Eine Reise durch Estland: Weites Meer, wildes Zelten, wunderschöne Städte

Autor: Anika     veröffentlicht am 27 September 2017    
 
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turus Fotostrecke

 

Weil wir die lettisch-estnische Grenze erst am Abend überqueren, beginnen wir die Erkundung des Landes mit der Suche nach einem Schlafplatz. Und weil wir es ein bisschen spannender gestalten wollen, suchen wir nach einem ungestörten Platz zum Wildcampen. Im Baltikum ist das schließlich noch erlaubt und außerdem wollen wir endlich mal direkt an der Ostsee schlafen.

Nach einiger Zeit finden wir auch einen geeigneten Ort für diese Nacht. An einem Aussichtsturm, der in Deutschland höchstens die Bezeichnung “ziemlich niedriger Hochstand” hätte, schlagen wir direkt am Strand das Zelt auf. Wir sind hier vollkommen ungestört, denn die nächsten Häuser sind außer Sichtweite, nebenan befindet sich eine große Weide, dahinter irgendwo ein kleines Hotel, ansonsten gibt es nur Felder, das Wasser und uns. Wir befinden uns so nah an der Ostsee, dass wir wahrscheinlich die ganze Nacht das Wellenrauschen hören können. Die Sonne geht in ihrem strahlendsten Orange am Horizont unter. Es ist perfekt. 

Zelt

Nachdem das Zelt so sturmfest gemacht ist, dass es zumindest nicht wegfliegt, haben wir endlich Zeit, den Ort angemessen zu genießen. Passend zu der malerischen Kulisse, gibt es zum Abendbrot Kartoffelsalat und Würstchen, dazu Rotwein aus dem Blechbecher. In Sachen Romantik macht uns so schnell keiner was vor.

Die Sonne verabschiedet sich über Nacht für nicht mehr als vier Stunden und sorgt bereits ab 4:00 Uhr für den Beginn der Dämmerung. Ein paar Stunden später endet diese Nacht für uns, weil es aufgrund des Windes wirklich laut im Zelt ist. Tatsächlich ist es so laut, dass wir das Rauschen der Ostsee gar nicht hören können. (Mimimi.) Dennoch ist es ein tolles Gefühl, aus dem Zelt zu steigen, direkt am Wasser zu stehen und den Wind in den Haaren zu spüren.

Nach dem Frühstück verstauen wir Küche und Schlafzimmer im Kofferraum und brechen auf, obwohl der Plan für den heutigen Tag noch nicht so richtig steht. Denn eigentlich wollen wir nach Muhu und Sareema, die beiden großen estnischen Inseln, übersetzen. Aber weil für so eine Überfahrt mit der Fähre viel Zeit drauf geht, wollen wir spontan entscheiden, ob sich das noch lohnt, wenn wir am Fährhafen in Virtsu ankommen. Wenn es dann nämlich schon zu spät ist, schaffen wir es heute nicht mehr nach Tallinn und das würden wir schon ganz gerne erreichen.

Aber bis es soweit ist, vergehen noch ein paar Stunden und jetzt fahren wir erstmal nach Pärnu. Pärnu ist eine kleine, verschlafene Stadt, was angesichts der Tatsache, dass es Sonntagmorgen 9:00 Uhr ist, auch nicht wirklich verwundert. Die Geschäfte sind geschlossen, eine Dame, die wohl die Straße kehren soll, unterhält sich stattdessen lieber mit den Passanten, zwei Betrunkene sitzen auf dem Boden und unterhalten sich laut miteinander, an der Kirche beeilen sich Mutter und Tochter mit Kopftüchern, rechtzeitig zum Gottesdienst zu kommen. Ein ganz normaler Sonntagmorgen. 

Narva

Nach einem kurzen Spaziergang verlassen wir die Innenstadt und fahren an den Stadtrand, wo das Rannastaadion steht, dessen Name die sympathische Übersetzung "Strandstadion" hat. Das Rannastaadion ist ein etwas größerer Sportplatz mit einer Tribüne und 1.500 überdachten Sitzplätzen, auf dem der ortsansässige Erstligist JK Vaprus Pärnu Zuhause ist. Obwohl das Stadion nur eine Straße vom Strand entfernt liegt, verfügt es nirgends über Meerblick, weil die einzige Tribüne mit dem Rücken zur Ostsee steht. Eine andere Platzierung wäre es auch nicht möglich, denn auf der Gegenseite stehen direkt hinter der Laufbahn die Häuser der Nachbarn. 

