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Mit dem Auto durch Finnland: Vom Schanzen-Paradies Lahti bis zur Holzfloß-Fähre der Insel Karhu

Autor: Anika     veröffentlicht am 10 Oktober 2017    
 
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Weil wir mit der Nachtfähre aus Tallinn nach Helsinki gekommen sind und uns die fensterlose Kabine das Gefühl tiefster Nacht vermittelt hat, sind wir einigermaßen überrascht als sich die Autoluke öffnet und uns strahlender Sonnenschein begrüßt. Nach einem kurzen Frühstück auf dem Kauppatori, einem kleinen Markt am Wasser, verlassen wir die Stadt wieder, weil wir sie bereits von unserer Reise nach Japan vor zwei Jahren kennen und etwas Neues sehen wollen.

Dazu werden wir heute mal abseits der Küste unterwegs sein und einen Abstecher auf die Finnische Seenplatte machen, die sich etwas weiter im Landesinneren befindet. Die Finnische Seenplatte ist die größte ihrer Art in Europa und besteht aus 42.200 Seen auf über 100.000 km².

Unseren ersten Halt legen wir in Lahti ein. Lahti ist Finnlands Sporthauptstadt, denn hier steht mit der Salpausselkä-Schanze eine Skisprunganlange mit drei Schanzen, auf denen seit fast 100 Jahren Weltmeisterschaften im Skispringen und der Nordischen Kombination ausgetragen werden. Außerdem stammt mit Jari Litmanen ein wichtiger Fußballer aus dieser Stadt und der stand ja bekanntermaßen ausschließlich bei Spitzenvereinen unter Vertrag. 

Lahti

Auf der mittleren der drei Schanzen betreiben gerade einige Nachwuchsspringer ihr Sommertraining, was überraschend laut ist. Einer von ihnen ist obenrum aus seinem einteiligen Skianzug geschlüpft und läuft nun oben ohne mit geschulterten Skiern zurück zum Absprung als wäre das das normalste auf der Welt. Wintersport im Sommer ist für jemanden aus einem Bundesland, dessen höchster Punkt nicht mal 180 Meter ü. NN erreicht, ja schon eine Attraktion. 

Die größte Schanze ist für nur Touristen geöffnet, die ein bisschen Ausblick auf die Gegend wünschen. Und weil das bedeutet, dass niemand die Aufsprungbahn (Vielen Dank für dieses Wort, Wikipedia.) benötigt, betreibt man dort halt ein Freibad, um die Fläche nicht ungenutzt zu lassen. 

Lahti

Von hier oben sehen die beiden anderen Schanzen ziemlich klein aus, was nicht bedeutet, dass es mir in den Sinn käme, auch nur die kleinste herunterzufahren. Ich bin eher Fan davon, hier oben sicher hinter der Absperrung zu stehen und den Blick auf Wälder und Seen der Umgebung auszukosten.

Auf der Landstraße fahren wir wenig später weiter über die Finnische Seenplatte, wo wir immer wieder Seen in Größenordnungen zwischen "Wo ist da ein See?" und "Wo ist da das andere Ufer?" passieren.Typischerweise sind die Ufer ziemlich stark gegliedert, viele Seen haben zudem Inseln in unterschiedlichsten Größen, die von ein paar Quadratmetern bis zur Grundfläche kleiner Dörfer reichen.

Gegen Mittag erreichen wir den Campingplatz in Heinola, der die gesamte Insel Heinäsaari einnimmt. Direkt am Ufer des Ruotsalainen-Sees schlagen wir unser Zelt auf, denn wir haben nicht vor, heute noch weiter zu fahren.

Zelt

Der Rest des Tages ist für lebenswichtige Tätigkeiten wie Mittagsschlaf, Kaffee trinken und Wäsche waschen reserviert. Nur am frühen Abend bewegen wir uns noch einmal weg, um im örtlichen Lidl unsere Vorräte aufzustocken. Hier lernen wir, dass Hähnchenbrustfilet auf Finnisch "Broilerin" heißt und es ziemlich normal zu sein scheint, seinen Kaviar in einer 300 Gramm-Tube aus einer Einrichtung wie Lidl zu beziehen.

Zurück am Zelt bekommen wir Besuch von einigen Enten, die so wichtigtuerisch über den Platz laufen als würden sie hier als Aufseher ihre Brötchenkrümel verdienen, indem sie jeden Verstoß gegen die Platzordnung notieren und dem Vorstand melden. Wir halten uns bedeckt und benehmen uns möglichst unauffällig, indem wir gemütlich am Ufer des Sees sitzen, der Autobahnbrücke nebenan lauschen und der Sonne beim Untergehen zusehen.

