was sein muss, muss sein. Noch ein Bierchen? Nein, wir müssen weiter!

Bier

Nachdem von ein paar maroden Gebäuden, die wohl in Kürze saniert werden, ein paar Fotos gemacht wurden, drehten wir eine kleine Runde, schauten kurz den im tiefen Morast stehenden Pferden beim müden Heu-Knabbern zu und steuerten schließlich ein Blockhaus an, in dem sich ein bosnisches Restaurant befindet. Ein Blick auf die Karte. Kein Balkan-Bier im Angebot?! Kursänderung. Auf der anderen Seite der Stadtautobahn wurden wir in einer schmucken Lokalität fündig. Ein bayrisches Fassbier, dessen Namen wir bis dato noch nicht kannten, sowie Chili con Carne und Hühnersuppe. Klingt ein wenig banal, doch der Geschmack von allem war famos!

Grunewald

Bevor es in Richtung Osten gehen sollte, waren Teufelsberg und Drachenberg das Ziel. Auf Erstgenanntem kann man gegen Eintritt die Reste der einstigen US-amerikanischen Abhörstation besichtigen. Da das Ganze - Kunst hin, Kunst her - mit dem Smartphone wenig Sinn gemacht hätte, machten wir am Haupteingang die Biege. Ein wenig skurril wirkte es dann zudem, wer alles nicht zurück grüßend diese Bergkuppe ansteuerte. Hipp, richtig hipp ist dieser Teufelsberg bei Touristen. Weniger für mich. Ein Anflug von Muffigkeit kam auf und ich wünschte mir die Bodenständigkeit der märkischen Weiten herbei.

Teufelsberg

Als ein Pärchen mit Hund dann auch noch unseren Plan durchschaute, den Drachenberg querfeldein zu erklimmen, und meinte: „Ich denke, es ist besser, ihr nehmt ein Stück weiter die Treppe…“, waren wir ein wenig irritiert. Es kann nicht der Ernst sein, dass die denken, wir können nicht 50 Meter einen Hang hoch laufen? Jedoch wurde betont, dass der Weg im Gestrüpp enden würde und dort auch mit Zecken zu rechnen sei. Ob das nun eine Wortspielerei war, konnte nicht geklärt werden. Wir nahmen die Treppe und staunten auf der kahlen Anhöhe nicht schlecht. Ich fühlte mich nach Ulaan Baatar oder Irkutsk versetzt. Auf solchen Hügeln hatte ich auch dort gestanden und einst runter auf die Städte geschaut. Der Blick vom knapp 100 Meter hohen Drachenberg ist wahrlich zu empfehlen. Bei guter Sicht kann ein Großteil von Berlin überblickt werden.

Drachenberg

Mit raschen Schritten ging es nach dem Rundumblick hinunter und anschließend die Waldschulallee an Mommsenstadion und S-Bahnhof Messe Süd (Eichkamp) vorbei. Wahrlich interessant wurde es in der Cordesstraße, die unter der Stadtautobahn entlangführt. Holla die Waldfeh! Was für eine Gegend! Auf der dortigen Kopfsteinpflasterstraße könnte man prima Hooligan-Filme drehen.South Bermondsey und Millwall lassen grüßen.

Berlin

Vorbei an einer etwas geheimnisvollen Einrichtung führt die Straße geradewegs zu einem langen Fußgängertunnel, in dem die zahlreichen Eisenbahngleise unterquert werden können. Da der Tunnel einen Knick hat, sieht man anfangs das Ende nicht. Ein prima Szenario für eine Wanderung im Dunkeln. Und auch der nach links abgehende Werkstättenweg hat seinen ganz speziellen Charme, um es höflich auszudrücken. Am Ende dieses Weges stößt man direkt auf die A100 und die parallel verlaufende Halenseestraße. Die Vorstellung, dass dies der eigene Arbeitsweg oder gar der Schulweg der eigenen Kinder sein könnte, ließ uns gruseln.

Tunnel

Das Erstaunliche an dieser Stadt: Das Antlitz kann sich ruckzuck ändern. Auf der anderen Seite der Stadtautobahn wurde es auf der Bornstedter Straße wieder beschaulich. Linke Hand befindet sich der Friedhof Grunewald, der über eine Brücke erreichbar ist, wenig später fiel uns ein Baumhaus mit einem Schild ins Auge: „Hotel Bogotá, EZ 45 Euro, DZ 85 Euro“. Wir nahmen weiter Kurs auf das Wilmersdorfer Eisstadion und legten ein einer geräumigen, in einem Neubaublock befindlichen Kneipe ein Päuschen ein. An den Wänden der Mauerstreifen, das Olympiastadion und ein Rosinenbomber. Was nehmen? Weizen aus dem Fass, bitte! Auf dem Fernseher waren die Sky-Experten zu sehen. Zum Glück blieb der Ton ausgeschaltet. Am Nachbartisch wurde fleißig gewürfelt. Zwischendurch stand ein älterer Herr auf und fütterte zwei Automaten mit Geldscheinen. Dort einen Blauen, dort zwei Rote. Nach der Fütterung ließ er die Automaten allein, er warf nicht mal einen Blick rüber. Nach 20 Minuten legte er noch einmal nach. Wer hat, der hat. In Sichtweite lag unter einem Tisch ein Hochglanzmagazin. Seit den 1990ern hatte ich in solch ein Heft keinen Blick mehr geworfen. Die abgebildeten nackten Frauen sahen dermaßen makellos aus, dass man meinen könnte, es seien Wachspuppen. Egal, weg das Heft! Weiter geht´s!