Narva 

Dafür sieht das Stadion seit der Renovierung, die 2015 abgeschlossen wurde, sehr modern aus. Die Tribüne ist von außen komplett holzvertäfelt und in einer futuristischen, aber schlichten Form ohne Schnickschnack gestaltet. Die Laufbahn strahlt tiefblau, was angesichts von Namen und Lage des Stadions nicht unpassend wirkt.

stland 

 Unser weiterer Weg nach Virtsu führt uns über viele unbefahrene wie unbefestigte Straßen nahe der Ostsee. Wir nehmen uns für den Weg die Zeit, die wir brauchen, denn wir wollen uns nicht stressen. Wenn man die Strecke von A nach B weder auf kürzesten noch auf der schnellsten oder ökonomischsten Route zurücklegen will, sondern auf der schönsten oder küstennächsten, muss man seinem Navi ein paar Zwischenhalte aufgeben, die es dann so miteinander verbindet, dass man auf der gewünschten Straße unterwegs ist. Das ist zumindest unsere Taktik, nicht komplett planlos, aber dennoch abseits der Hauptstraßen zu bleiben.

Unser nächstes Ziel nach 20 Minuten ist ein Beispiel dafür, dass das nicht immer so klappt wie man es gern hätte. Wir verlassen zunächst die Landstraße 101 und damit den Asphalt. Schließlich sollen wir auf einen Weg abbiegen, der uns stark hoffen lässt, dass ihn gerade niemand aus der anderen Richtung befährt. An einer Abzweigung ist auf dem Weg, den wir eigentlich nehmen sollen, die Durchfahrt verboten, also nehmen wir den anderen. Dieser Weg zeichnet sich dadurch aus, dass wir außer dem zwei Meter hohen Schilf links und rechts und den Kurven vor uns eigentlich nichts sehen können. Dafür spüren wir jedes einzelne Schlagloch - und davon gibt es eine Menge.

Kurz bevor wir den gewünschten Punkt erreichen, können wir in einiger Entfernung ein kleines Wohnhaus sehen, müssen aber gleichzeitig umdrehen, weil einfach überhaupt kein Durchkommen mehr ist. Keine Ahnung, wie die Bewohner dort hin und weg kommen und ob sie jemals Besuch haben. Wir jedenfalls drehen an einer Stelle, die ein kleines bisschen weniger nicht dafür geeignet ist als die anderen, und fahren zurück zur unbefestigten Dorfstraße.

estland 

Wir halten auf dem weiteren Weg noch einige Male an Aussichtspunkten und dem Strand an und verbringen viel Zeit damit, Schlaglöchern auszuweichen und eine den Straßenverhältnissen angemessene Geschwindigkeit zu finden. Und weil das alles ziemlich lange dauert, ist es bereits zu spät, noch auf die Inseln überzusetzen, als wir in Virtsu ankommen. Das ist zwar schade, aber nicht tragisch, denn Estland kann man sich auf dem Festland auch ganz gut ansehen. Wir verlassen Virtsu also auf dem Landweg und nehmen Kurs auf Haapsalu. 

Haapsalu ist eine kleine schnuckelige Stadt im Nordwesten Estlands und wirkt, nicht zuletzt weil hier heute zum ersten Mal die Sonne für uns scheint, wie ein Ferienort aus dem Bilderbuch. Die Promenade mit ihren Pavillons und Villen scheint direkt aus einem anderen Jahrhundert zu kommen. Aber nicht auf die baufällige Heiligendamm-Art, sondern auf die schöne, restaurierte Ich-fühle-mich-zurück-in-diese-Zeit-versetzt-Weise. Dazu kommt, dass in der Altstadt heute ein Kinderfest veranstaltet wird, bei dem jeder Bewohner unter 12 auf seine Kosten kommt. Es gibt ein paar Karussells, Spiele, Eisstände, eine Bühne, ein paar Erwachsene in dämlichen Kostümen und auf der Wiese hat eine Gruppe Kindergartenkinder ihren großen Auftritt bei einem traditionellen Tanz in passender Tracht. 