Abend

Am nächsten Morgen werden wir von dem Regen geweckt, der auf unser Zeltdach prasselt und sich ein akustisches Duell mit den Motoren auf der Autobahnbrücke liefert. Das ist zwar nicht unser Favorit unter den möglichen Aufwachszenarien, aber immer noch besser als das Klingeln eines Weckers. 

Heute haben wir einen langen Weg vor uns, denn wir wollen wieder zurück an die Ostsee und möglichst bis zum Campingplatz in Larsmo fahren. Mit Umweg über Svedjehamn auf der Insel Björkö bei Vaasa sind das fast 600 Kilometer. Es gilt also, keine Zeit zu verlieren.

Die Regenwolke verfolgt uns bis zum frühen Nachmittag, weshalb uns selten der Sinn danach steht, auszusteigen, was ganz zuträglich für das Vorankommen ist. Außerdem kann man ja auch aus dem Autofenster eine Menge sein. Wenn die Scheibenwischer gerade unten sind und man sich beeilt.

Suomi

Und das, was man da sieht, sind durchaus schöne Ansichten der Seen, ihrer Inseln und Wälder. Die Finnische Seenplatte ist so groß und sehenswert, dass man sich dafür allein eine Woche Zeit nehmen kann und muss. Aber da das Thema dieser Reise "Ostsee" heißt, kommt die Seenplatte ein anderes Mal an die Reihe. 

Auf unserem Weg fahren wir immer wieder an so seltsamen Plätzen vorbei, die nicht mal die Größe eines halben Fußballfeldes haben, aber komplett von einer Bande umgeben sind, die auch an den Ecken nicht offen ist, sondern eine Runde macht.

Ich tue das in der Schublade "Keine Ahnung, was das sein soll, aber da hinten stehen hübsche Häuser." ab, während die Sportkompetenz dieser Unternehmung des Rätsels Lösung präsentieren kann: es sind Eishockeyfelder, die - weil Finnland auch sowas wie einen Sommer hat - aktuell nicht genutzt werden. Aber in einem Land, in der es im Winter verlässlich und ununterbrochen kalt ist, ist so eine Anlage sicherlich ziemlich einfach und kostengünstig zu betreiben.

Weil das zwar interessant, aber wenig spektakulär ist, bleiben wir auf der Straße bis es mal wieder Zeit für einen Boxenstopp wird. In einem Ort namens Rönni (Und ich dachte immer, so darf man nur in Sachsen heißen.) finden wir die nächstgelegene und gleichzeitig idyllischste Tankstelle der Welt, die direkt am Ufer eines Sees gelegen ist. Auf der einen Seite steht unser Škoda, auf der anderen tankt jemand sein Boot. Und niemand findet das unnormal. 

Tanke

Svedjehamn auf der Insel Björkö ist ein kleiner Ort mit einem vergleichsweise großen Hafen und einigen Holzhäusern im typisch schwedischen Rot. Von einem Turm im angrenzenden Naturschutzgebiet haben wir einen tollen Blick auf die Umgebung mit dem Wasser, der felsigen Küste und die Schären. Aufgrund der Windgeschwindigkeit müssen wir nur ein wenig aufpassen, dass wir das Gleichgewicht nicht verlieren.

Ein Schild am Turm erzählt die Geschichte davon, dass sich die Erde hier um einen  Zentimeter im Jahr anhebt, was zur Folge hat, dass die Landmasse des vorgelagerten Schärengartens jährlich um 100 Hektar wächst. Und weil es nicht so aussieht als würde die Landhebung demnächst stoppen, wird es hier in einigen hundert Jahren einen Landweg nach Schweden geben. Dann wird so eine Ostseeumrundung ein paar hundert Kilometer weniger lang sein.

suomi

Am Abend erreichen wir den angesteuerten Campingplatz in Larsmo mit dem vielversprechenden Namen "Strandcamping", der auch hält, was er verspricht. Denn wenn wir das Zelt öffnen, schauen wir direkt auf das Meer. Nach einem Bad in der Ostsee verbringen wir schließlich den Abend in mehrere Jacken gehüllt am Zelt. Dass wir schon fast am Nordpol sind, ist mittlerweile deutlich spürbar.

zelten

Auch der nächste Tag beginnt mit dem regelmäßigen Prasseln des Regens auf unserem Dach und einem tristen grauen Himmel vor der Tür. Als Tagesziel ist die Stadt Oulu, ihres Zeichens nördlichste Großstadt der EU, ausgegeben. Oulu liegt eigentlich keine 300 Kilometer entfernt, aber 1. geht es natürlich gar nicht, ohne zwischendurch an der Ostsee zu halten, und 2. haben wir um 15:00 Uhr einen wichtigen Termin an einem Ort mit stabiler Internetverbindung, also nicht ewig Zeit. 

