Früher war die enorme Gewaltbereitschaft der Teilnehmer der Revolutionären 1.-Mai-Demonstration das Hauptproblem. In der Gegenwart ist dagegen die Größe der Demonstration als solches das Hauptproblem. Zwischenzeitlich bis zu 10.000 Personen hatten gestern Abend an der Demonstration teilgenommen, die erstmalig nur durch den Berliner Stadtbezirk Neukölln führte. Zwischenzeitlich war es für die Polizei nicht einfach auf Grund der Länge des Demonstrationszuges komplett den Überblick zu behalten. Anders als bei anderen Kundgebungen üblich, geht es an der Demonstrationsspitze der linken Mai-Kundgebung mit flotten Schritten voran, was die Sache für die Ordnungshüter nicht leichter macht.
Dass an der Demonstration wieder zahlreiche Menschen teilnehmen, war gestern am späten Nachmittag schnell klar. Tausende Teilnehmer sammelten sich auf der Kottbusser Brücke, unter großem Jubel wurde dort vom Dach eines Eckgebäudes ein riesiges Transparent aufgehängt, ein wenig Pyrotechnik brachte gute Laune. Über den Kottbusser Damm und den Hermannplatz ging es zur Sonnenallee, der bis zur Kreuzung Fuldastraße gefolgt wurde. An der Demonstrationsspitze waren sich zahlreiche Journalisten und Fotografen einig: Die Demo passt ganz gut in den Bezirk. Neukölln könne schließlich eines Tages das neue Prenzlauer Berg oder Kreuzberg werden. Was jedoch Böller mit revolutionärem Klassenkampf zu tun haben, habe er noch nie verstanden, erklärte ein älterer Mann. In der Tat, aus dem Demonstrationszug heraus wurden immer wieder Böller zur Detonation gebracht.
Die Stimmung wirkte zwar gestern gereizt, jedoch bei weitem nicht so aggressiv wie vor zwei Jahren, als es bereits nach wenigen Minuten Steine in Richtung Polizei hagelte. Zu Bruch gingen die Scheiben einer Bank, als der Demonstrationszug die Karl-Marx-Straße überquerte. Die Flughafenstraße ging es weiter hoch zur Hermannstraße. Wieder wurde vom Dach eines Gebäude aus ein Transparent gehisst. Flotten Schrittes ging es zur Hermannstraße, diese paar Hundert Meter entlang, bis die Route an der Werbellinstraße wieder hinunter zur Karl-Marx-Straße führte. Etwas brenzlig wurde es an jener Ecke. Wieder wurde eine Bank - deren Scheiben kurioserweise nicht gesichert wurden - Ziel von Steinattacken. Bevor ein Beobachtungsfahrzeug der Polizei angegriffen werden konnte, startete dieses ganz fix durch. An der Spitze berieten die leitenden Polizisten im Eilschritt, wie nun weiter verfahren wird. An der Karl-Marx-Straße würde es spannend werden - so viel war klar.
Um die Sache unter Kontrolle zu bringen, sperrten Hundertschaften der Polizei vorerst die Kreuzung Werbellinstraße / Karl-Marx-Straße ab. Es kam zu einzelnen Festnahmen. Einsatzkräfte der BFE bahnten sich den Weg quer durch die Massen. Nach einigen Minuten konnte die Demo dann in Richtung Hermannplatz weitergehen. Ab nun war die Polizei sehr präsent und sicherte auch die Seiten des Demonstrationszuges ab. Zum Halten kam die Demo schließlich wieder am Hermannplatz, der komplett abgeriegelt wurde. Schweres Gerät war aufgefahren worden. In der Menge brodelte es ein wenig. Etwas Qualm, ein bengalisches Feuer, gezielte Festnahmen.
Um 20:55 Uhr wurde per Lautsprecherwagen verkündet: Die Demo sei hier bereits beendet. Die ehemaligen Demonstrationsteilnehmer wurden aufgefordet, sich in Kleinstgruppen zu entfernen. Tabu war jedoch der Hermannplatz. Der Großteil der Leute zog weiter in Richtung Südstern und bog rechts in die Jahnstraße ab. Über Schönleinstraße und Kottbusser Damm marschierten die meisten direkt zur Kottbusser Brücke. Das Ziel: Kottbusser Tor. Hier und dort ein paar Zwischenfälle, auf der Brücke war allerdings vorerst kein Durchkommen. Erst nachdem sich die Masse nach und nach aufgelöst hatte, wurde die Brücke wieder für Fußgänger freigegeben. Nach 22 Uhr hatten sich rund um den U-Bahnhof Kottbusser Tor rund 2.000 Personen versammelt. Es kam zu Flaschenwürfen und Farbbeutelattacken. Ab und an wurde auch ein Polenböller gezündet. Die polizeilichen Einsatzkräfte gingen konsequent vor, schwere Krawalle konnte vehindert werden. Zum Einsatz kam teilweise recht massiv Pfefferspray, das bei manch einem üble Folgen verursachte. Freiwillige Sanitäter versorgten die Verletzten notdürftig unter einer Treppe und später an einer Hauswand. Gezielt wurden zahlreiche Personen festgenommen. Nach 1 Uhr beruhigte sich die Situation dann schließlich langsam...
ich fand die demo schwungvoll und energievoll. die medien warteten wieder mal auf randale. ach wie schade für sie, dass die randale ausblieb. dass die demo biszu 15.000 teilnehmer hatte, spielt anscheinend keine rolle. mehr als bei so manch andere kundgebung in deutschland!