Est

Sogar die Burgruine, die über der Stadt thront, ist mit einem Spielplatz an der ehemaligen Stadtmauer ziemlich kinderfreundlich. Die Burg ist zwar schon zu einem großen Teil zerstört, aber der Teil, der noch vorhanden ist, wird liebevoll gepflegt. Sollte man Haapsalu in einem Wort beschreiben, "goldig" wäre in allen Belangen der passende Begriff.

Über einen kurzen Zwischenhalt am Wasserfall von Keila-Joa, dessen Umgebung so grün und üppig bewachsen ist, dass man sie auch einer tropischeren Region zuordnen kann, fahren wir geradewegs nach Tallinn, denn die Kürze der Nacht holt uns nun ein. Nach dem Einchecken in unser Hotel am Hafen verlassen wir das Bett nur ein einziges Mal, um etwas zu essen. 

 Wasserfall 

Am nächsten Morgen erwartet uns in der Stadt eine Überraschung: Die AIDA hat in Tallinn angelegt. Wer diesen Umstand noch nicht live miterlebt hat, kann sich keine Vorstellung davon machen, wie viel Dramatik in diesen sechs Worten steckt. Die wirklich sehr schöne Altstadt Tallinns wird überrannt von Deutschen, die von Hut bis Stiefeln in Wanderkleidung stecken, und streng einem Schild mit einer Zahl folgen.

Wir versuchen, den Menschenmassen möglichst weiträumig auszuweichen, indem wir den Domberg erklimmen, der uns zwei Blickwinkel auf die Stadt ermöglicht. Der eine ist eine ziemlich ernüchternde Mischung aus alten grauen Gebäuden und vielen moderneren Hochhäusern. Der andere ist dafür umso schöner und geht über die ganzen geziegelten Dächern der Altstadt mit ihren Kirchen und hanseatischen Bauten. 

Est 

Auf dem Weg zurück nach unten laufen wir an der ehemaligen Stadtmauer entlang, die einige Künstler als Ausstellungsort für Gemälde nutzen, die sie unter die Leute bringen wollen. Auf dem Rathausplatz angekommen fällt es uns schwer, das namensgebende Gebäude zwischen den ganzen Restaurants und Fleece-Jacken auszumachen. Obwohl die Altstadt Tallinns mit ihren engen Gassen und vielen alten bunten Bauten wirklich wunderschön ist, ist es sehr schade, dass man sich so sehr auf den Tourismus eingestellt hat, dass es hier außer Restaurants und Souvenirläden mit Schaufenstern voller Bernsteine kein anderes Gewerbe zu geben scheint.

Tallinn  

Wir verlassen Tallinn schließlich über die Landzunge nordöstlich der Stadt und finden uns wenig später auf Schotterpisten mit Schlaglöchern wieder, die mittlerweile so groß und alt scheinen, dass man sie eigentlich kartographieren müsste. Durch dichten Wald und vereinzelte kleine Ortschaften arbeiten wir uns Richtung Osten voran. Als wir plötzlich vollkommen unerwartet am Zaun eines Golfplatzes stehen, den Google Maps als einzige Möglichkeit ausgibt, das Mündungsdelta des Flusses Jägala zu überqueren, müssen wir umdrehen und zurück auf eine echte Straße fahren. 

Wieder in der Zivilisation angekommen, legen wir einen kurzen Halt an einer Tankstelle ein, denn die fiese gelbe Lampe leuchtet mal wieder. Weil es nicht mehr allzu weit bis Russland ist und jenseits der Grenze der Liter Super keine 60 Cent kostet, tanken wir nur so viel wie nötig. Das Benzin wird hier überall direkt an der Zapfsäule mit Kreditkarte bezahlt, aber weil sich langsam Hunger breit macht, gehen wir hinterher in den Tankshop und machen große Augen ob der exquisiten Auswahl.

Ist an deutschen Tankstellen das Höchstmaß an Kulinarität bei Bockwurst mit Senf erreicht, fühlen wir uns hier wie im Schlaraffenland. Es gibt frische Teigwaren in der Auslage, Gulaschsuppe in Selbstbedienung, einen Würstchengrill und als Höhepunkt einen Dönerspieß. Wir wollen es nicht übertreiben und entscheiden uns für Hot Dog und Kaffee und brechen auf.

Unser Weg führt uns zurück durch den Wald zum Wasserfall Jägala Juga und nach Jõesuu, wo es eine 60 Meter lange Hängebrücke über den Jägala gibt, an deren anderen Ende sich der Golfplatz befindet, der uns vor einer Stunde noch den Weg versperrt hat. Uns schwant, dass Google ursprünglich vorhatte, uns darüber zu leiten. 

