Kindheitserinnerungen an die Betriebsferienlager der DDR Hot

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 20 März 2012    
 
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alte Geldbörse aus den 80ern
Foto: Marco Bertram

Der Autor als KindZeitreise zurück in die 1980er Jahre: Es war eine sehr emotionale Rückkehr. Nach 27 Jahren zurück am Ort, der für mich in der Kindheit wohl einer der schönsten überhaupt war. Im Herbst 2011 hatte ich mich auf den Weg gemacht, um die Spuren des einstigen Kinderferienlagers „Helmut Just“ in Eggersdorf, gelegen bei Strausberg und Berlin, ausfindig zu machen. Es dauerte nicht lange, bis ich die Ecke fand, an der einst die Gebäude des Betriebsferienlagers von ORWO Wolfen bzw. der Fotochemischen Werke Berlin standen.

Von den Holzbaracken und dem alten steinernen Hauptgebäude war nichts mehr zu sehen. Alles war abgerissen, das Gelände liegt derzeit brach. Zwischen wucherndem Gestrüpp und alten Kastanienbäumen wurde ich trotzdem fündig. Die einstigen Basketballkörbe des Sportplatzes, der alte hölzerne Fahnenmast, eine Tischtennisplatte, alte Plastik-Zahnputzbecher im Gebüsch, DDR-Bonbonpapier unter dem Laub, zerknautschte Tischtennisbälle, ein vermodertes Portmonee einer Gruppenleiterin, die Fundamentreste und verbogenen Blitzableiter der Schlafbungalows. Emotionen pur.

Wo ist all die Zeit geblieben? Mit feuchten Augen setzte ich mich auf eine Freifläche vor dem einstigen Hauptgebäude und ging in mich. Während die warme Herbstsonne an den Baumkronen vorbeizog, ließ ich Revue passieren...

EggersdorfFragt man die Leute, die in der DDR aufgewachsen sind, was ihnen am intensivsten in Erinnerung blieb, bekommt man immer wieder die klare Antwort: Die Klassenfahrten und vor allen Dingen die Ferienlageraufenthalte. Ist es die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ oder die Wehmut an die eigene Kindheit? Oder steckt noch viel mehr dahinter? Sehnsucht, Wehmut – ganz gewiss. Hinzu kommt der Fakt, dass mit dem Fall der Mauer diesbezüglich alles vorbei war. Die einstigen Betriebsferienlager wurden quer durch die Region Nordost entweder anderweitig genutzt oder wurden dem Verfall preisgegeben. Diese Tatsache verstärkte die Wehmut tief im Herzen um ein Vielfaches. Dem Erdboden gleichgemachte Ferienlager und zusammengefallene, von Efeu umrankte Baracken machen uns deutlich: Alles hat seine Zeit, alles ist vergänglich.

FerienlagergruppeAber wie war das denn damals? In der Regel durfte man als Knirps ab der zweiten Klasse in den Sommerferien in ein Ferienlager, das dem Betrieb bzw. Kombinat der Eltern zugehörig war, fahren. Meist für zwei Wochen. Die Altersgrenze lag bei etwa 14 Jahren. Bevor die Jungs und Mädels in den Schlafräumen und versteckten Gebüschen ernsthaft auf dumme Gedanken kamen, war Schluss.
Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich Anfang der 80er Jahre das erste Mal in das Ferienlager Julius Just nach Eggersdorf fuhr. Am S-Bahnhof Berlin-Kaulsdorf sammelten sich all die Kinder und Betreuer. Ein Winke-Winke der Eltern und schon flossen bei einigen Kindern die Tränen. Bei mir nicht. Ich war neugierig, auf das, was kommen mag. Ich mochte es sehr, wegzufahren. Da spielte es als Kind keine Rolle, ob mit dem D-Zug sechs Stunden bis nach Eisenach oder eine halbe Stunde mit der S-Bahn bis nach Strausberg. Vom S-Bahnhof Strausberg aus gingen wir gemeinsam zu Fuß nach Eggersdorf. Das Gepäck wurde auf einem Laster vorgefahren. Der rund 45-minütige Fußmarsch kam einem vor wie eine Ewigkeit. Eine gute Gelegenheit, sich erstmals zu beschnuppern. Ältere Kinder trafen recht fix auf bekannte Gesichter vom Vorjahr.

