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Dörfer, in denen die Zeit stehen blieb: Die bulgarische Grenzregion zu Griechenland und Mazedonien

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 03 August 2017    
 
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100 Jahre Einsamkeit. Einsamkeit ist relativ. Gewiss, Europa ist groß und hat viele abgelegene Ecken. Savukoski im hohen Norden Finnlands, Teriberka nahe Murmansk in der russischen Schmuddelecke, Krynki an der polnisch-weißrussischen Grenze. Ein Mit-Favorit für die „gefühlt einsamste Gegend Europas“ ist die Region nahe des Dreiländerecks von Mazedonien, Bulgarien und Griechenland. Die Ortschaften an der einsamen Bergstraße von Katuntsi über Petrovo nach Gotse Delchev nahe der bulgarisch-griechischen Grenze suchen in der Tat ihresgleichen.

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Das bulgarische Bergdorf Goleshevo toppte alles bisher gesehene – und es wurden bisher in ganz Europa hunderte Ortschaften besichtigt und erkundet. Wohl niemand käme auf die Idee, die Straße (die schon bald als solche nicht bezeichnet werden kann) von Katuntsi nach Petrovo, Goleshevo und Paril zu wählen. Wozu auch? Letztendlich kommt man wieder in der Stadt Gotse Delchev heraus, die über Gorno Spanchevo weitaus einfacher erreichbar ist. Die Bergroute war als Alternativroute für den Iron Curtain Trail, der vom Nordmeer bis zum Schwarzen Meer entlang des einstigen Eisernen Vorhangs quer durch Europa verläuft, im Gespräch. Dicht an der bulgarisch-griechischen Grenze entlang, eine hübsche Landschaft im Slavjanka-Gebirge, etwa Abenteuer – perfekt für Radwanderer.

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Letztendlich wurde diese Route nicht als Alternative angeboten – zu beschwerlich und zu abseits vom Geschehen ist dieser Weg quer durch die Berge, vorbei an Dörfern, die teilweise zu 80 Prozent nicht mehr bewohnt sind. Dabei beginnt in Katuntsi noch alles recht locker. Bis Yanovo fährt man auf einer recht glatten Asphaltstraße, noch sind die Hügel sanft, noch gibt es Ortseingangsschilder. Weiter geht es in einem Tal bis Petrovo. Die Asphaltstraße hat sogar einen Mittelstreifen. Hinter dem verwaisten Sportplatz grast ein Esel, im Hintergrund erhebt sich die Bergkette. In Petrovo lädt ein Smesen Magasin (Laden) zum Einkauf ein. Aufgestellte Plastikstühle ermöglichen sogar ein Päuschen bei einer Limonade und einem Schokoriegel. Hinter Petrovo wird der Asphalt zunehmend brüchig, die Straße ist übersät von Schlaglöchern, doch noch ist sie befahrbar. Vorbei geht es an einem Steinbruch. Unbehauene weiße Marmorblöcke liegen in der Landschaft verteilt. Leer stehende Ruinen zeugen davon, dass hier einst professionell Gestein abgebaut und verarbeitet wurde.

Bus

Hinter der Ecke taucht plötzlich ein ausgebrannter Kleinbus auf. Der Atem stockt. Nicht nur, dass das Fahrzeug komplett ausgebrannt ist – das ausgebeulte Dach zeugt von einer Explosion. Eine Autobombe hier in der bulgarischen Provinz? Ein Anschlag? Wozu? Bei näherem Betrachten des Fahrzeugs wird deutlich, dass wahrscheinlich eine Propangasflasche hochging. Das mulmige Gefühl in der Magengegend bleibt. 

