Bunte Vielfalt im Supermarkt? Es leben die hausgemachten regionalen Spezialitäten - weltweit!

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 23 August 2017    
 
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Hach, so schön bunt hier! All diese tollen Verpackungen in den Regalen! Plaste, Elaste. Pappe und Folie. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. All diese bunten Bildchen. Köstlich! So schön bunt wie in einer Kita. Großartig! Ein Kindergarten für Erwachsene! Oder eher eine Phantasiewelt, in der uns was vorgegaukelt wird? Kürzlich kursierte  ein Foto von fast leeren Regalen eines Hamburger Supermarktes im Netz. Eine Edeka-Filiale wollte zeigen, was es bedeuten würde, wenn wir auf die bunte ausländische Vielfalt verzichten würden. Es ist schon klar, was damit gemeint war, allerdings fand ich diesen Anblick einfach nur erschreckend. Nicht, weil mit diesem Bild auf Fremdenfeindlichkeit aufmerksam gemacht werden sollte, sondern vielmehr über die Tatsache, dass all der Kram aus aller Herren Länder angekarrt werden muss, um die Regale zu füllen. So würde es also aussehen, wenn nur noch deutsche Produkte in den Regalen stehen würden. „So leer wären unsere Regale ohne Ausländer!“ sowie „Unsere Auswahl kennt heute keine Grenzen!“ war auf aufgestellten Schildern zu lesen. Politisch betrachtet eine nettes Statement, doch wenn man sich vor Augen führt, woher all die zum Teil äußerst banalen Lebensmittel angefahren werden müssen, wird einem übel. Lebensmittelkonzerne haben alles im Griff, regionale Produzenten haben quasi keine Chance mehr. Die volle Palette von der industriellen Stange, von Großkonzernen in Großbritannien, in der Schweiz und in den USA hergestellt, vermarktet und vertrieben.

polnische Wurst

Ich möchte einfach mal kurz aussteigen und an einer anderen Stelle einsteigen, denn der Bericht zu jenem Aufhänger lag bereits seit längerem auf dem Schreibtisch. Ab und an gibt es diese Aha-Effekte. Da macht es Klick im Kopf - und mit einem Schlag wird einem alles bewusst. Neues kommt eigentlich nicht zu Tage, doch da im Alltag manches verdrängt oder kaum beachtet wird, erhält diese Erkenntnis am Tag X wieder eine besondere Bedeutung. Um zum Punkt zu kommen: Seit nun mehr zehn Jahren verbringe ich jährlich bis zu zwei Monate in unserem Nachbarland Polen. Im Sommer drei bis vier Wochen, dann zu Weihnachten und häufig auch über Osten oder mal mit den Kindern zwischendurch in den Winterferien. Bei Babcia in Cieplice (Jelenia Góra) kann dann voll in den Alltag eingetaucht werden. Im Vorland des Riesengebirges wird gewandert, mal auch mit Blick auf die Schneekoppe am Rechner gearbeitet, einfach nur abgelenzt. Morgens holt die Großmutter unserer beiden Kinder frisches Weißbrot und Wurst vom Fleischer. Ich weiß noch, wie ich 2008 gelächelt hatte, als ich das in Folie eingepackte geschnittene Weißbrot auf dem Küchentisch liegen sah. Und als manchmal auf dem Brot ein kleiner Zettel aufgeklebt war, fühlte ich mich an meine Kindheit und Jugend in der DDR erinnert. Heute weiß ich dieses polnische Brot vom Laden nebenan zu schätzen. Kein deutsches Weißbrot schmeckt so schlicht einfach lecker wie dieses - egal, ob aus hygienischen Gründen in Folie eingewickelt oder nackt auf die Hand gereicht. Vom Markt oder aus dem Garten ein paar Tomaten und Gurken, dazu die Wurst vom Fleischer, die in keinster Weise mit irgendeiner deutschen Industrie-Wurst vergleichbar ist. 