Brücke

Nach zwei weiteren Stopps am Strand erreichen wir schließlich unser Tagesziel, das Beach Resort Valkla, das nicht mal annähernd so schlimm touristisch ist, wie es der Name vermuten lässt. Das Resort ist eine kleine Anlage direkt am Strand mit einem eigenen Restaurant, einem Wald mit Feuerstelle, in dem die Zelte aufgestellt werden, und einem Hügel, auf dem ein paar Holzhütten stehen, von denen wir eine mieten. Unser Nachtquartier ist genau zwei Betten und eine Tür breit, ein Bett lang und verfügt außerdem über eine Lampe und einen Heizlüfter. Und über einen tollen Blick auf die Ostsee. 

Estland 

Während wir im Restaurant zu Abend essen, bricht ein Platzregen über uns herein, der uns mehr als froh macht, nicht das Zelt aufgeschlagen zu haben. Nach dem Nachtisch ist der Regen aber schon Geschichte und wir können uns einen gemütlichen Abend am Strand machen. Vor der Düne sitzen wir mit dem einen oder anderen sprudelnden Getränk und können stundenlang der Sonne beim Untergehen über der Ostsee zusehen. Es ist so ruhig und so unglaublich schön, dass man gar nicht mehr wegschauen mag und sich im Restaurant weitere Getränke besorgt, um länger sitzen bleiben zu können. 

Estland  

Der nächste Morgen beginnt mit einem erfrischenden Bad in der Ostsee, weil sich die einzige Dusche unseres Resorts in der Sauna befindet, die heute den ganzen Tag vermietet ist. Glücklicherweise sind um diese Uhrzeit noch nicht allzu viele Menschen am Strand, die die schrillen Mädchenschreie als Reaktion auf die niedrigen Wassertemperatur vernehmen können.

Das Tagesziel ist heute Narva an der russischen Grenze und den ersten Teil der Strecke legen wir ganz nah an der Küste im Laheema Nationalpark zurück. Wir sind mal wieder entzückt von der Natur, der Ostsee und den Orten, die sich weiterhin ziemlich skandinavisch anfühlen. Hinter Pärispea halten wir zum ersten Mal an einem kleinen Parkplatz und finden dahinter eine einsame Bucht, in der wir die einzigen Menschen weit und breit sind.

Estland 

Außer dem leisen Wellenrauschen ist nichts zu hören, außer dem Sand, dem Strand und wolkenlosen Himmel ist nichts zu sehen. Nachdem wir hier ein bisschen im Wasser und auf den Felsen spazieren gegangen sind, hören wir Kindergeschrei vom Parkplatz aus näher kommen. Eine Familie mit vier Kindern - keins älter als 10 - kommt den Weg hinunter und noch im Laufen reißen sich die Kinder alle überflüssigen Klamotten vom Leib und rennen geradewegs ins Wasser. Diese Konzentration aufs Wesentliche geht einem ja leider mit der Zeit verloren.

Etwas später erreichen wir Vana-Jüri Kivi, das abhängig vom Wasserstand mal eine Insel und mal eine Landzunge ist. Heute sieht es eher nach Insel aus und weiß mit dem ruhigen Wasser und den zahlreichen an der Küste befindlichen riesigen Steinen zu imponieren.

Est 

Weil wir heute Abend in Narva noch Termine haben und nicht zu spät kommen wollen, entscheiden wir, den Rest des Wegs auf einer asphaltierten Landstraße zurückzulegen, die auch mal mehr als 50 Stundenkilometer zulässt.

Narva ist die letzte Stadt vor der russischen Grenze und der Ort, an dem die russische Minderheit Estlands Zuhause ist. 95 Prozent der Einwohner sind Russen, was zur Folge hat, dass so gut wie alles in lateinischer und kyrillischer Schrift beschriftet ist und fast nur russisch gesprochen wird. Architektonisch befinden wir uns bereits jenseits der Grenze, denn kaum ein Gebäude ist zu sehen, das nicht in leuchtendem Grau erstrahlt und an der Fassade bröckelt. Ein Traum in Beton und Rost als Gegenprogramm zur Schönheit der Natur des Landes.