Dorf

Die Gegend wird immer einsamer. Nach ein paar Kilometern taucht schließlich Goleshevo auf. Quadratisch gebaute Steinhäuser stehen kreuz und quer an den Berghängen. Auf Sand und Geröll geht es quer durch das langgezogene Dorf. Zahlreiche Gebäude sind vefallen. Einsam qualmt der Schornstein eins schiefen Hauses. Mehr abseits der westlichen Zivilisation kann man sich nicht befinden. Zumindest in Europa nicht. Verlassene Häuser, die einst aus Naturstein errichtet wurden. Manche wurde später mit Ziegelsteinen aufgestockt. Mitten drin ein paar Fachwerkhäuser, die aussehen, als stammen sie aus dem Mittelalter. Kein Mensch ist zu sehen, wirklich kein einziger. Ein Geisterdorf? Hier und dort ist allerdings ein Lada geparkt. Mitten im Dorf steht ein Denkmal. „Stoyo Chlajiev 18. Oktober 1924“. 

Dorf

Je weiter man das Dorf durchquert, desto skurriler werden die Gebäude. Der Zustand der Straße wird auch zunehmend übler. Von einem Dorfladen weit und breit keine Spur. Immerhin zeugen die Strommasten davon, dass es Elektrizität gibt. Laternen sind spärlich gesät. Man möchte dieses Gruseldorf nicht im Dunkeln durchqueren. Eine streunende Katze überquert auf der kleinen Brücke den Bach, der sich durch das Tal schlängelt. 

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Hinter Goleshevo endet jegliche Zivilisation. Die Straße wird zu einem sandigen Weg, der über einen Bergpass führt. Da Wegkreuzungen nicht beschildert sind, kann man sich ganz fix verfahren und in einer Sackgasse im Grenzgebiet zu Griechenland wiederfinden. 

Auto

Auf der abenteuerlichen Strecke erreicht man nach einigen beschwerlichen Kilometern die Dörfer Nova Lovcha und Paril. Auch in Paril sieht man etliche Wohnhäuser, die in grauer Vorzeit aus Holz, Naturstein und Lehm errichtet wurden. Doch mitten drin eine weiß getünchte Kirche und sogar eine kleine Post. Paril scheint die Nahtstelle zwischen extremer Abgeschiedenheit / Vergessenheit und normalen bulgarischen Provinzleben zu sein. Und das mit gutem Grund. Hinter Paril wird die Straße mit einem Schlag besser, viel besser. Aus fast unbefahrbarem Geröll wird nagelneuer Asphalt. 

Dorf

Zurück im „normalen“ Europa. Die Bergkette und „hundert Jahre Einsamkeit“ liegen nun hinter einem. Über Koprivlen und Novo Leski erreicht man Gotse Delchev (Goze Deltschew), das immerhin 23.000 Einwohner hat und 1951 nach dem makedonisch-bulgarischen Revolutionär Georgi (Gotse) Nikolov Delchev, welcher den Bulgarischen Makedonien-Adrianopeler Revolutionären Komitees (BMARK) angehörte, benannt wurde. Zuvor hieß die Stadt Newrokop. Ganz in der Nähe befand sich im Altertum die römische Stadt Nicopolis ad Nestum. Und sieh an, eine Firma in Gotse Delchev stellt Spielzeuge für Überraschungseier her. Ein echtes Überraschungsei ist auch die Bergroute über  Goleshevo. Eigentlich schade, dass sie nicht in den Iron Curtain Trail integriert wurde, doch wer möchte schon verantworten, wenn jemand mit einem Platten im dem urigen Geisterdorf am späten Abend verschütt geht?

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Im Rahmen des Projektes Goleshovo 2010 werden zwei orthodoxe Kirchen renoviert und ein kleines Museum errichtet. Berühmt wurde die Ortschaft aufgrund des bulgarischen Dichters und Revolutionskämpfers Pejo Jaworow, der 1903 vor Ort mit seinen Leuten gegen die Türken gekämpft hatte. Das Dorf verwaiste zwischen 1948 und 1990, weil es sich im Niemandsland zwischen Stacheldrahtzäunen befand und von den bulgarischen Grenztruppen streng bewacht wurde...

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Bulgarien

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Was wäre aus diesen Regionen ohne das Joch des Kommunismus geworden! ?

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Geil!

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