cool bleibenAuf dem kleinen Vorplatz des Hauptgebäudes, das eine mit Sicherheit fast hundert Jahre alte Holzveranda besaß, wurden sämtliche Kinder vom Lagerleiter begrüßt. Gruppeneinteilungen, Bettenbelegungen, die erste gemeinsame Mahlzeit in der besagten, lichtüberfluteten Veranda, die Platz für alle rund 120 Kinder hatte. Acht Gruppen à 15 Kinder. Acht Tische, auf denen die DDR-typischen Utensilien in Form von Alu-Besteck, Tellern und Plastikbechern standen.
Das Ferienlagergelände bot viel Platz (die Spurensuche 2011 bestätigte diese Erinnerung) und bestand aus dem steinernen Hauptgebäude, einem später hinzu gekommenen Anbau und mehreren Holzbungalows. Anfangs äußerst spartanisch waren die sanitären Einrichtungen. Zur Verfügung stand nur kaltes Wasser, sich gewaschen und Zähne geputzt wurden an trogförmigen Becken. Geduscht wurde schätzungswiese alle fünf Tage. Das Wasser wurde in einem Kessel extra angeheizt. Ob das schlimm war? Keineswegs. Allerdings gab es Proteste von Seiten der Eltern. Mitte der 80er wurde deshalb ein neuer Sanitärtrakt errichtet.

Während die Mädchen in den Zimmern des steinernen Hauptgebäudes nächtigten, schliefen die meisten Jungen in den Holzhütten. An den Geruch kann ich mich bis heute erinnern. Eine Mischung aus Kinderschweiß, warmer Sommerluft, Staub, Holzgeruch, muffiger Kleidung und vermodertem Obst. Letzteres gammelte gern in der hintersten Ecke der Schrankfächer. Gut gemeint gaben viele Eltern ihren Liebsten noch ein paar Äpfel oder gar Bananen mit auf den Weg. Für alle Fälle. Vor Ort wurden die Früchte dann jedoch fix vergessen. Kein Kind räumte täglich sein Fach auf, es sei denn, man hatte einen strengen Gruppenleiter. Oder Gruppenleiterin. Junge Mitarbeiter und auch Lehrlinge aus dem jeweiligen Volkseigenen Betrieb – in unserem Fall die Fotochemischen Werke Berlin-Köpenick, die zu ORWO Wolfen gehörten – arbeiteten gern in den Schulsommerferien in den betriebseigenen Ferienlagern. Zum einen konnte man sich paar Mark dazu verdienen, zum anderen verlängerten sie dadurch ihren eigenen Urlaub und konnten gedanklich und emotional an ihre eigene Kindheit anknüpfen. In unserem Fall war das Verhältnis zwischen Gruppenleiter und Kindern stets überaus gut.

Die Tage im Ferienlager waren straff strukturiert. Jedoch empfand man dies als Kind nicht wirklich störend. Okay, gewöhnungsbedürftig war für mich die Mittagsruhe zwischen 13 und 15 Uhr. Allerdings musste ja nicht fest gepennt werden, es blieb viel Freiraum für Gespräche von Doppelstockbett zu Doppelstockbett und angestiftete Kissenschlachten. Wer über die Stränge schlug, musste sich draußen an einen Baum stellen. Das klingt nicht wirklich drakonisch? Hm ja, die gleiche Regel galt auch nachts! Bei Mondschein und dem Geschrei der Käuzchen hatte manch ein Kind ganz fix die Buchse voll. Völlig ungezogene Kinder wurden auch schon mal von ihren Eltern abgeholt. Gleiches galt, wenn Heimweh und Trauer keine Grenzen mehr kannten.

BötzseeDie Tage sahen meist wie folgt aus. Aufstehen. Frühstück in der Veranda. Am Vormittag gab es meist ein Programm auf dem Gelände, oder die Kinder durften einfach spielen, was sie wollten. Wer zwischendurch Durst hatte, konnte sich an einem aufgestellten Behälter selbst Pfefferminztee mit Zitrone abzapfen. Nach der Mittagsruhe ging es meist zu Fuß zum nahen Bötzsee, auf dem Weg dorthin fing der eine oder andere im dortigen Bach ein paar Flusskrebse, die abends von der Küchencrew zubereitet wurden. Wirklich gegessen hatte sie dann kein Kind, vielmehr ging es um den reinen Spaß an der Freude. Am Strandbad des Bötzsees wurde jedes Mal ein Neptunfest ausgetragen. Welch ein Gekreische! Ausgesuchte Kinder wurden von den Häschern gejagt, anschließend wurde ihnen Sand in die Badehosen gestopft und eine widerliche Brühe eingeflößt. Zum Abschluss wurde man kräftig eingeseift, von Neptun persönlich getauft und ins Wasser geworfen.

