Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn

Autor: Ralf Schmahld      veröffentlicht am 23 Mai 2009    
 
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Transsib
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7 Tage Zugfahrt von Moskau bis Vladivostok. 9.298 Kilometer quer durch Russland bis ins ferne Sibirien. Die häufigste Frage, die gestellt wird, lautet: Eine Woche? Wird das nicht öde und langweilig? Die klare Antwort: Nein! Eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ist keine gewöhnliche Zugfahrt. Wenn man als Individualreisender in Moskau in einen regulären Zug der Transsib steigt und seinen Platz im 2x2 Meter großen 4er-Abteil belegt, beginnt ein Erlebnis, das man im positiven Sinne niemals vergessen wird! Auf geht es in Richtung Osten. Vorbei am Ural, am Baikalsee und schier endlosen sibirischen Weiten.

Bereits vor Abfahrt des Zuges am Moskauer Bahnhof Jaroslavskij Voksal machen es sich die Reisenden bequem. Von nun an prägen Jogginganzüge und Badelatschen das Bild auf den Gängen und in den Abteilen. Pro Waggon gibt es einen Provodnik oder eine Provodniza. Diese kümmern sich um das Wohl der Fahrgäste, sorgen für Sauberkeit im Waggon, teilen die Bettwäsche aus und bringen auf Wunsch frisch zubereiteten Tee vorbei. 

Langsam setzt sich der lange Zug gen Osten in Bewegung. Sitzt man im Zug Nummer 4, so ist das Reiseziel Peking, sitzt man im Zug Nummer 2, so fährt man ins ferne Vladivostok. Möchte man nur bis Irkutsk oder Ulan-Ude fahren, so kann man beide Züge wählen. Beide Hauptrouten der Transsibirischen und Transmongolischen Eisenbahn haben ihren Reiz. Am Besten, man fährt in seinem Leben beide Strecken ab. Hat man nur die Möglichkeit, sich einmal ins Transsib-Abenteuer zu stürzen, hat man die schwere Qual der Wahl. Der Vorteil der Moskau-Vladivostok-Strecke: Man benötigt keine zusätzlichen Visa für China und die Mongolei. Der Vorteil der Moskau-Peking-Strecke: Man erlebt mehr kulturelle und landschaftliche Vielfalt.

Gemütlicher ist es auf der rein russischen Strecke von Moskau über Omsk, Novosibirsk, Krasnojarsk, Irkutsk, Tschita, Belogorsk und Chabarowsk nach Wladiwostok. Das typische Transsib-Gefühl entfaltet sich am Besten, wenn man quer durch Sibirien rollt. Im Abteil wird man schnell Kontakt mit seinen Mitfahrern haben, die aus Russland, Kasachstan, Tadschikistan, der Ukraine, Weißrussland und der Mongolei stammen. Westliche Globetrotter trifft man auch, doch die Anzahl der Rucksacktouristen hält sich momentan noch in Grenzen, wenn gleich die Zahl der Individualtouristen jährlich zunimmt.

Eine weitere häufig gestellte Frage lautet:
Was um Gottes Willen tut man all die Zeit?
Die Antwort: Sich erholen, komplett vom Alltag abschalten, stundenlang aus dem Fenster schauen und träumen, die Gedanken schweifen lassen, Tee aufbrühen gehen, mit den anderen im Zug Karten spielen, auf dem Gang entlang schlendern und gespannt auf den Zwischenstopp am nächsten Bahnhof warten. Denn Bahnhöfe bieten Abwechslung. Auf den Bahnsteigen bieten Einheimische frische Teigwaren mit gefülltem Weißkohl oder Kartoffeln sowie Gemüse, Obst und Getränke an. In der Baikalregion komplettiert schmackhafter Räucherfisch das Angebot. Ganz besonders zu empfehlen ist der Omul-Fisch.

Meist auf die Minute genau rollt der Zug der Transsib in den jeweiligen Bahnhöfen ein. Mit Schläuchen befüllen Bahnhofarbeiter die Wassertanks der Waggons. Radreifen werden mit langen Hämmern abgeklopft und Lokomotiven werden ausgetauscht. Aufmerksam stehen die Provodniks in ihren Bahnuniformen an den Waggontüren und achten darauf, dass niemand verloren geht und keine fremde Person den Zug betritt.

Abends trinkt man in der Transsib am Besten ein kaltes Baltika Pivo. Gut bekömmlich ist Baltika Nummer 4 mit dem blauen Etikett. Vorsicht beim Baltika Nummer 9 mit dem braunen Etikett – hierbei handelt es sich um recht starkes Bier! Prinzipiell sollte man es sowieso mit dem Biergenuss nicht übertreiben, denn während der Bahnhofsaufenthalte werden die Toiletten von den Provodniks abgeschlossen. Und ein Halt kann bis zu 30 Minuten dauern...

Eine weitere Frage, die sich jedem Individualreisenden stellt: Fährt man die Strecke komplett durch oder steigt man zwischendurch hier und dort aus? Plant man die Reise im Vorfeld akribisch oder steigt man an gewünschten Haltepunkten ganz spontan aus? Die Entscheidung sollte man möglichst vorher treffen, da die Bettkarten nur für die reservierte Fahrt gelten. Beim spontanen Aussteigen verfällt das Ticket komplett! Ein neues Billet muss dann vor Ort erworben werden. Dabei sind selbstverständlich Russischkenntnisse gefragt.

