Zwischenstopp in Kaliningrad: Tanzender Wald, Plattenbauten, Königsberger Dom und Stadion Baltika

Autor: Anika     veröffentlicht am 07 September 2017    
 
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Nachdem wir an der Grenze die Gesichtskontrolle bestanden und mehrfach schriftlich bestätigt haben, dass wir unser Auto beim Verlassen des Landes wieder mitnehmen werden, dürfen wir zum ersten Mal auf dieser Unternehmung nach Russland einreisen. Als russische Exklave ist Kaliningrad 500 Kilometer entfernt vom Kernland gelegen und komplett von EU-Staaten umgeben. Das russische Kernland mit der Ostseeküste um Sankt Petersburg steht für später natürlich auch ganz dick auf unserem Reiseplan. Erstmal wollen wir aber einen Tag in der Stadt Kaliningrad verbringen, die gleichnamige Oblast am darauffolgenden Tag verlassen und uns genug Zeit für Litauen, Lettland und Estland nehmen, die noch dazwischen liegen.

Hinter dem Grenzübergang erwartet uns erstmal eine breite, leere Straße ohne Schlaglöcher und Kurven. Als wir uns schon fragen, ob diese Straße überhaupt irgendwo hinführt, zeichnet sich endlich eine Skyline am Horizont ab. Vor dem orange der untergehenden Sonne sorgt das perfekt abgestimmte Ensemble aus Plattenbauten und Baukränen für viel Romantik.

Russia

Über die Kommunisticheskaya Ulica fahren wir in die Stadt. Allein der Name wirkt auf jemanden, der keine eigenen Erinnerungen an die Zeit vor der Wende hat, wie aus einer anderen Welt. Dazu kommt das Erscheinungsbild dieser Straße mit dem geflickten Kopfsteinpflaster, den heruntergekommenen Plattenbauten, den verrammelten Kiosken, den Menschen in billigen, alten Klamotten, und fertig ist die Zeitreise in die Sowjetunion. So zumindest stelle ich mir den Osten kurz vor seinem Untergang vor.

Auch als wir am nächsten Tag zu Fuß in Richtung Innenstadt aufbrechen, ändert sich das Bild nicht großartig. Es scheint nicht einen einzigen Kaliningrader zu geben, der nicht in einem Plattenbau wohnt. Es gibt diese Ungeheuer hier in allen Ausführungen: groß - riesig, traditionell grau - zeitgenössisch grau-bunt, gemütlich achtgeschossig - ungemütlich achtzehngeschossig, mit ländlichen drei Aufgängen - mit kosmopolitischen zehn Aufgängen, klassisch eckig - modern eckig, ohne Fahrstuhl - ohne Fahrstuhl. Für jeden Geschmack scheint etwas dabei zu sein. Die Straßen passen sich der Baufälligkeit der Hochhäuser größtenteils gut an. Es ist super interessant, aber halt einfach nicht schön. 

Russia

An der Pregel gelegen ist das Fischerdorf, ein Viertel aus Fachwerkhäusern nach deutscher Bauart, die einige Restaurants und Souvenirläden beheimaten. Den besten Blick auf das Fischerdorf hat man von der Honigbrücke aus, an der Paare - genauso originell wie überall auf der Welt -Schlösser anbringen und den Schlüssel in den Fluss werfen, der darunter fließt.

Der einzige Unterschied zwischen den Russen und dem Rest der Welt besteht in der Art der Schlösser. Die einen bevorzugen sie kompakt mit einer filigranen Inschrift, die Namen und Jahrestag der Liebenden trägt. Die anderen mögen sie eher groß, schwer und unverwüstlich. Namen und Daten sind Nebensache und können zur Not auch händisch und ein bisschen schief eingeritzt werden. Und wem ein einfaches Vorhängeschloss zu albern ist, der bringt halt eine Namensplakette an. Da muss man sich auch nicht zieren oder zurückhalten. Große Verliebtheit sollte auch groß zelebriert werden.