Polen

Ich gebe zu, die Geschmacksknospen mussten sich erst einmal dran gewöhnen, anfangs hatte ich die Dinge auf dem Küchentisch in Cieplice abgetan. Was soll da schon der große Unterschied sein? Jetzt ist mir klar: Er ist gigantisch groß! Eingekauft wird dort in Cieplice meist in den kleinen Geschäften. In denen mit dem Punkt oder dem Frosch oben auf dem Schild. Manchmal haben sie gar keinen bestimmten Namen und werden völlig autark geführt. Wie auf dem Balkan gibt es in Polen an jeder Ecke, in jedem Dorf solch einen Laden, in dem man das Notwendige einkaufen kann. In den Supermärkten, die es selbstverständlich auch in Polen reichlich gibt, können Großeinkäufe getätigt werden. Mal Getränke auf Vorrat oder halt Spezielles, das für das nächste große Fest benötigt wird. Aber ansonsten genügen die kleinen Geschäfte. Produkte von internationalen Großkonzernen sind auch in diesen sicherlich zu finden, doch stammen Milch, Gebäck und Wurstwaren aus der dortigen Region. 

Bigos

Seit Jahren gehe ich dort zu jeder verfügbaren Zeit wandern. Zu den dortigen Burgen, zu den benachbarten Dörfern. Dann wird eingekehrt und es werden Pierogi verdrückt. Mit meinem größeren Sohn kehrte ich kürzlich in der Ortschaft Staniszów in einer kleinen Gaststätte ein. Großartig besucht wird diese nicht, vielmehr kocht die dort wohnende und arbeitende Frau für einige Bewohner der Ortschaft. Mal kommen Radfahrer oder Motorradfahrer vorbei und legen dort eine Rast ein, meistens aber kann man dort Bewohner des Ortes begrüßen. Allen voran die Kinder, die dort die legendäre helle Tomatensuppe mit selbstgemachten Nudeln in sich hinein schaufeln. Grandios! So einfach gemacht - und dermaßen großartig im Geschmack! Als wir im Rahmen einer anderen Wanderung noch einmal dort einkehrten, gab es den klassischen Bigos aus gedünstetem Sauerkraut und Fleisch vorgesetzt. 

Polska

Auf diesem Level wird dort während der gesamten ein, zwei Monate im Jahr in Polen gefuttert. Alles selbst gekocht. Egal, ob bei Babcia zu Hause oder unterwegs in einer kleinen Lokalität. Es wäre zu absurd, wenn Babcia die Dosen mit der Fertigsuppe oder eine Pizza aus der Packung öffnen und uns anschließend auftischen würden. Und dann, der Moment! An einem Nachmittag plante ich allein eine stramme 40-Kilometer-Wanderung durch die Berge. Eine große Runde, welche die Burgen Henryka und Chojnik verknüpfen sollte. Um Zeit zu sparen, wollte ich an jenem Tag nicht irgendwo einkehren, sondern unterwegs auf die Hand schnell was einschieben. Nahe des Startpunktes befand sich ein Supermarkt mit dem Marienkäfer im Logo. Fix hinein und Getränke gekauft. So, und nun noch was zum Futtern. Käse, Wurst, was auch immer. Ich schlenderte durch die Reihen - und ich fand nichts. Wirklich nichts! Im Kühlregal lachten mich die Folienverpackungen an, doch ich lachte nicht zurück. Ich verachtete sie. Das soll lecker sein? Ich bedauerte, mir morgens kein Paket geschnürt zu haben oder mal schnell in den Laden um die Ecke hingehuscht zu sein. Ich verzog im Marienkäfer-Supermarkt den Mund und dachte nur an ein einziges Wort. „Industriefraß!“ und nochmals: „Industriefraß!“ Warum kaufen Menschen solch ein Zeug, wenn es solch gute Alternativen gibt?! Letztendlich kaufte ich einen teuren Käse und eine Räucherwurst, die letztendlich aufgrund des Preises akzeptabel schmeckten. Davon ganz abgesehen entfalten die simpelsten Speisen nach einer langen Wanderung auf einem Berggipfel ihr eigenes Aroma. Frische Luft, toller Ausblick. Ich befreite Käse und Wurst von der Plastikverpackung und legte sie auf einen Stein. Kurz auslüften lassen - und schon schaute es besser aus.