Und generell muss betont werden: Um während einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn richtig Freude zu haben, sollte man zumindest paar Brocken Russisch können und ein gutes Wörterbuch, in dem auch ausgefallene Vokabeln stehen, mit im Gepäck haben. Der Rest ergibt sich dann von allein. Stift und Papier zum Aufmalen. Hände zum Gestikulieren, ein freundliches Lächeln – schon sind in den meisten Fällen die Herzen geöffnet und Sprachbarrieren überwunden. Beim Pinienkerne-Knacken und einer Runde Tee ergeben sich selbst mit einem geringen Wortschatz überraschend tiefgründige Gespräche. Doch eine Sache zeigte sich aus eigener Erfahrung: Über alles darf gesprochen werden – doch als Ausländer sollte man Kritik an Russland und Putin vermeiden!

Sehr bald wird man auch merken, dass Einheimische sehr selten den Speisewagen nutzen. Transsib-Reisende bringen sich alles selbst mit und ergänzen ihre Nahrungsvorräte auf den Bahnsteigen. Es kann schon mal sein, dass einem gegenüber im engen Abteil eine turkmenische Großmutter ein fahles gekochtes Hühnchen pellt, mit den Händen zerteilt und unter den Mitreisenden verteilt. Fertigsuppen, die man nur mit heißem Wasser aufgießen muss, sind allseits beliebt. Manch einer packt auch mal am Ende des jeweiligen Waggons seinen gekauften Räucherfisch auf den Heißwasserkessel, der häufig falsch als Samowar bezeichnet wird, um den Fisch wieder aufzuwärmen. Der Provodnik sieht das gar nicht gern.

Und wie ist das nun mit der täglichen Körperpflege? Duschen gibt es generell nicht. An jedem Waggonende befindet sich ein Waschraum mit Toilette. Wer auf eine Dusche nicht verzichten kann, der muss mit einem Sonderzug fahren oder ein Zwei-Bett-Abteil in den chinesischen Zügen Nummer 3 und 4 buchen. Da man sich allerdings im Zug nicht groß schmutzig macht, kommt man als Reisender auch mit dem Waschbecken aus. Wichtig ist, dass man sich luftig und legère kleidet, so dass man nicht den ganzen Tag vor sich hin muffelt.
 

Fährt man von Moskau nach Vladivostok, sollte man auf jeden Fall einen längeren Zwischenstopp in der sibirischen Stadt Irkutsk einlegen. Die 1652 erstmals als Winterlager erwähnte Stadt an der Angara hat rund 640.000 Einwohner und ist berühmt für ihre typisch sibirischen Holzhäuser und das prachtvolle Opernhaus, welches denen in Paris und Manaus ähnelt.

Von Irkutsk aus sollte man einen Ausflug mit dem Tragflächenboot – der so genannten Rakjeta – zum Baikalsee machen. Mit dem Schiff geht es die Angara hinauf bis zur Ortschaft Listvjanka, die sich am Ufer des 636 Kilometer langen und bis zu 1,6 Kilometer tiefen Baikalsees befindet. Mit der Elektricka ist es auch möglich von Irkutsk nach Sludjanka zu fahren und von dort aus eine Wanderung in die umliegenden Berge zu starten.
 

Fährt man von Irkutsk weiter in Richtung Peking, so ist ein Halt in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator / Ulaan Baatar Pflicht! Die Stadt liegt umgeben von Bergen in gut 1500 Meter Höhe und wird jedem Besucher fest im Gedächtnis bleiben. Ulaan Baatar hat zwar keine Altstadt und kaum touristische Sehenswürdigkeiten, doch die Stadt ist trotzdem überaus interessant. Hat man sich erst einmal ein wenig eingelebt, wird man begeistert sein von der so ganz anderen Stadt abseits des hektischen Weltgeschehens. Sehenswert neben dem Zentrum sind das Gandan-Kloster und der so genannte Black Market / Tov Baraany sowie die umliegenden Berglandschaften. Von den Bergen kann man hervoragend auf die im Talkessel liegende Stadt blicken. Über Wiesen und durch Lärchenwälder kann man rings um die Stadt in den Bergen wandern gehen, doch Vorsicht, man sollte einen Kompass und eine gute Karte dabei haben. Wenn man sich verlaufen sollte, wäre das nicht besonders gut...
 

Wer Vladivostok als Endziel seiner Transsibreise hat, der sieht ein Stadt, die zu Sowjetzeiten komplett verschlossen und für Touristen nicht zugänglich war. Große Teile der sowjetischen Pazifikflotte lagen hier und Vladivostok war ein äußerst wichtiger militärischer Stützpunkt. Nicht ohne Grund bedeutet der Name der Stadt „Beherrsche den Osten“. Die Erzfeinde China und Japan liegen nicht weit entfernt und der Streit mit China um die Amur-Region ist noch immer nicht ganz beigelegt. Vladivostok hat kaum ältere Gebäude, aber sie hat noch einen gewissen Sowjetcharme und dürfte allein aus diesem Grund einen Besuch wert sein.
 
Text & Fotos: Marco Bertram 
 
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