Russia

Wir erreichen schließlich den Königsberger Dom, seines Zeichens letztes erhaltenes mittelalterliches Gebäude der Stadt, die im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört und hinterher zu einer sowjetischen Musterstadt gemacht werden sollte. Wohl auch weil sich niemand traute, das Grab Kants zu zerstören, das sich an der Außenseite der Kirche befindet, blieb der Dom erhalten. Nachdem wir die letzte Ruhestätte des Philosophen gesehen und uns einen Kaffee geholt haben, stellen wir fest, dass wir heute Morgen eigentlich gar keine Lust haben, eine Kirche von innen zu besichtigen und gehen lieber ein wenig im Kneiphof spazieren. Der Königsberger Dom liegt nämlich auf einer kleinen Insel, auf der man ganz nett im Grünen spazieren gehen und das Plattenbau-und-Hafen-Panorama an der Pregel bestaunen kann.

Königsberg

Über eine Treppe verlassen wir die Dominsel und finden uns plötzlich mitten auf einer Straße mit vier Spuren und zwei Gleisen wieder. Vom Leninskiy Prospekt aus haben wir die Silhouette des markantesten Gebäudes der Stadt vor uns: das Haus der Räte, auch "Haus der Sowjets" genannt. Dieses 16-stöckige Monster steht an der Stelle, an der sich früher der Burggraben des Königsberger Schlosses befunden hat, und das ist auch sein Problem. 

Das Königsberger Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen und 1968 als "fauler Zahn preußischen Militarismus'" schließlich mit viel Symbolkraft gesprengt. Möglicherweise ist dabei auch versehentlich das Bernsteinzimmer vernichtet worden. Irgendwas ist ja immer.

Leider stellte man erst nach Fertigstellung des Rohbaus fest, dass sich der Untergrund bei der Sprengung gelockert hatte und das Gebäude absackte. Die Bauarbeiten mussten daraufhin unterbrochen werden, denn die Staatskasse war leer und die Behebung der Schäden viel zu teuer. Weil man bis heute keinen Investor gefunden hat, steht der Rohbau weiterhin an Ort und Stelle und wartet sehnlichst auf seinen Abriss.

Russia

Am Haus der Räte vorbei folgen wir dem Schlossteich in Richtung Norden bis zum Bernsteinmuseum. Weil wir zu einem späteren Zeitpunkt noch den Katharinenpalast in Pushkin bei Sankt Petersburg besichtigen wollen, in dem sich eine Nachbildung des Bernsteinzimmers befindet, lassen wir das Museum aus und biegen am Oberteich Richtung Westen ab.

Auf dem Weg zur Christ-Erlöser-Kathedrale halten wir kurzentschlossen an einem Markt, denn wir können den Versprechungen des Eingangsschildes, das uns in die Mir Modiy, die Welt der Mode, einlädt, einfach nicht widerstehen. 

Markt

Neben der neuesten Mode aus aller Welt, gibt es hier auch Lebensmittel zu kaufen. Vor allem faulige Paprika und schrumplige Auberginen erzählen eine Geschichte über das Importverbot von europäischen Lebensmitteln, die Melonen in allen Farben und Größen vom intensivierten Handel mit Usbekistan, wo sie in großem Stil angebaut werden. Ein Geschäft mit dem Namen "Konfetti" enttäuscht ein bisschen, weil es nur Konfekt im Angebot hat.

Bevor wir die Kathedrale erreichen, legen wir eine Mittagspause ein, in der wir die Kernfrage des Aufenthaltes in Kaliningrad klären wollen: Schmecken Königsberger Klopse an ihrer Geburtsstätte anders als bei Mutti? Wir müssen leider feststellen, dass Königsberger Klopse kein Gericht sind, das standardmäßig in allen Restaurants gereicht wird, und sind ein weiteres Mal enttäuscht. 

Als sich herausstellt, dass die Christ-Erlöser-Kathedrale heute geschlossen ist, droht dieser Tag aus den Fugen zu geraten. Glücklicherweise haben wir am Abend noch ein echtes Highlight im Programm. Denn im Ostseestadion, oder wie man in Russland sagt, Stadion Baltika, steigt um 19:00 Uhr das Spitzenspiel der zweiten russischen Liga FNL. Baltika Kaliningrad empfängt die Gäste aus dem 1.700 Kilometer entfernten Tambow. 

Wer das für eine weite Entfernung für ein Auswärtsspiel hält, dem sei der bisherige Saisonspielplan Baltikas vor Augen geführt: 

1. Spieltag: auswärts in Tjumen - 3.400 km

2. Spieltag: zu Hause gegen Sibir Novosibirsk - 4.600 km

3. Spieltag: auswärts in Orenburg - 2.700 km

Am 6. September hat man die Mannen von Lutsch-Energia aus Wladiwostok zu Gast und die müssen über 10.000 Kilometer zurücklegen. Vor diesem Hintergrund können wir das Spiel gegen Tambow ohne schlechtes Gewissen als "Derby" bezeichnen.

