Ein x-beliebiger Freitag-Nachmittag in Berlin-Neukölln. Das Wetter ist grau, die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt, die Bürgersteige sind mäßig gut geräumt. Leichter Schneefall, viel Verkehr auf den Hauptstraßen.
Linke Hand lockt ein chinesisches Restaurant mit einem Sonderangebot: "Ente kross oder Hühnerfilet 4,90 Euro". Ein paar Meter weiter hat ein Spätkauf 23 Stunden am Tag geöffnet. Keine Seltenheit in Berlin-Neukölln.
Meter für Meter geht es in Richtung Hermannplatz. Zu sehen gibt es viel. Die Dichte an Geschäften und Bars ist beeindruckend. Die Vielfalt ebenso. Glücksspiel-Casinos, Handy-Läden, Imbisse, ausländische Lebensmittelgeschäfte, Bars - und auch hier und dort Leerstand und Verwahrlosung.
Im grauen Schneematsch zieht ein Jugendlicher seinen kleinen Bruder auf einem Schlitten. Mühsam arbeitet sich ein Rollstuhlfahrer voran. In einem schmucken Möbelgeschäft sitzt eine ganze arabische Familie Probe auf schwarzen Ledersesseln mit goldenen Beschlägen. Die Möbel sehen aus wie aus einem Märchen aus 1000 und einer Nacht. Viel Prunk und Verzierungen.
Ecke Wildenbruchstraße befindet sich die Polizeidirektion 5 Abschnitt 54. Man möchte nicht wissen, was die dortigen polizeilichen Einsatzkräfte nachts so alles zu tun haben. Gleich gegenüber befindet sich ein Bestattungsinstitut für islamische Bestattungen.
In einer arabischen Bäckerei wird einem freundlich zugelächelt. Eine spannende Impression folgt der nächsten. Vor einem grauen Altbau wurde ein Hochsicherheitstor errichtet. Zugang wie zu einem Ghetto. Man fühlt sich nach Rio de Janeiro oder in die Bronx versetzt.
Mekka-Reisen, Wasserpfeifen, hoch qualitative Musikinstrumente beim Musikservice. Die Sonnenallee bietet so manches, was woanders nicht ohne weiteres zu finden ist.
In der Galerie El-Salam werden prachtvolle Stoffe und Gardinen angeboten. In der VIP-Lounge und im Musik-Café Havana 80 treffen sich arabische Jugendliche. Vor einem Lieferservice trinken zwei Männer schmerzfrei eine Pilsette im Schneetreiben.
Ein paar Meter weiter wird man auf eine Bar aufmerksam, an der Plakate mit der albanischen Fahne und der Kosovo-Flagge hängen. Auch die Kosovo-Albaner haben ihr Plätzchen an der Sonnenallee gefunden.
Flüge nach Beirut für 358 Euro und Flüge nach Damaskus für 299 Euro werden in einem arabischen Reisebüro angeboten. Die Sonnenallee ist in arabischer Hand. Türkische Geschäfte sieht man kaum. In einem Libanon-Bistro werden Schawarma und Falafel für je ein Euro angeboten. Ein Euro! Wo gibt es so etwas noch?
Wer dem Braten nicht traut kann im "Ris A" ein frisches auf Holzkohle geschmortes Hähnchen kaufen. Ecke Reuterstraße. Gleich gegenüber befindet sich das "Café Warschau". Daneben gleich wieder ein riesiger Laden für Sportwetten.
Auf dem Hermannplatz gibt es typisch deutsche Kost. Zwei Currywürste mit Pommes für glatte drei Euro. Was für den richtig großen Hunger und den Berliner Geschmack. Ein Typ mit riesigen Kopfhörern pilgert über den Platz und mampft lieber eine Pizza. Eine armer Kerl hockt auf einer vereisten Bank und stimmt ein Klagelied an. Schaut man auf dem Platz genauer hin, entdeckt man manch so eine bittere Sache. Unten auf dem Bahnsteig der U8 ist es auch nicht viel besser. Brennpunkt. Schmelztiegel für gescheiterte Existenzen. Bier, Suff, reichlich kläffende Hunde.
Es folgen ein afrikanischer Abschnitt und ein indisches Geschäft. Jede Nation hat hier sein Plätzchen. Vielerorts werden Kleidungsartikel an Hauseingängen verkauft.
Ab den modernen Neuköllner Arkaden wird die Karl-Marx-Straße zu einer richtigen Einkaufsstraße mit Main-Stream-Geschäften. Gegenüber des C&A-Kaufhauses wurde ein neuer Komplex mit großen Glasscheiben errichtet. Einst befand sich dort der überaus hässliche Klotz, in dem Hertie zu Hause war. Glücklicherweise wurde die Bausünde aus den 70er Jahren komplett umgebaut. Nun laden H&M, Esprit und andere Läden zum Bummeln ein.
Vorbei an zahlreichen Imbissen, Handy-Shops und 1-Euro-Geschäften geht es weiter in Richtung Ringbahn. Hinter dem Karl-Marx-Platz wird die Straße ruhiger. Vorbei geht es an der evangelischen Kirche der Magdalenen-Gemeinde. Wöchentlich werden dort Lebensmittel an Bedürftige ausgeteilt. Und wieder ist man beim Punkt. Fakt ist, dass extrem viele Bewohner von Neukölln-Nord Sozialleistungen beziehen. Das Jobcenter muss täglich ganze Arbeit leisten.
Nach dem Spaziergang auf den Hauptstraßen geht es nun mitten rein in den Kiez. Was erwartet einen dort? Zwei Bilder. Es gibt Ecken, die in der Tat extrem trist und grau wirken. Andererseits gibt es in Rixdorf die Gegend rings um den Richardplatz. Die Straßen im böhmischen Dorf werden immer beliebter - und teurer.
In studentischen Kreisen werden bestimmte Viertel von Neukölln immer angesagter. Relativ preiswerte Altbauwohnungen und Platz für Nischen zur Selbstverwirklichung.
Fazit: Trotz all der Probleme des Bezirks - wer einmal dort wohnt, wird die multikulturelle Vielfalt zu schätzen wissen.
Fazit: Trotz all der Probleme des Bezirks - wer einmal dort wohnt, wird die multikulturelle Vielfalt zu schätzen wissen.