Narva 

Nachdem wir in unser Zimmer eingecheckt haben, das einem Museum der 1970er Jahre entstammen könnte, machen wir uns auf, die Stadt zu erkunden. Keine fünf Gehminuten entfernt liegt der Grenzübergang mitten in der Stadt, daneben die Burg an der Narva. Gegenüber auf der anderen Seite der Flusses befindet sich Russland und die Burg von Iwangorod. Das war früher bestimmt ganz praktisch, wenn man Krieg führen wollte. Da musste man nicht so weit laufen.

Narva 

Ein paar Kilometer und ein Plattenbaugebiet weiter, stehen wir am Kreenholmi Staadion, wo heute Abend El Classico del Baltico stattfinden wird: JK Narva Trans gegen Nömme Kalju aus Tallinn. Der Tabellenfünfte (von zehn) empfängt den 20 Punkte entfernten Tabellendritten. Man ist sehr gespannt.

Etwas über eine Stunde vor Anpfiff ist im Stadion allerdings noch nichts davon zu sehen, dass hier heute noch ein Erstligaduell stattfindet. Die beiden Stadiontore sind geöffnet, auf der Anlage macht eine Frau powerwalking. Lediglich ein Typ auf einem wackeligen Gerüst, der eine Kamera aufstellt, ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht vollkommen verkehrt sind.

Est 

Weil hier noch nichts los ist und im Stadion weder Verpflegung noch sanitäre Einrichtungen zu Verfügung stehen (Ein Dixi-Klo ist ausdrücklich keine sanitäre Einrichtung.), kehren wir in die einzige Lokalität in der Nähe, eine Pizzeria mit direktem Zugang zum benachbarten Möbelgeschäft, ein.

Als es endlich so weit ist, ist an einem der beiden Tore eine Kasse geöffnet. Das andere steht weiterhin offen, liegt aber am anderen Ende, also weit weg vom Parkplatz und der Bushaltestelle, sodass niemand versucht, sich dort unerlaubt Eintritt zu verschaffen.

Am Einlass werden neben Eintrittskarten auch Fanschals und Saft aus Trinkpäckchen verkauft. Der Eintritt kostet 3 Euro und glücklicherweise ist ein international erfahrener Ordner vor Ort, um der Dame an der Kasse meine außergewöhnliche Bestellung ("Two tickets, please", dabei halte ich zwei Finger hoch.) ins Russische zu übersetzen, denn es bestehen offenbar Verständigungsschwierigkeiten.

 Est

Das Kreenholmi Staadion wirklich als Stadion zu bezeichnen, ist vielleicht etwas übertrieben. Im Grunde ist es ein Sportplatz mit einer Stahlrohrtribüne, ohne Umkleidekabinen - die Eishalle nebenan bietet diese. Der Verein Narva Trans verfügt über die gleiche Strahlkraft wie seine Spielstätte. Der größte Erfolg der Vereinsgeschichte war die Belegung des zweiten Tabellenplatzes in der Saison 2006 mit 11 Punkten Rückstand auf den Meister. In der Europapokalqualifikation schied man dreimal in Folge torlos in der ersten Runde aus.

Estland 

Wenige Minuten vor Anpfiff marschieren drei Auswärtsfans (zwei Männer, eine Frau) mit Fahne, Banner und Trommel ein und beziehen ihr Quartier am Ende der Tribüne. Bis zum Schluss sollen es insgesamt sechs werden. Die Stimmung auf Seiten der Heimmannschaft ist weniger streng organisiert und geht vor allem von einer Gruppe im mittleren Alter aus, die wahrscheinlich aus Spielereltern besteht. Im Nebenblock gibt es einen angetrunkenen jungen Mann, der in deren Gesänge einstimmt und unflätige Bemerkungen macht. Beim Fußball muss man keine gemeinsame Sprache sprechen, man versteht sich auch so.

Estland 

In der vierten Minute erzielt Kalju das 0:1, was durch den Rentner vor uns mit wütenden Pfiffen quittiert wird. Dass er diese mit einer Trillerpfeife erzeugt, nimmt der Situation allerdings etwas die Gewichtung. Das Spiel ist in der Folge wirklich schlecht, was die Ultras aus der Hauptstadt aber größtenteils nicht vom Trommeln und Singen abhält. Im Grunde sind wir nur froh, dass niemand ein Megaphon dabei hat. 