Das Stadion Baltika verfügt über einen standesgemäßen Eingangsbereich mit Springbrunnen und Säulentor. Der Innenraum bietet Platz für 14.500 Personen und zwei Verkaufszelte - eins für Kaffee und Piroggen, das andere für Fanartikel. Es gibt eine überdachte und zwei unüberdachte Tribünen, auf der Gegentribüne steht groß und weiß auf blau der Name von Stadion und Verein: Baltika.

Baltika

Der Eintritt für einen Sitzplatz unter dem Dach beträgt 200 Rubel, also umgerechnet 2,85 Euro. Zum Vergleich: die Oberliga Hamburg kostet 6 Euro und weder Sitzplatz noch Dach sind hier die Regel.

Die Haupttribüne ist sehr gut gefüllt, auf der Gegentribüne harren einige Unerschütterliche mit Regenschirm oder -cape aus und ganz allein hinter dem Tor versammelt sich eine Hand voll Ultras mit Fahnen und Banner. Gästefans sind nicht zu finden und hier sicherlich auch eher die Ausnahme. Vor allem an einem Mittwoch.

Baltika geht nach drei Minuten in Führung und erhöht vor der Pause auf 2:0. Das Publikum ist positiv gestimmt und von jeder Tribüne gehen dann und wann Gesänge aus, die mal in Wechselgesängen enden und mal nicht. Jeder macht das mit, worauf er Lust hat. Hin und wieder ist ein derber Spruch zu vernehmen, der vor allem von den männlichen Besuchern anzüglich belacht wird. Ohne ernsthaft Russisch zu sprechen, wissen wir ziemlich genau, was man so redet. Fußball verbindet eben.

Baltika

In der Halbzeitpause steht dann der große Auftritt von zwei Personen an: der Platzwart und dem Platzwart seine Frau drehen ihre Runde. Weil die Linien unter dem Dauerregen mittlerweile ausgewaschen sind, ist es dringend nötig, diese nachzuziehen. Er ist mit seinem Wagen, Baujahr 1978, im Einsatz. Sie mit Eimer und Stabpinsel für die kritischen Stellen. Beide mit Gummistiefeln im Partnerlook. Ein eingespieltes Team. Wahrscheinlich auch seit 1978.

In der zweiten Hälfte erhöht Baltika auf 3:0 und die Menge dreht durch. Es werden einige nicht ganz wellenförmige Wellen gestartet, gejubelt, man singt ein Lied, in dem das Wort "Champions" vorkommt. Wenn's läuft, drehn se durch…

Am nächsten Morgen stellen wir erleichtert fest, dass sowohl das Auto als auch alle vier Räder noch an Ort und Stelle sind und machen uns auf den Weg. Bevor wir auf die Kurische Nehrung fahren, um die Oblast Kaliningrad zu verlassen, machen wir einen Abstecher in den Kurort Swetlogorsk. Als diese Gegend noch preußisch war, hieß die Stadt “Rauschen” und es stellt sich heraus, dass es niemals einen Namen gab, der einen Ort besser beschrieben hat als dieser. 

Swetlogorsk ist an einer Steilküste gelegen, es gibt zwar Badestellen, aber keinen richtigen Strand. Deswegen liegt die Promenad etwas oberhalb des Wassers und bietet überdachte Bänke, auf denen man den ganzen Tag verbringen und dabei der Ostsee lauschen kann, die hier niemals Ruhe zu geben scheint. 

Russia

Weil wir hier leider nicht so einfach herziehen können und die Reise noch lange nicht vorbei ist, geht es für uns weiter in Richtung Osten. Über die Kurische Nehrung, eine etwa vier Kilometer breite Halbinsel und gleichzeitig Naturschutzgebiet, wollen wir Russland vorerst verlassen und nach Litauen fahren. Die Straße ist beidseitig vom ostseetypischen Kiefernwald begrenzt, weshalb die Strecke, die auf der Karte verheißungsvoll mit der Ostsee zur Linken und dem Kurischen Haff zur Rechten winkte, sich als eher durchschnittlich spektakulär entpuppt. 