KlettergerüstFür Kinder waren die Ferienlageraufenthalte in der Tat sehr lehrreich. Man lernte, sich in anfangs völlig fremde Gruppen einzuordnen. Zudem waren die zwei Wochen abseits der Schulklasse an der POS und dem Elternhaus ein Blick über den Tellerrand. Und was für einer! Nicht immer ging es locker flockig über die Bühne. Mehrmals gab es mitten in der Nacht einen Probe-Feueralarm. Laut ertönte gegen halb drei die Sirene, die nach Weltkrieg und Bombenangriff klang. Barfuß und im Schlafanzug hatte man sich so schnell wie es ging draußen auf dem asphaltierten Vorplatz in Gruppen aufzustellen. Die Zeit wurde mit Hilfe einer Stoppuhr gemessen, und wehe, ein Kind hatte sich noch fix die Schuhe angezogen! Die kernige Ansprache des Lagerleiters war lang. Der körnige Asphalt schmerzte in den zarten Fußsohlen der Mädchen und Jungen. Vor Kälte schlotternd verharrten die Gruppen vor dem Gebäude und sehnten sich zurück in die warmen Betten.

Wenn man schon mal wach war: Sich Gruselgeschichten um drei Uhr in der Nacht zu erzählen, fetzte natürlich. In den Holzbungalows wurden die fürchterlichsten Gruselgeschichten von Bett zu Bett geflüstert. Kindermörder, die in der Gegend nach Opfern Ausschau hielten. Bissige, tollwütige Hund, die umherstreunten. Ganz besonders für Kinder, die häufig des Nachts allein unter dunklen Eichen und Kastanien eine Strafe abstehen mussten, waren diese Gerüchte übel. Beliebt war auch immer wieder die Anekdote von dem Verbrecher, der Drahtseile über die Straßen spannte und somit ahnungslose Motorradfahrer köpfte. Und man stelle sich vor, die Opfer fuhren noch einige hundert Meter weiter – und das ohne Kopf. Diese Story verbreitete sich in den 80ern in der DDR von Kap Arkona bis ins Vogtland. Ein Evergreen der Horrorgeschichten.

wanderungDreimal fuhr ich ins Kinderferienlager nach Eggersdorf. 1985 durfte ich dann als Austauschschüler in den Thüringer Wald ins Ferienlager Hohe Tanne in Großbreitenbach. Kurioserweise habe ich keinerlei Erinnerungen an diesen Aufenthalt. Nichts, wirklich nichts ist in meinem Gedächtnis verankert. Was mir bleibt ist eine Urlaubskarte, die mir meine Eltern von der Insel Rügen nach Großbreitenbach geschickt hatten: „29. Juli 1985. Lieber Marco! Heute haben wir eine große Wanderung gemacht. Bis jetzt ist das Wetter schön. Und bei Dir? Gebadet haben wir auch schon, das Wasser ist schön warm. Sei ganz lieb gegrüßt von Papa + Mutti! Du fehlst uns du Lümmel!“ Oben rechts in der Ecke eine DDR-Briefmarke. 10 Pfennige. 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Zu sehen zwei Kosmonauten, die winken.
Lebendiger sind die Erinnerungen an den Ferienlageraufenthalt des Sommers 1986. Eigentlich wollte ich unbedingt wieder nach Eggersdorf, doch meine Eltern meinten: Da kannst du ja nächstes Jahr wieder hin. Dieses Jahr darfst du als Austauschschüler auf die Insel Rügen nach Breege! Dort befand sich das Hauptlager des Kombinats ORWO Wolfen. Rund 700 Kinder hatten dort Platz. Nur schätzungsweise 20 von ihnen kamen aus Berlin, der Rest reiste aus dem Süden der Republik an. Das war ein hartes Brot, doch wir Ostberliner wurden eine eng zusammengeschweißte Bande, die ihr eigenes Ding machte.

