Komm wir gehen wandern - am Amazonas vor den Toren Berlins!

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 01 August 2017    
 
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Sowjetische Soldaten hatten mir am Strand einen frisch geangelten Fisch geschenkt. Ich war vier Jahre alt, und die Erinnerungen sind nur noch äußerst schemenhaft vorhanden. Der große schuppige, glitschige Fisch in meinen kleinen Händen hatte sich jedoch fest eingebrannt im Gedächtnis. Damals im Sommer 1977 - also vor exakt 40 Jahren - fuhren meine Eltern mit mir vom Rande Berlins aus zum Stienitzsee in der Nähe von Strausberg. Ich vorn auf dem kleinen Kindersitz, das Gepäck hinten in einem selbst gebauten orangefarbenen Anhänger mit sehr breiten Reifen. An einer kleiner urigen Badestelle wurde das Zelt aufgebaut, am dortigen Sandstrand reichten mir die Russen den Fisch. Meine Eltern hatten sich in jenem Sommer noch fast selbst umgebracht, da sie auf die „gescheite“ Idee kamen, das Wasser aus einem in den See fließenden Bach zu trinken. Mir gaben sie glücklicherweise nichts davon, denn beide lagen zwei, drei Tage völlig flach und dachten das letzte Stündlein habe geschlagen. Ja, wie dumm kann man sein, erklärten später meine Eltern. Schließlich sei man nicht im Kaukasus, sondern eben doch in der Nähe des Tagebau-Reviers in Rüdersdorf unterwegs. Weiß der Deibel, welche Chemikalien und Keime sich in diesem kleinen, trügerisch klar wirkenden Rinnsal befunden hatten.

woltersdorf

40 Jahre war ich nicht mehr an diesem Stienitzsee gewesen. Bei der Ausarbeitung einer weiteren hübschen Wanderroute kam der Gedanke, von Woltersdorf aus in Richtung Norden zu marschieren. Die Gemeinden Fredersdorf und Petershagen als Tagesziel. Vorbei an Rüdersdorf und diesem besagten Stienitzsee. Gesagt, getan. Den kleinen Rucksack gepackt und mit der S-Bahn bis Rahnsdorf gefahren. Von dort aus geht es weiter mit der alten Straßenbahn nach Woltersdorf. Eine Fahrt mit dieser Linie 87 ist wahrlich ein Hochgenuss für Nostalgiker. (Fast) wie zu DDR-Zeiten schuckelt die alte Tram erst durch den Wald und dann quer durch Woltersdorf bis zur Schleuse. Dort angekommen, ist es möglich in einem der vielen Restaurants einzukehren, oder aber man sucht den kleinen direkt am Wasser gelegenen Imbiss auf. Dieser ist nicht gerade die Wucht, doch andererseits hat das Ambiente etwas. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein, bei Kartoffelpuffer, Wurst und Bier kann man den Gesprächen der Stammgäste lauschen oder einfach nur auf die zwischen Flakensee und Kalksee befindliche Schleuse schauen.

woltersdorf

Genauso geschichtsträchtig wie die Schleuse ist auch der hölzerne Aussichtsturm auf dem Kranichsberg. Bei warmen Wetter und praller Sonneneinstrahlung erinnert der Geruch im Innern so schön an die Kindheit. Das warme Holz riecht wie Opas Laube in den 1980ern. Oder der Schuppen auf Papas Grundstück. Von oben reicht der Blick weit bis zum Alexanderplatz und in die andere Richtung fast bis zur polnischen Grenze. Waldgebiete soweit das Auge reicht. Erinnerungen an die Weiten Sibiriens werden wach. Wehmut kommt auf. Unten im Turm kann ein Getränk gekauft werden, draußen aufgestellte Bänke laden zum Verweilen ein. Und bevor es noch vergessen wird: Im Innern des Turmes hat der Verschönerungsverein etliche Utensilien der Filmgeschichte angebracht. Fotos aus längst vergangenen Zeiten, als Woltersdorf / Rüdersdorf als das deutsche Hollywood in die Geschichte einging. „Der Tiger von Eschnapur“ war einer der zirka 50 Filme, die dort gedreht worden sind. 

Turm

Vom Aussichtsturm aus ist ein geschlagener Bogen durch das dortige Waldgebiet empfehlenswert. Dabei sollte man anfangs grob in Richtung Norden gehen, später hält man sich ein wenig mehr in Richtung Nordwest, um auf die Waldstraße zu stoßen, die einen am Kalksee entlang unter die Autobahn A 10 führt. In Rüdersdorf selbst hält man sich hinter der Autobahn linke Hand und spaziert durch den Ort. Angekommen am Strausberger Mühlenfließ folgt man diesem Gewässer anfangs am rechten und später am linken Ufer. Wer Lust hat, kann sich vor Ort den Rumfordofen 1 und die Zirkelbogenbrücke sowie den Seilscheibenpfeiler und die Seilbahn-Umlenkstation anschauen. Wer allein auf die Natur setzt, der marschiert am besagten linken Ufer des Strausberger Mühlenfließes in Richtung Norden - und wird wenig später fett belohnt!

Wald

Großartig wird es nördlich von Rüdersdorf. Erinnerte der Blick vom Woltersdorfer Aussichtsturm an die sibirischen Weiten, so fühlt man sich nun ein wenig nach Amazonien versetzt. Strausberger Mühlenfließ klingt eher nach einem Bach, doch in der Realität ist es ein recht ordentliches Gewässer. Alte Brückenfundamente ragen aus dem Boden, im Wasser am Ufer sprießt dichtes Schilf empor. Alte verstorbene Bäume ragen gespenstisch in die Höhe. So könnte es gern gut und gern 50 Kilometer weiter gehen, doch leider ist dieser landschaftlich beeindruckende Abschnitt nicht soooo lang. Schneller als einem lieb ist wird Tasdorf erreicht. Dort überquert man die Bundesstraße 1 und folgt der Strausberger Straße, die allerdings ein Weg ist. Nach Belieben kann nun ein Abzweig nach rechts gewählt werden. Automatisch stößt man dann auf den Stienitzsee, an welchem ein Uferweg am westlichen Ufer nach Norden in Richtung Strausberg führt. 

Fluss

Je nach Wunsch ist es nun möglich, dem See immer weiter zu folgen und nach Strausberg zu wandern oder auf etwa halber Höhe nach links abzubiegen und einen Weg in Richtung Petershagen und Fredersdorf zu nehmen. Eines sollte man jedoch auf jeden Fall noch tun! Mitten im Wald lädt die eine oder andere kleine Badestelle dazu ein, in den See zu springen. Für mich war dies eine Wiederkehr nach 40 Jahren, und es war ein merkwürdiges Gefühl in dem Gewässer zu baden, in dem ich einst als Mini in den 70er Jahren geplanscht hatte. Und klar, die Frage stellte sich, ob denn noch die sowjetischen Soldaten leben, die mir einst als junge Männer den gefangenen Fisch geschenkt hatten…

wald

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Wandern im Berliner Umland

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Deutschland
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Brandenburg
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Jo geile Strecke aber schwer zu finden!

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