 

Am Tanzenden Wald legen wir eine Pause ein und beschauen die Bäume, die hier krumm, ineinander verschlungen oder in Kurven wachsen. Obwohl es zahlreiche wissenschaftliche Theorien gibt, konnte noch kein Forscher nachweisen, warum die Pflanzen hier so wachsen wie sie wachsen. Den Ansatz der UFO-Forscher, die kosmische Strahlung hinter dem Phänomen vermuten, finden wir dennoch am vielversprechendsten. 

Tanzender Wald

 

Im weiteren Streckenverlauf verlassen wir die Hauptstraße und passieren ein paar kleinere Orte. Hier stehen wir immer wieder vor Wasseransammlungen, von denen wir nicht sagen können, ob es sich um große Pfützen handelt oder um kleine Seen, die bei Google Maps nicht eingezeichnet sind. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn wer mal auf Kuba einen Kia Picanto ohne Verluste durch ein knietiefes Flussbett gebracht hat, der hat in einem echten Auto keine Angst vor so einer popeligen Pfütze. Als wir wieder zurück auf einer befestigten Straße sind, sind wir dennoch ganz froh. 

An der Grenze führen wir wie bei der Einreise versprochen unser Auto aus und sind heilfroh darüber, dass keiner der Grenzbeamten sich ernsthaft für den Inhalt unseres Kofferraums interessiert, denn dieser ist bis zur Oberkante voller Ruck-, Schlaf- und Dreckwäschesäcke und einigen anderen waffenfähigen Materialien wie einem Gaskocher und einem polnischen Nutella-Verschnitt namens Nuttina. Die Einreise in die EU nimmt über eine Stunde in Anspruch, die wir hauptsächlich mit Warten verbringen. Zeit genug also, um die Eindrücke der letzten Tage zu verarbeiten. 

Kaliningrad ist die Stadt der Plattenbauten. Ich meine, ich bin in Vorpommern aufgewachsen, schon in einige Male in Russland gewesen, viel in Osteuropa gereist und kenne Großstädte in Usbekistan und Kasachstan, aber eine solche Dichte an Plattenbauten wie hier habe ich wirklich noch nie gesehen. Im Vergleich zu Moskau und Sankt Petersburg wirkt Kaliningrad wie die kleine graue Maus, um die sich keiner kümmern mag. Das ist sehr schade, denn mit den Seen in der Innenstadt und der Lage unweit der Ostsee könnte man einiges an Lebensqualität aus dieser Stadt herausholen.

Viele Menschen wirken hier stoisch, in sich gekehrt und wollen nichts mit uns zu tun haben. Das mag da liegen, dass wir keine gemeinsame Sprache sprechen, obwohl solche Gespräche oft am meisten Spaß machen. Armut ist ein großes Thema, weshalb die großflächige Modernisierung der Wohnquartiere, die wohl zu steigenden Mieten führen würde, viele Menschen endgültig abhängen würde. Kein einfaches Unterfangen. Aber da offenbar niemand ernsthaft Interesse daran hat, in Kaliningrad zu investieren, sowieso kein Thema.

Die Oblast Kaliningrad ist größtenteils ländlich geprägt, an der Küste gibt es einige Ferienorte, von denen Swetlogorsk wahrscheinlich der schönste, auf jeden Fall der bekannteste ist. Die Kurische Nehrung ist ein wichtiges Naturschutzgebiet, das sich Russland mit Litauen teilt, auf der Hauptstrecke aber spektakulär unspektakulär.

Sicherlich kann man an vielen Orten mehr Zeit verbringen, wenn man es darauf anlegt, sie intensiver kennenzulernen. Dass wir nur anderthalb Tage hier verbracht haben, fühlt sich aber nicht zu kurz an. Denn wir haben noch eine lange Wegstrecke vor uns.

Bericht & Fotos: Anika

> zur ersten Etappe der Ostsee-Umrundung

> zum Reiseblog der Autorin: zug-nach-irgendwo.de

> zur turus-Fotostrecke: Unterwegs in Russland

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Mit einigen wenigen Ausnahmen ist die Beschreibung so zutreffend, dass Sie genauso gut behaupten könnten, Sie (nicht ich etwa) hätten 47 Jahre in Kaliningrad verbracht. Ich bin dabe in Kaliningrad vor 47 Jahren geboren.

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Aus der Ecke Königsberg kommt mein Papa. 1945 geflüchtet.

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