Gegessen wurde im großen Speisesaal in Schichten. Über die Lagerlautsprecher wurden die einzelnen Gruppen aufgerufen. Auch den Geburtstagskindern wurde am Morgen über die Lautsprecher gratuliert. Bereits in Eggersdorf hatte ich als August-Kind meinen zehnten Geburtstag gefeiert. Damals stand ich einen ganzen Tag lang im Mittelpunkt. Bei meinem 13. Geburtstag in Breege war das ganz anders. Ich staunte nicht schlecht, als morgens gleich vier Namen aufgerufen wurden. An jedem Tag der gleiche Ablauf. Fließbandarbeit. Wie sollte das bei hunderten Kindern auch anders gehandhabt werden? Ich vermisste in Breege die Gemütlichkeit des kleinen Lagers in Eggersdorf, doch ein klasse Aufenthalt wurde es auch dort. Der Ostseestrand befand sich in Reichweite, und in unserer „Berliner Baracke“ wurden die schärfsten Nachtgeschichten erzählt und coolsten Mutproben veranstaltet. Hm ja, wer ist schon ein Mann? Bei wem wächst der erste Flaum – und das nicht nur am Kinn.

Danzig1987. Eggersdorf? Wieder nicht! Ein weiteres Angebot flatterte herein. Da mein Vater Schicht arbeitete, bekamen seine Familienangehörigen Vergünstigungen. Eine Ferienlagerfahrt nach Polen? Ich war dabei! Und das mit wehenden Fahnen! Megagroße Aufregung im Vorfeld. Stundenlanges Wälzen der Schul-Atlanten. Wo genau liegen Warschau und Danzig und vor allen Dingen dieses Mikoszewo an der Weichselmündung? Meine Freude war groß, denn mit dabei waren Zwillinge, die ich in Eggersdorf liebgewonnen hatte. Mit der Bahn ging es nach Warschau, wo beim Mittagessen in einem Restaurant Nacktschnecken in den Salatblättern zu finden waren. Wir lachten, doch unsere Begleiter waren außer sich vor Wut und schimpften auf die polnischen Kellner ein.
In der Ortschaft Mikoszewo bezogen wir in einem Gebäudekomplex ein paar Räume. Von dort aus ging es immer wieder ins nahe Danzig. Wir staunten nicht schlecht, als wir nach einer Woche einhundert Zloty in die Hand gedrückt bekamen. Hier ein Taschengeld, zur Verfügung gestellt von ORWO. Freie Nachmittage in der Danziger Altstadt. Massehaft Eis wurde hineingeschaufelt, zudem versorgten wir uns mit abfotografierten Bravo-Postern und Ansteckern. Wir fühlten uns wie im Paradies. Einiges war dort erhältlich, was man in der DDR vergeblich suchte.

Zwei Dinge blieben jedoch auch negativ in Erinnerung. Zum einen ein Restaurantbesuch, bei dem uns DDR-Jugendlichen leckere Schnitzel serviert wurden, während die polnischen Gäste traurig zu uns herüberschauten. Zum anderen ein Erlebnis in der Warschauer Innenstadt. Zwei Milizangehörige in grauen Lederjacken hatten mit Gummiknüppeln auf einen Obdachlosen eingedroschen. Ein schockierender Anblick, der mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.
Am wohl letzten Tag des dortigen Aufenthaltes saßen die beiden Zwillinge und ich gemeinsam am Strand der Danziger Bucht. Vor uns lagen die gesammelten Bernsteige. Würden wir uns im kommenden Jahr noch einmal wiedersehen? Melancholie machte sich breit. Einmal könnten wir noch fahren. Wie machten aus, dass unsere Väter, die ja gemeinsam im Werk Berlin-Köpenick arbeiteten, eine gemeinsame Terminplanung für den Sommer 1988 ausarbeiten könnten. Eggersdorf sollte es nun noch einmal sein!