Kneipe

Weit kamen wir nicht. Am Heidelberger Platz lud ein russischer Supermarkt zu einem Abstecher ein. Unsere Blicke schweiften über das prall gefüllte Vodka-Regal. Was es nicht alles gab! Russischer Vodka in einer goldenen Makarov-Pistole, russischer Vodka in einem schwarzen Porsche, russischer Vodka in einem Fabergé-Ei, russischer Vodka in einem Goldbarren. Wer einmal ein richtig kitschiges, jedoch sicherlich ausgefallenes Geburtstagsgeschenk sucht, wird dort mit Sicherheit fündig! Gleich gegenüber vom Supermarkt wurden auch wir fündig. Hinein in die nächste Kneipe! Ich bat um ein Aufladekabel für mein Telefon. Sicher ist sicher. Dazu zwei märkische Schwarzbiere. Es lief gut, es schmeckte gut, der Tag war ja noch lang.

Russen

Angenehm überrascht wurden wir wenig später in Friedenau! Also wirklich, die dortigen Altbauten können sich sehen lassen. Was für eine entspannte Atmosphäre auf den dortigen Straßen. Dort ließe sich gewiss nett wohnen, wenn man denn an eine passende Wohnung kommt. Ecke Stubenrauchstraße / Taunusstraße fiel ein aufgestelltes Schild in die Augen. Neue Bewirtschaftung stand Rot auf Gelb geschrieben. Darüber zwei abgedruckte Brötchen. Was diese zu bedeuten hatten? Keine Ahnung! Innen drin war es gemütlich. Richtiges Westberlin. Seit 150 Jahren gab es wohl bereits an dieser Stelle ein Lokal. Nun wird die Tradition fortgeführt. So wie wir das mitbekamen, wurde von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Die Tochter zapfte, die Mutter saß am Tresen und schlürfte ein frisch Gezapftes. Der Rest der Kundschaft: Goldig! Es dauerte nicht lange, bis wir ins Gespräch kamen, und aus einem Bier wurden schließlich drei.

Dinamo Riga

Am Innsbrucker Platz unterquerten wir die Stadtautobahn, kauften drei Flaschenbier und wollten ganz spontan einem einstigen Kumpel, den ich seit acht Jahren nicht mehr gesehen hatte, einen spontanen Besuch abstatten. Alkohol macht mutig. Die damalige Kündigung der Freundschaft schlug bei mir ein wie eine Bombe. Ich drückte die Klingel, doch da er nicht zu Hause war, schlug ich vor, einen mir bekannten Pub direkt am S-Bahnhof Schöneberg anzusteuern. Dort schien die Zeit stehen geblieben zu sein - und das im angenehmen Sinne! Zwei schwarze Irische, eine Schmalzstulle und eine phänomenal lecker mundende Bulette später setzten wir unsere Wanderung fort.

Irish Pub

Wir mussten nun ein wenig metern, um irgendwann überhaupt Lichtenberg zu erreichen. Die großen Überraschungen blieben nun aus. Es ging fortan durch vertrautes Terrain. Was nicht heißen soll, dass es langweilig wurde. Es ist immer wieder eine Freude, einfach quer zu spazieren. Vorbei an der Julius-Leber-Brücke und am Victoriapark zum Bergmannkiez. Von dort aus ging es weiter bis zum Schlesischen Tor. Nun wurde es jedoch wieder Zeit für einen frischen Gerstensaft! Eine sichere Bank ist zu jeder Jahreszeit der „Freischwimmer“ bzw. der „Club der Visionäre“ an Landwehrkanal / Flutgraben. Leicht angetütert nahmen wir im „Freischwimmer“ unsere Plätze ein und zeigten uns angenehm überrascht, als uns mecklenburgisches Pils aus dem Fass angeboten wurde. Kein Bier aus dem Hamburger Kiez, wie es in Kreuzberg üblich ist? Stattdessen ein herbes Pils, das auch gern von Hansa-Fans getrunken wird?! Fein, fein! Ahu! Überschwängliches Lob an die männliche kurzhaarige Bedienung, die sich am Ende als Hertha-Fan outete. Alles gut, unsere Laune war eh hervorragend.

Treptow

Mitternacht näherte sich ganz geschmeidig. Ich schlug Ostkreuz als Abschluss der heutigen Wanderung vor. Gebongt! Vorbei an der Arena ging es am Spreeufer zur großen Treptower Brücke. Eine Viertelstunde standen wir dann doch in einem weiteren Pub. Die "fröhlichen Schweine" ließen grüßen. Zahlreiche Jugendliche, manche schienen erst 16 Jahre alt gewesen zu sein, feierten dort als große Gruppe eine Party. Es begann wieder das bekannte Kopfrechnen. 44 minus 16 sind? Ja, es könnten locker die eigenen Kinder sein! Was rechne ich da noch?! Die Zeit rennt. Mit einem Portiönchen Melancholie richtete ich meinen Blick auf den Fernseher. Die Zusammenfassung der Bundesliga-Samstagsspiele weckte mein Interesse. Mein Wanderpartner, der auch abseits des Wanderns zu den besten Freunden gehört, hatte bereits einen Gesprächspartner aus Augsburg gefunden. Während er noch bis morgens auf fünf auf Achse war, setzte ich mich brav in die Ringbahn und düste nach Hause. Am nächsten Tag rief schließlich der Familienausflug in den Tierpark…

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: 620 Berliner Impressionen

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Ich finde die Idee großartig. Das müsste jetzt auch in anderen Städten ausprobiert werden. Vermutlich ist das abseits der Heimat noch verrückter. :-D

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Das muss ich auch mal machen :-D

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Sehr geil geschrieben!!

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