Obwohl Kalju in der zweiten Halbzeit noch zwei weitere Tore erzielt, wird die Heimmannschaft am Ende von ihren Muttis gefeiert. Der halbe Gästeblock verfällt am Spielfeldrand mit seinen Spielern gemeinsam in Extase. Und dann ist der Zauber auch schon vorbei und wir fahren mit dem Bus zurück ins Hotel.

Estland 

Am nächsten Tag hatten wir eigentlich vor, nach dem Frühstück die Grenze zu passieren, gemütlich nach Pushkin bei Sankt Petersburg zu fahren und am Nachmittag Katharinenpalast und -park zu besichtigen, sodass wir tags darauf weiter über Sankt Petersburg in Richtung Finnland aufbrechen können. Eigentlich.

Uneigentlich stellen wir beim Frühstück fest, dass man sich im Vorfeld online einen Termin für den Grenzübergang besorgen sollte, um Wartezeiten zu reduzieren. Wir stellen außerdem fest, dass wir das nicht gemacht haben und jetzt eigentlich keine andere Möglichkeit haben, als an die Grenze zu fahren und zu warten. Geschätzte Wartezeit heute: vier bis sechs Stunden. Der Blick des Grenzbeamten: mitleidig.

Weil der sich der Grenzübergang mitten in der Stadt befindet und die wartenden Autos diese permanent verstopfen würden, hat man am Stadtrand ein großes Gelände mit dem schmissigen Namen “Waiting Area” eingerichtet, auf dem sich jeder Fahrer samt Auto registrieren muss und erst zur Grenze fahren darf, wenn er einen Passierschein erhalten hat. Wann ein Fahrer dran ist, seinen Schein in Empfang zu nehmen, kann er einer Anzeige entnehmen, auf der die aktuellen Kennzeichen durchlaufen. Bis dahin heißt es: warten. Und weil alle Autos auf diese Anzeige ausgerichtet sind, mutet es an als hätten wir uns in einem Autokino eingefunden, in dem der langweiligste Film der Welt läuft. Etwa alle 40 bis 60 Minuten gibt es einen neuen Satz von 10 bis 15 Kennzeichen, die aufgerufen werden.

Auto

Dem Architekten schien es bei der Planung sehr wichtig gewesen zu sein, dass die Besucher der Waiting Area nicht allzu sehr vom Warten abgelenkt werden. Meiner Meinung nach hat er dieses Ziel sensationell durch den konsequenten Einsatz von Betonplatten und -wänden erreicht. Die Umgebung hinter dem Betonzaun aus Plattenbauten spielt ihm zusätzlich in die Karten.

auto

Während wir warten, stellen wir fest, dass wir mehr oder weniger die einzigen sind, die sich nicht vorab registriert haben, denn so gut wie jeder, der nach uns ankommt, verlässt das Gelände vor uns.

Einige Stunden später - Oder waren es Tage? Ich habe mittlerweile jegliches Zeitgefühl verloren - beginnt es zu regnen.

Ich: "Kannst du mal den Motor starten? Ich will das Fenster zu machen."

Fahrer: "Hm." (Dreht den Zündschlüssel.)

Auto: "Röchel, röchel." (Stirbt.) 

Fahrer: (Dreht den Zündschlüssel.)

Auto: "Röchel, röchel." (Stirbt.)

Es geht circa drei Stunden so weiter, aber das ist kein Problem, denn unser Kennzeichen erscheint sowieso nicht unter den Gewinnern auf der Anzeige.

Ich unterbreche also meine Wartetätigkeit für ein paar Kommunikationsübungen. Ziel: Jemanden finden, der uns Starthilfe gibt. Ich werde von dem in einer Baracke ansässigen Reifenhandel, wo man kein Englisch spricht, zur benachbarten Spedition geschickt, wo man mir ein paar Nummern von Pannendiensten aufschreibt und darauf hinweist, dass dort wahrscheinlich auch niemand Englisch spricht. Als ich am Registrierungsschalter auch keinen Erfolg habe, spreche ich die anderen Autofahrer an. Diese lassen sich in zwei Kategorien einteilen: kann mich nicht verstehen, ist aber neugierig und will mich nicht verstehen und seine Ruhe haben.

Dann sehe ich jedoch einen Mann, der zu jung ist, um kein Englisch zu sprechen, und zu stolz scheint, mit seinem dicken weißen SUV nicht helfen zu können. Er versteht mich, fährt an unser Auto heran, Motorhauben werden geöffnet. Niemand hat ein Starthilfekabel.

