Zeitreise: Terror in Berlin - so titelte Bild nach dem Attentat auf Rudi Dutschke
Magazin - Gesellschaft
Geschrieben von: Marco Bertram   
Dienstag, den 13. April 2010 um 17:05 Uhr
altExakt 42 Jahre ist es her, als Bild zwei Tage nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke titelte: "Terror in Berlin! Krawalle am Kudamm, Rathaus und RIAS". Am 13. April 1968 bestimmten allein diese Geschehnisse die damals 14-seitige Bild, die am Kiosk 15 Pfennige kostete. "Unabhängig, Überparteilich, Gesamtauflage über 4,5 Millionen Exemplare", so stand es auf Seite 1 oben in der linken Ecke. Was gab es an jenem Tag noch zu berichten? Die turus-Redaktion warf einen Blick in die Ausgabe. 

Ganz unten fällt schon mal gleich etwas auf, was Autofahrer interessieren könnte. Bei der Sebeka Großtankstelle in Plötzensee kostete damals ein Liter Benzin 56,7 Pfennige, für einen Liter Super mussten 58,7 Pfennige gezahlt werden. Auf der Titelseite geworben wurde außerdem für "Antjes - das milde Pfefferminz", "Amselfelder - Sonnenwein aus Jugoslawien" und die "aromatisch-leichte Java-Mischung" für 11 Pfennige das Stück.

Von den Nachrichten her ganz klar auf Seite 1: D
ie Geschehnisse nach dem Dutschke-Attentat. Sonst nichts. "Sie kommen! Die Randalierer stürmen auf die Polizei", lautete eine Bildunterschrift.
"Straßenschlachten und Brandstiftungen, wie sie Berlin seit Kriegsende noch nicht erlebt hat... Teilweise herrschte nackter Terror.", mit dieser Wortwahl wurde über die Proteste der aufgebrachten Demonstranten berichtet.
Die letzte Seite wurde ganz dem Attentäter gewidmet. "Er malte Hitler und Napoleon und schoß auf Rudi Dutschke", "Der Attentäter: Ich wollte es wie der Mörder von Luther King machen."

"Das Opfer. Der Täter. Millionen bangten mit." Auf der zweiten Seite gab es eine Gegenüberstellung. Links Rudi Dutschke. Rechts Josef Bachmann. Die Wortwahl auf dieser Seite ist moderater. Etwas. 
Auf der dritten Seite ging es um den Kampf des Attentäters mit der Polizei. Skizze, Fotos, ein knapper Text. In einer linken Spalte heißt es noch: "Dutschkes Vater kam aus der Zone."
Ganz unten auf Seite 3 wurde noch eine Schultheiss-Werbung gedruckt: "Schultheiss wünscht allen Berlinern fröhliche Ostern." Mit einem Sternchen dran: "... und ein Wetter zum >>Eierlegen<<"

Auf der vierten Seite wurde noch einmal komplett über den Kampf des Attentäters mit der Polizei berichtet. Auf Seite 5 wurde ein riesiges Foto abgedruckt. "Zeitungswagen in Flammen." Unten noch ein kleineres Foto und ein Text über die Ereignisse vor dem Axel-Springer-Hochhaus.

altAuf der sechsten Seite: "Ku´damm wurde zum Schlachtfeld". Unten einige Stellen- und Wortanzeigen. "Ein Mann, ein Wort" - keine Schlagzeile, sondern ein Werbespruch für reinen Cigarettenschnitt für 1,50 DM. Beim Schmökern in den Anzeigen findet man glatt einen Klassiker: "Fernsehkummer??? - Jägernummer!" Berliner, die auf dem südlichen S-Bahn-Ring fahren, werden diese Werbung auf einer alten Gebäudewand kennen...

Auf Seite 7 wurde der "Sturm auf den Wasserwerfer" beschrieben. Den meisten Platz nahmen Anzeigen aus dem Bereich Camping und Wassersport ein.
Eine 33-Meter-Rolle Rauhfasertapete kostete damals 5,50 Deutsche Mark, und der Fotoapparat Super-Dignette Elektic CR war im April 1968 für 129 DM zu haben.

Auf der achten Seite folgten kraftvolle Bilder und ein knackiger Text zum Geschehen vor dem Rathaus Schöneberg. Unten rechts wurde eine Anzeige der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands abgedruckt. Ein Aufruf "zur Unterstützung verfolgter Demokraten".

Die Seite 9 war gefüllt mit Anzeigen aus der Rubrik "Kraftfahrzeuge". Ein NSU kostete 5.588 DM. Verkauft wurde auch der Skoda 1000 Moldau für 3.998 DM. Ein Austin 1800 war damals für 8.954 DM zu haben.
Auf der Seite 10 gab es das TV-Programm, das Bild-Horoskop, ein Kreuzworträtsel und ein Artikel über den "Kuli".

"6 Kilometer Autoschlange" - am Kontrollpunkt Dreilinden standen die Fahrzeuge drei Stunden lang. Unten auf der Seite 11 wurden die Sport-Veranstaltungen des Osterwochenendes angekündigt. So gab es unter anderem ein Freundschaftsspiel zwischen den Berliner Amateuren und Viktoria 02 Düsseldorf zu sehen.

Die aktuelle Sportberichterstattung gab es auf den folgenden beiden Seiten. "Jetzt muss Bayern München nach Bochum. Pott versenkt. Regionalligist VfL Bochum der große Minenleger im Pokal.", "TeBe-Sieg durch Elfmeter!" Mit 1:0 gewann Tennis Borussia damals gegen Schwarz-Weiß Essen.
Und noch was: Satte 2,6 Millionen DM hatten damals jeweils Inter Mailand und Juventus Turin für Helmut Haller geboten, der damals in Bologna unter Vertrag war.
Im Fokus war weiterhin der Boxsport. Bubi Scholz erhielt die Gold-Nadel und der "Boxprinz" wurde "arg vermöbelt".

"Wohin zu den Osterfeiertagen?" So lautete die abschließende Frage.
"... so jung und so verdorben! Naomi die Unersättliche" Dieser Film hatte am 13. April 1968 Premiere im Delphi Filmpalast am Zoo. "Der zweite Atem" lief im atelier am Zoo.
Am Osterwochenende wurde an der Hasenheide drei Tage lang ein Bockbierfest veranstaltet, und täglich um 20 Uhr gab es im Sportpalast die Welt-Catch-Elite zu sehen: "Catch - Zebra Kid USA".

Foto unten:
Archiv-Foto Westberlin 1960er Jahre (www.globalphotos.de)
 
Diskutieren (1 Posts)
gando
Zeitreise: Terror in Berlin - so titelte Bild nach dem Attentat auf Rudi Dutschke
Apr 13 2010 16:52:12
Eins muss man sagen. BILD ist sich einer Sache treu geblieben. Der Wortwahl. Ist doch toll, wenn manche so geradlinig arbeiten und sich ihrer traditionellen Arbeitsmethoden besinnen...
#14130

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