Polska

Nach der Rückkehr nach Berlin stellt sich immer die gleiche Frage: Und welche Alternativen zum Supermarkt gibt es hier? In der Stadt gibt es Märkte, mitunter kleine Geschäfte mit leckeren Spezialitäten. Aber auf dem Land? Mit Schrecken erinnere ich mich daran, wie ich mit Karsten über 1.000 Kilometer zu Fuß durch Deutschland gewandert bin. Immer entlang der einstigen deutsch-deutschen Grenze, von Prex bei Hof bis hoch nach Priwall an der Ostsee. Nicht die körperlichen Strapazen und der Jahrhundertsommer 2003 waren das Schrecken, vielmehr war es die Versorgungssituation in zahlreichen Ortschaften, die einen erschrecken ließ. Tante Emma Läden? Meist Fehlanzeige! An irgendeiner Hauptstraße außerhalb des Ortes wartete häufig der Supermarkt. Was für ein Mist, dachten wir damals schon. Mitunter gab es Ausnahmen, aber diese waren leider selten. Eine fränkische Bäckerei mit wirklich selbst gemachtem Brot und Kuchen! Grandios! Ein hessisches Gasthaus mit einer Abendbrotplatte, die mit Wurst, Schwarzbrot und Gurken aus der Region gefüllt war. 

Kroatien

Aber sonst? Häufig blieb uns nichts anderes übrig, als uns im Supermarkt zu versorgen. Zu Fuß ist man nun nicht so mobil, um mal eben 20 Kilometer Umweg zu laufen, um eventuell ein anderes lokales Geschäft aufzusuchen. Als Karsten und ich drei Jahre später mit dem Fahrrad quer durch den Balkan fuhren, wurde uns klar, wie es auch funktionieren kann. An jeder Ecke ein kleiner Laden. In den Restaurants Fleisch und Gemüse, das frisch zubereitet wurde und mit Sicherheit nicht vom anderen Ende der Welt kam. Warum auch? Ohne Frage sind Restaurants wunderbar, die in unseren Städten uns mit Gerichten aus aller Welt verzaubern. Wir sprechen jetzt mal nicht von der „Chinapfanne“ an irgendeiner schmierigen Bude, sondern von echten Köstlichkeiten. Betrachtet man jedoch die Dinge im Supermarkt, so fragt man sich: Aus aller Welt? Bunt? Uns bereichernd? Wirklich? Französischer Käse? Schmeckt der wirklich französisch? Krakauer Wurst? Ha ha! Schmeckt die wirklich polnisch? Chilenischer Billigwein? Tut es wirklich Not, solch einen Wein um die halbe Welt zu fliegen? Muss das Obst, das letztendlich niemals so schmecken wird wie vor Ort in Brasilien oder Kolumbien, wirklich rangekarrt werden, um hier im Regal bei Edeka zu liegen. Es ist doch alles ein Irrsinn! Was für ein Humbug! Was für ein Schwachsinn! 

Briesetal

Allein bei einer Tour zu einem Forsthaus im Briesetal, wird es einem bewusst, wenn es selbstgemachte Suppe und selbstgemachte Knacker zum Essen gibt. Logisch, dass nicht das ganze Land dezentral mit Wildschwein - und Hirschwurst vom Jäger versorgt werden kann, doch wenigstens ein Stückchen wieder zurück sollte / könnte es doch gehen! Etwas weniger Massenversorgung mit Einheitsgeschmack aus dem Supermarkt, die uns dann als vielfältig und bunt verkauft wird. Unsere Nachbarländer im Osten und Südosten machen es doch vor, wie es wenigstens halbwegs funktionieren kann! Es liegt allein bei uns! Wenn jedoch aufgrund allgemeiner Faulheit und Trägheit (und akuter Zeitnot) die Tiefkühlpizza (woher kommt die eigentlich) oder die fertige tiefgefrorene Reispfanne (nein, ich will gar nicht wissen, woher die eigentlich stammt) aufgewärmt werden statt einfach mal Kartoffeln zu kochen und dazu ein Spiegelei und eine Wurst vom Fleischer nebenan (diese gibt es ja mitunter noch) zu servieren - dann gute Nacht und guten Appetit! Dann lasst Euch von der bunten Welt der Supermarktregale verführen! 

Fotos: Marco Bertram, P. Schoedler

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen aus aller Welt 

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Wo kaufe ich den Caffee?

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Es gibt Entwicklungen, gerade im Brb-Land, die sich zurück besinnen - leider können sich die Angebote meist nicht die ärmeren Menschen leisten!
Auf dem Balkan und generell Osteuropa haben diese Angebote viel mit der allgemeinen Armut zu tun, nicht weil die Leute sich das so wünschen ...
Ein Umdenken ist aber in jedem Fall wichtig - aus kultureller, ökologischer und gesundheitlicher Sicht! Bunt ist das neue Grau ;)

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