Im Frühjahr 1988 die Nachricht: Die Zwillinge und ich könnten gern noch einmal nach Polen fahren. Was tun? Eggersdorf rief in voller Wehmut, Polen lockte mit bunten Abenteuern. Okay, dann noch einmal ins sozialistische Bruderland. Wenige Wochen vor Abfahrt dann der Schock. Die Altersgrenze wurde heruntergesetzt. Es gab zu viele Zwischenfälle unter den Älteren. Prügeleien, Sex und Alkoholmissbrauch. Die etwas jüngeren Zwillinge durften fahren – ich nicht. Ein Schlag ins Gesicht. Und was für einer! Das erste Mal war ich in meinem Leben für etwas zu alt. Was für eine bittere, schmerzvolle Erfahrung.
Mit meinen Eltern und meinem damals gerade einmal anderthalbjährigen Brüderchen verbrachte ich die Sommerferien 1988 auf einem Wassergrundstück, das einer guten Bekannten gehörte. So weit so gut. Auch dort war es prima. Wenn da nicht auf der anderen Seite des Prieroser Sees ein Kinderferienlager gewesen wäre. Immer wieder erinnerte mich das muntere Geschrei der Kinder, das der Wind über den See zu uns an den Steg herübertrug, an Eggersdorf, Breege und Mikoszewo. Mit feuchten Augen saß ich abends am Wasser und starrte auf die kleinen Fische, die muntere Bögen sprangen.
Ein Jahr später fiel die Berliner Mauer und mir ihr das gesamte System. Aus dem Plan, später einmal als Gruppenleiter nach Eggersdorf zurückzukehren, wurde nun auch nichts. Das dortige Kinderferienlager wurde abgewickelt. Der für mich einzige echte Wermutstropfen, was den Zusammenbruch der DDR angeht.

BasketballkorbNun im Herbst 2011 saß ich auf dem überwucherten Gelände in Eggersdorf. Noch einmal ging ich nach hinten zu der Wiese. Meine Güte, die Basketballkörbe an den Metallgerüsten hingen immer noch. Die Gerüste wurden wohl für die Ewigkeit gebaut. Sie erinnerten mich als Kind immer an sowjetische Stromtrassen. Im hohen Gras fristete noch ein umgekipptes Fußballtor sein Dasein. Während ich so durch die Wiese streifte, fielen mir wieder die Sportfeste sein. Die größeren Jungs spielten immer gegen Teams aus Polen und der CSSR. „ORWO vor, noch ein Tor!“ Ich weiß noch, wie ich mich im Weitsprung angestrengt hatte. Unbedingt wollte ich eine Medaille mit nach Hause nehmen. Es hatte nicht gereicht. Ich wurde undankbarer Vierter.

GeldbörseAb in die Büsche. Während meiner Spurensuche 2011 dauerte es nicht lange, bis ich im Gehölz die ersten Gegenstände fand. Leere Schnaps- und Bierflaschen aus der DDR. Kein Wunder, dass diese hinter die Holzbungalows geworfen wurden. Unter dem Laub auf der alten steinernen Tischtennisplatte fand ich neben den zerknautschten Bällen ein Spielzeugauto, von dem nur noch das Unterteil vorhanden war. Ein Stück weiter die Alu-Verpackung eines Schokoriegels. „bon“ stand schwarz auf rot geschrieben. „Kokos mit Milchschokolade“. Die hatte in der DDR ihren Preis. Genauer gesagt: 0,60 Mark. Zu finden waren auch Verpackungen, die aus der Übergangszeit stammten. Kurz nach der Wende wurde das Ferienlager noch kurze Zeit weiterbetrieben, bevor man es verfallen und später abreißen ließ. Ein roter Zahnputzbecher aus Plaste (ja, Plaste!) weckte meine Aufmerksamkeit. Tatsächlich. „EVP -,47 M“. Ob es mal meiner war? Wer weiß! Wenig später entdeckte ich ein rotes Portemonnaie. Käfer und Asseln krabbelten aus den halb vermoderten Kunstlederfächern. Und das? Ein kühler Schauer packte mich. Ein Passfoto! Leider kaum noch als solches auszumachen. Nur noch vage Umrisse. Im Fach war noch ein Klebeschildchen zu finden. „Heidrun“. Sie war sicherlich Betreuerin. Kein Kind trug in der DDR Konsummarken und schon gar nicht FDGB-Marken durch die Gegend. Zu gerne wüsste ich, wer diese Heidrun war. Ob sie noch lebt? Wenn ja, wird sie eines Tages diesen Bericht lesen?
Foto oben: Der Autor als Kind

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Usedom / Ückeritz / Helmut Just - Ferienlager