Weil der Film auf der Leinwand zu langweilig ist, steigen immer mehr Leute neugierig aus ihren Autos und beobachten die Leute mit dem komischen Kennzeichen interessiert und amüsiert. Während unser Helfer schon herumläuft und die Fahrer anspricht, parkt jemand neben uns und reicht uns sein Kabel. Mit vereinten Kräften springt das Auto wieder an.

Als der Škoda wieder läuft, sind bereits sieben Stunden vergangen und wir werden langsam nervös. Wir recherchieren ein bisschen und finden heraus, dass wir über unsere Registrierungsnummer im Internet die Information erhalten können, wie viele Fahrzeuge noch vor uns dran sind. Es sind über 100. Die Stimmung ist im Keller. Eine halbe Stunde später sind es noch 80, die Hochrechnung ist einfach. Wir eroieren also Alternativen, denn wer zur Grenze fahren darf, ist noch lang nicht drüben, und danach sind es noch 150 Kilometer bis Pushkin.

Estland hat zwei weitere Grenzübergänge, die Wartezeiten sind dort unter einer Stunde. Allerdings bedeutete dies einen nicht unerheblichen Umweg und noch sieben Stunden Fahrtzeit bis Pushkin. Nach fast acht Stunden im Auto ist diese Aussicht nicht unbedingt das, was wir uns vorgestellt haben.

Wir könnten auch zurück nach Tallinn fahren und eine Fähre nach Helsinki nehmen. Dann würden wir das russische Kernland auslassen, Pushkin auf “später mal” verschieben, aber ein paar Tage sparen - wir hatten den heutigen Tag schließlich bereits anders verplant und nun ein bisschen Angst davor, einen weiteren Tag an der russisch-finnischen Grenze zu verlieren.

Wir überlegen lange, wiegen ab und entscheiden uns schweren Herzens für Plan B. Auch wenn wir Pushkin gern zum ersten und Sankt Petersburg zum zweiten Mal gesehen hätten, wir können und wollen keinen weiteren Tag verlieren. Außerdem müssen wir mal wieder irgendwas in Farbe sehen, acht Stunden Beton machen einen wahnsinnig. Also buchen wir eine Nacht-Fähre, um eine Übernachtung zu sparen, und verlassen Narva schließlich in Richtung Westen.

Als wir die Stadt endlich hinter uns gelassen haben und wieder Farben und sogar die Ostsee sehen können, sind wir erleichtert und können gar nicht glauben, dass wir erst gestern aus Tallinn gekommen sind. Acht Stunden in der Waiting Area fühlen sich an wie acht Wochen. Man verliert schnell jedes Gefühl für die Zeit.

Est

Die 200 Kilometer nach Tallinn legen wir in etwas mehr als anderthalb Stunden auf der Autobahn zurück, die E20 ist nämlich - wie viele andere Hauptverkehrsstraßen - sehr gut in Schuss. Wir haben uns in Estland viel in Wäldern und dünn besiedelten Gebieten aufgehalten, sodass wir fast vergessen haben, dass die Straßenverhältnisse hier in der Regel ziemlich gut sind. Insgesamt ist Estland ein ziemlich modernes Land, in dem man viel öfter und unkomplizierter bargeldlos zahlen kann als in Deutschland, das in dieser Hinsicht echt noch etwas hinter dem Mond liegt. Die Wälder und Strände sind hier traumhaft schön und wer Ruhe und Entspannung sucht, ist hier absolut richtig. Es gibt viel zu entdecken und ein Strand ist immer schnell gefunden und häufig sehr leer. 

Wer die Sprache nicht versteht, kann zwar so gut wie gar nichts herleiten, aber eine Menge Spaß haben. Gesetzeshüter arbeiten hier bei der Eesti Politsei, Bier wird im Õlleklubi gereicht und sein Abitur erlangt man am Gümnaasium. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, gibt es in Tallinn eine Straße namens Piiskopi, die mir der Google-Translator mit “Bischof” übersetzt.

Bericht & Fotos: Anika

> zur ersten Etappe der Ostsee-Umrundung

> zur zweiten Etappe der Ostsee-Umrundung

> zur dritten Etappe der Ostsee-Umrundung

> zum Reiseblog der Autorin: zug-nach-irgendwo.de

> zur turus-Fotostrecke: Lettland 

> zur turus-Fotostrecke: Estland

 

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