Wir halten unterwegs nur an einem kleinen Hafen, der mehrere Kilometer abseits der nächsten Ortschaft liegt, und einem Ferienort mit Strand, wo wir - warm eingepackt - ein paar Kindern dabei zusehen, wie sie in der Ostsee baden und lächerlich weit gehen müssen, um wenigstens ihre Knie unter Wasser zu bringen.

Die Ostsee ist heute sehr unruhig und gibt sich alle Mühe, möglichst wild zu klingen. Der Wind ist relativ stark und weht uns so wunderbar die Seeluft ins Gesicht. 

Finnland

Der Großteil des Wegs führt ziemlich unspektakulär durch viel Wald und wenige Orte. Weil es heute den ganzen Tag so grau ist und wir nicht allzu viel Zeit haben, fahren wir ohne weitere Zwischenstopps nach Oulu, das wir relativ pünktlich um 15:00 Uhr erreichen.

Dort angekommen machen wir es uns erstmal am Strand bequem. Heute ist Samstag, Finnland hat eine Stunde Plus im Vergleich zu Deutschland. Das bedeutet Fußballzeit, Hansa spielt.

Mit Blick auf die Ostsee, ein kleines Fußballfeld und das Tablet, auf dem Hansas Heimspiel gegen Meppen läuft, sitzen wir am gleichen Gewässer, das unserem Stadion seinen Namen gibt, und sind trotzdem tausende Kilometer entfernt. Von wegen, die Welt ist ein Dorf. 

Hansa

Knappe zwei Stunden später ärgern wir uns über den Ausgang des Spiels und fahren zur Ablenkung ins örtliche Raatin Stadion, um ein wenig Fußball zu schauen. 

Obwohl das Spiel bereits läuft, müssen wir uns an eine Schlange an der Kasse anstellen, bevor wir unsere Karten in der Hand halten können, auf denen mit Kugelschreiber Block, Reihe und Sitzplatz vermerkt sind. Für nur schlappe 17 Euro pro Person bekommen wir einen echten Leckerbissen der zweiten finnischen Liga geboten: der Tabellenvierte (von 10) AC Oulu hat die Mannen von FF Jaro, ihrerseits Achter, zu Gast.

Suomi

Das Spiel gestaltet sich nicht besonders hochklassig und die Spieler beider Mannschaften fallen eigentlich hauptsächlich dadurch auf, dass sie von Kopf bis Fuß mit Werbung übersät sind. Auf der Brust der Gäste zählen wir sieben Logos. Vielleicht ist das Vereinswappen  darunter, vielleicht auch nicht. Man weiß nicht so genau, ob dafür noch Platz war. Dazu kommt Werbung auf den Ärmeln, der Hose und sogar den Stutzen.

Der Preis für die originellste Platzierung geht an die Firma, deren Logo ein orangener Kreis ist, den sie zweimal so auf der Rückseite der Hose der Gäste platziert, dass es aussieht als würden bei jedem Spieler die Pobacken rausgucken.

Pobacken

Die Spielkleidung der Gastgeber ist leider nicht deutlich dezenter beflockt. Zusätzlich läuft während der gesamten Spielzeit Werbung auf der Anzeigetafel und jede popelige Standardsituation wird von einem Partner präsentiert. Wer nach einem solchen Spiel nicht ausreichend über alle Angebote der Region informiert ist, ist entweder taub und blind oder spricht kein Finnisch. 

Der AC Oulu hat einen kleinen Anhang, der die Mannschaft lautstark und ausdauernd unterstützt und dabei angenehmerweise auf Trommeln, Megaphone und dauerhaftes Fahnenschwenken verzichten kann.Der Gästemob aus Jaro ist lediglich bei Toren der eigenen Mannschaft wahrzunehmen und beschränkt sich auf kurzzeitigen, nicht besonders ausufernden Jubel. Die Stimmung ist insgesamt eher nordisch zurückhaltend. 