Immer, wenn man an die Zeit denkt, wird es ein warm ums Herz. Das war halt die Jugend. Ich - Bj.71 war immer in den Sommerferien im Helmut Just-Ferienlager. Sonne, Ostsee, Neptunfest, Disco, Sport, Nachtspaziergang, chinesische Runde, Sportfest (gegen "Sachsen" ;-)), Marmelade aus großen Papp-Eimern, "we will rock you" - sofort auf den Boden gerutscht. Und natürlich eine nicht verwirklichte Bekanntschaft. Man traute sich nicht. Man schaute sich aber ständig an.... Mist, daran denke ich auch noch oft. Ich glaube Anja (oder so ähnlich) aus Weissensee. Meld dich ;-)
Gruß Robert

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dabke

Danke Dir für Deinen bericht ich konnte mich gut erinnern wie es bei mir damals war. Ich bin 79 geboren und war in NEugersdorf und Roßwein im Ferienlager. Das war schon eine tolle Zeit. Ich bin grad am Heulen. Vielleicht kommt ja nochmal eine schöne Zeit, auch wenn es nicht so wie damals ist.

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Krummin

Sehr schöner Artikel! Ich war selber als Kind auch viele Sommer im Ferienlager in Krummin auf Usedom und in der CSSR. Aus dem verschlafenen Örtchen ging es an die wirklich ferne Ostsee, gemeinsam mit Berliner Großstadtkindern. Das hat mich auch geprägt (und stärker gemacht).
Was nicht vergessen werden darf: Es gab damals keine (Mobil)Telefone! Anrufen zum Plaudern war nicht möglich! Man musste mehrere Tage auf Post von der Mutti warten. Und des Öftern, als nach dem Kaffeetrinken die Post an alle ausgeteilt wurde, ging man leer aus. Dafür war die Freude umso größer, wenn ein Briefumschlag dabei war!
Um mir das Ferienlager-Gefühl noch zu erhalten, habe ich nach der Wende noch einige Sommer als Betreuer in Kinderferienlagern gearbeitet. Das waren auch sehr schöne Zeiten. Das änderte sich von einem Jahr aufs andere, als plötzlich die meisten Kinder Mobiltelefone hatten und wegen jeder Kleinigkeit zu Hause anriefen. Ständig hatte man aufgelöste Eltern am Telefon, die nicht verstanden was gerade mit dem behüteten Kind passiert und vereinzelt mit dem Anwalt drohten. Dilemma: Die hier kritisierte Elterngeneration war vermutlich selber als Kind im Ferienlager. Die Zeiten ändern uns ;-

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Breege

War von 88-90 in Breege
Beim ersten Mal hatte war es die letzte Hütte auf der linken Seite vom Eingang aus gesehen, direkt vor dem Platz mit dem Baum, beim dritten Mal genau gegenüber und 89 dahinter, wenn ich mich recht erinner, kann auch umgedreht sein, ist halt schon ewig her
Vielleicht finden sich hier ja Leute die zur gleichen Zeit dort waren

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Borkheide

Hallo
habe eben diesen Beitrag gelesen und fühlte mich zeitlich sofort in die Ferienlagerzeit Ende der 70 ziger anfang der 80ziger versetzt. Bin BJ 71 und war einmal in Borkheide und davor irgendwo in der Nähe von Merseburg. Das Lager hieß glaube ich Urbach. Bin mir aber nicht mehr sicher. Ich kann durchaus bestätigen, daSS DAS eine wirklich schöne Zeit war. Urbach war einfach nur schön. Mitten im Gebüsch und dem Wald war ein winzig kleiner Tümpel, See, oder was auch immer. Dieser war nur vielleicht etwa 30 mal 70 Meter groß. Aber die Gegend war einfach nur wunderschön. Ich hatte auch sehr viel Spaß. Danke, das Ihr alle mich nun wieder daran erinnert habt, was ich schon fast vergessen hatte.!

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Breege

Hallo,

ich war in Bregge insgesammt 4 mal.
Das erste mal 1979 von der ersten zur zweiten Klasse in Bugalow 19.- zweiter Durchgang.
Der ist mir einfach in Errinnerung geblieben,
Die darauf folgenden Besuche waren dann im "modernisierten" Bugalows ab '82-88.
'88 als Ferienarbeit in der Küche.

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Danke,

sehr schöner Bericht,
da kommen viele Kindheitserinnerungen wieder hoch.
war selber in den 80er jedes Jahr 1-2x Im Ferienlager
Juliusruh auf Rügen und habe nur gute Erinnerungen.

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