Ansonsten gibt es zwischen den Trainerbänken vier alte Männer in neongelben Warnwesten, deren Funktion uns bis zum Ende nicht klar wird. Der Trainer der Gäste trägt getreu dem Motto "Auswärts ist man asozial" seine beste hellgraue Baumwolljogger. Der Fanartikelstand ist hinter der Tribüne im Innenraum platziert und nutzt die hiesige Sprossenwand als Kleiderständer. Es ist alles wunderschön.

suomi

Jaro geht durch einen Elfmeter in Führung, dessen Entstehung in die Kategorie "Wie blöd ist der denn?" gehört, und erhöht vor der Pause durch den ersten und einzigen Spielzug der Partie auf 2:0.

Obwohl Oulu in der zweiten Halbzeit noch einiges versucht, scheitert man oft an seiner eigenen Blödheit und kann keine echten Torgelegenheiten verbuchen. Stattdessen macht Jaro das dritte und in der Nachspielzeit sogar das vierte Tor.

Auf dem Platz gibt man sich im Übrigen nur Anweisungen auf Englisch. Die beliebteste ist das Kommando "Safety", das übersetzt soviel wie "Schlag den Ball so hoch du kannst und so, dass er möglichst mittig vor unserem Tor in der Nähe eines Gegenspielers landet!" zu heißen scheint.

Suomi

Nach dem Spiel entscheiden wir, die Nacht im Hotel zu verbringen, weil wir es mal wieder warm und trocken haben wollen. Wir quartieren uns im nahe gelegenen Lappland Hotel ein und genießen es, zur Abwechslung im Bett sitzen zu können, ohne sich den Kopf an der Zimmerdecke zu stoßen. 

Bevor es dann am nächsten Tag auf die Straße geht, wollen wir einen kleinen Spaziergang durch Oulus Altstadt unternehmen. Um die Kauppahalli (Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um eine Markthalle.) herum versammeln sich einige rote Holzhäuser mit Restaurants, vor der Halle posieren Touristen mit dem Toripolliisi, der Bronzestatue eines korpulenten Polizisten, und hinter einigen leeren Marktständen ragen die Flutlichtmasten des Raatin Stadions auf. Es ist ein sehr entspannter Sonntagvormittag, den nicht Wenige für einen Spaziergang nutzen.

Markt

Zurück auf der Straße, führen uns die ersten beiden Halte zwei weitere Male in kleine Häfen, die nur über eine mehrere Kilometer lange unbefestigte Straße erreicht werden können, und schließlich weiter auf die Insel Karhu, für die Google Maps die Überfahrt mit der Fähre empfiehlt. 

Von Weitem sehen wir, dass dort, wo aktuell noch die Fähre verkehrt, bereits eine Brücke im Bau ist. Aus nächster Nähe erkennen wir, dass es sich bei der Fähre um ein Holzfloß auf ein paar leeren Tonnen handelt, das manuell über ein Seil von einem Ufer zum anderen gezogen wird. Weil das Floß gerade auf der anderen Flussseite liegt, müsste man mit einem Ruderboot übersetzen, um es zu holen. 

Fähre

Nach reiflicher Überlegung entscheiden wir, dass wir unser Auto noch brauchen, und verzichten auf den Stopp. 

Erstmals auf dieser Reise geht es nun Richtung Westen  an die schwedische Grenze, denn wir verlassen das Land noch heute. 

Finnland ist ein sehr modernes Land mit einem ziemlich hohen Preisniveau. Die Infrastruktur ist dafür sehr gut und selbst unbefestigte Straße haben selten Schlaglöcher. Der Sommer ist nicht unbedingt die Zeit der touristischen Hochsaison, weshalb es nirgendwo wirklich voll ist. Dennoch ist Finnland im Winter sicherlich auch eine Reise wert. 

Die finnische Ostsee ist viel schroffer als wir sie von Süden her kennen. Es gibt nur wenige Sandstrände und vor der Küste sind oft weitläufige Schärengärten zu sehen. Landschaft und Klima sind hier deutlich rauer und können auch mal ungemütlich werden. Vor allem weiter im Norden wird man regelmäßig daran erinnert, dass man fast am Polarkreis ist. 

Bericht & Fotos: Anika

> zur ersten Etappe der Ostsee-Umrundung

> zur zweiten Etappe der Ostsee-Umrundung

> zur dritten Etappe der Ostsee-Umrundung

> zur vierten Etappe der Ostsee-Umrundung

> zum Reiseblog der Autorin: zug-nach-irgendwo.de

> zur turus-Fotostrecke: Finnland

 

 

 

 

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